Insektenwiese am Galgenberg gedeiht prächtig – Prof. Dr. Türk sehr zufrieden
„Eine Frage der Verantwortung“

Brakel (WB). Das Insektensterben ist in aller Munde. Im Sommer 2019 taten sich daher Bürger aus Brakel zusammen, um konkret an einem Projekt zur Verbesserung der Lebensbedingungen für Insekten und Vögel zu arbeiten. Die Interessengemeinschaft „Annenbiene“ war geboren.

Samstag, 17.10.2020, 03:03 Uhr aktualisiert: 17.10.2020, 03:10 Uhr
Auf den ersten Blick eine trostlose Wiese, die Brakeler Insektenwiese am Galgenberg im Herbst. Doch niedrige Pflanzen blühen bereits wieder und bieten Hummeln, die auch im Winter nach Nahrung suchen, und anderen Insekten eine Zukunft. Foto: Reinhold Budde
Auf den ersten Blick eine trostlose Wiese, die Brakeler Insektenwiese am Galgenberg im Herbst. Doch niedrige Pflanzen blühen bereits wieder und bieten Hummeln, die auch im Winter nach Nahrung suchen, und anderen Insekten eine Zukunft. Foto: Reinhold Budde

Die Werbetrommel wurde gerührt und Geld für die Pacht von Ackerland gesammelt. So sorgten die Paten von einzelnen Ackerzellen dafür, dass am Galgenberg in Brakel ein 6200 Quadratmeter großes Ackerfeld für ein Jahr gepachtet werden konnte.

Larven überwintern

Bürgermeister Hermann Temme und der Klimaschutzbeauftragte der Stadt Brakel, Hendrik Rottländer, haben sich die Insektenwiese jetzt angeschaut und waren überrascht, wie viele Pflanzen noch oder bereits wieder blühen. Und das, obwohl die Wiese bereits einmal gemäht wurde.

„Eine Wiese muss einmal im Jahr gemäht werden. Das sind die Pflanzen gewöhnt, und danach können sie sich neu entfalten“, sagte der „Kopf“ der IG „Annenbiene“, Rudolf Mönikes, bei der Präsentation der Insektenwiese zu Hermann Temme und Hendrik Rottländer.

„Aber wir werden stets am Rand der Wiese einen Teil der Pflanzen stehen lassen. Hier soll sich ein hochwüchsiger Blütensaum aus angepassten Arten entwickeln. In den abgestorbenen Stängeln überwintern die Larven vieler Insekten. Häufig sehen wir hier schon die bunten Distelfinken und Bluthänflinge sitzen und allerlei Samen fressen. Und die Rebhühner der Umgebung haben diese Altgrassäume auch schon für sich als Einstand und Nahrungsquelle entdeckt“, ergänzte Prof. Dr. Winfried Türk, der sich als Landschaftarchitekt der Technischen Hochschule OWL von Anfang an in das Projekt mit eingebracht hat und als Spezialist für Vegetationskunde das Projekt „Insektenwiese“ unterstützt.

„Gerade der steinige Boden hier ist ideal für die heimischen, ursprünglichen Pflanzenarten, die den Honigbienen, den Wildbienen, Hummeln und vielen weiteren Insekten als Nahrung dient“, erläuterte Türk.

Von für das menschliche Auge farbenprächtigen Blühwiesen hält Prof. Dr. Türk aus Insektensicht nicht besonders viel. „Die attraktiven Flächen bestehen häufig leider aus Pflanzenarten, die in Osteuropa vorkommen und deren Samen dort auch gesammelt wurden. Aber unsere Insekten sind nicht an solche ‚Exoten‘ angepasst und nutzen nur wenig des angebotenen Nektars und der Pollen oder können gar nichts damit anfangen, weil sie diese Pflanzen nicht kennen.“

Mehrjährige Sorte

Bei der Art der Aussaat habe man sich deshalb für eine mehrjährige Sorte entschieden, da die Artenvielfalt und somit auch die Blütenvielfalt sich erst im zweiten Jahr richtig entwickelten. Das Saatgut stamme aus der Region. Entstehen sollen hieraus Wildblumen und Wildgräser. Und das sei bereits jetzt im ersten Jahr gut zu erkennen. Im April könnten vor der Aussaat konnten elf verschiedene Pflanzenarten auf dem Acker gezählt werden, vornehmlich vorwiegend Acker-Wildkräuter. Jetzt seien es 52, vorwiegend Wiesenarten.

„Ein großer Erfolg“, sagte Prof. Dr. Winfried Türk. Auch Stadtwald-Förster Harald Gläser war vor Ort und sehr interessiert. Wie Prof. Dr. Türk erklärte, haben nicht nur die Insekten etwas von der Wiese. Viele Schmetterlinge haben die Fläche (Lieblingsspeise: Brennnessel) entdeckt, und stets sind Kleinvögel zu beobachten, die dort Sämereien finden. Der elegante Turmfalke gleitet regelmäßig über die Wiese auf der Suche nach einem dicken Mistkäfer oder einer Maus. Für ihn wurde extra zwei Ansitze (Sitzstangen) auf der Wiese angebracht, von denen er in aller Ruhe das Geschehen auf der Wiese beobachten kann.

Feldlerche hat gebrütet

Was den Mitgliedern des IG „Annenbiene“ und Winfried Türk auch sehr gefällt, ist die Tatsache, das die stark bedrohte Feldlerche (Vogel des Jahres 2019) auf ihrer Fläche erfolgreich ihre Brut großziehen konnte.

„So eine Insektenwiese muss natürlich auch ein wenig gepflegt werden. Sehr geholfen haben uns fleißige Flüchtlinge, die tatkräftig den Weißen Gänsefuß ausrissen, dessen Samen noch im Boden des früheren Ackers überdauerten. Er hatte sich nach dem Regen sehr ausgebreitet und drohte, die noch kleinen Wiesenpflanzen durch Beschattung zu verdrängen. In Handarbeit haben wir den Gänsefuß in mehreren Schichten weitgehendst entfernt. Eine Hundsarbeit, die in den Rücken geht, da der bis zu zweieinhalb Meter hohe Weiße Gänsefuß sehr kräftige Wurzeln hat“, führte Rudolf Mönikes aus.

Lob vom Bürgermeister

Bürgermeister Hermann Temme lobte die Arbeit der Interessengemeinschaft „Annenbiene“. „Die Bevölkerung muss umdenken. Wir von der Stadt beschäftigen uns ja schon lange mit dem Klimaschutz. Diese Aktion beweist mal wieder, dass Klimaschutz und Umweltbewusstsein im Zusammenleben von Mensch und Tieren eine große Rolle spielt. Das ist eine Frage der Nachhaltigkeit und der Verantwortung, auch gegenüber unseren Nachkommen“, so der Bürgermeister.

Schon zum Projektstart bestand der Wunsch, Samen weiterer Pflanzenarten zu sammeln und auf der Wiese auszusäen. Es handelt sich um buntblühende Kräuter, die für artenreiches Grünland in und um Brakel typisch sind. In vielen Stunden wurden große Mengen einheimischen Saatgutes unter Anleitung von Prof. Dr. Türk im nahen Umland gesammelt. Dieses wurde an offenen Bodenstellen eingesät, um die jetzt schon beachtliche Artenvielfalt für die kommenden Jahre noch zu vergrößern.

Wer sich für das Projekt „Insektenwiese“ interessiert: Im Internet gibt es reichlich Information darüber. Dort können sich auch Interessierte erkundigen, wie man Pate für ein Stück des Ackers werden kann.

www.annenbiene.de

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