Di., 11.10.2016

Vor 25 Jahren wurden zwei Polizisten in der Nähe von Höxter erschossen »Hilde 10-35« meldet sich nicht

Spurensuche auf einem Waldparkplatz in Schloß Holte-Stukenbrock an dem ausgebrannten Fahrzeug der beiden Polizisten.

Spurensuche auf einem Waldparkplatz in Schloß Holte-Stukenbrock an dem ausgebrannten Fahrzeug der beiden Polizisten. Foto: dpa

Von Michael Robrecht

Höxter/Holzminden (WB). »Gut'n Tach, Meier mein Name. Ich hab'n Wildunfall gehabt. Is keiner verletzt, nur n’ bisschen an der Stoßstange.« Mit diesem fingierten Notruf lockt Dietmar J. zwei Polizisten in der Nähe von Höxter in einen Hinterhalt. Am 12. Oktober jährt sich das Verbrechen an den Polizeibeamten Andreas Wilkending und Jörg Lorkowski zum 25. Mal. Ihr Mörder sitzt noch immer hinter Gittern.

August-Wilhelm Winsmann muss schlucken, wenn er an den Tag zurückdenkt. Der inzwischen pensionierte Beamte leitet damals die Nachtschicht bei der Polizei in Holzminden. Um 2.29 Uhr melden sich die Kollegen der Wache Höxter auf der anderen Weserseite. Dort ist ein Notruf eingegangen, für den Holzminden zuständig ist.

Von einer Notrufsäule auf einem Waldparkplatz an der L 549 im abgelegenen Rottmündetal hat ein Mann einen Wildunfall gemeldet. Routine im wild- und waldreichen Solling. Winsmann will einen Streifenwagen losschicken, als sich Wilkending (34) und Lorkowski (30) melden. Die Polizeiobermeister sind mit dem zivilen maronenroten Dienst-Passat »Hilde 10-35« unterwegs.

»Wir können den übernehmen«

Auf dem Rückweg von einem Einsatz hören sie den Funkverkehr mit. »Wir können den übernehmen«, sagt Lorkowski, der als Beifahrer das Funkgerät bedient. »Danach haben wir nichts mehr von ihnen gehört«, erinnert sich Winsmann. »Hilde 10-35« sollte sich nie wieder melden.

»Zuerst habe ich mir dabei nichts gedacht«, sagt Winsmann. »Das Rottmündetal lag in einem Funkloch.« Doch dann wird der Wachhabende unruhig und schickt eine Streife los. Der Parkplatz ist leer – kein Unfallwagen, kein verendetes Wild, keine Polizisten. Als der Platz ausgeleuchtet wird, entdecken die Beamten dann aber Blutlachen, Gewebeteile, Knochen- und Glassplitter, Patronenhülsen. »Da war klar: Hier muss etwas Schreckliches passiert sein«, sagt Winsmann.

Den Polizeiwagen zünden sie an

»Aus allgemeinem Hass auf Polizisten«, stellt später das Landgericht Hildesheim in seinem Urteil fest, hatte der zur Tatzeit 29 Jahre alte Maschinenschlosser Dietmar J. aus Bredenborn in ­Marienmünster (Kreis Höxter) die ihm unbekannten jungen Familienväter in einen Hinterhalt gelockt und erschossen. Mit einem bei einem Überfall auf Soldaten erbeuteten Schnellfeuergewehr G3 feuert er aus wenigen Metern Entfernung eine Salve auf die arglosen Beamten ab.

Gemeinsam mit seinem Bruder M., der ihn zu dem Parkplatz gefahren hat, packt Dietmar J. die Leichen in das Polizeiauto, fährt zum Truppenübungsplatz Sennelager und verscharrt die Toten dort im Sand. Den Polizeiwagen zünden sie an. Für die Ermittler bleibt der Fall zunächst rätselhaft.

Der Doppelmord im Solling und die Fahndung nach den Polizeibeamten erregt tagelang bundesweites Aufsehen und sorgt für eine der größten Suchaktionen der deutschen Nachkriegsgeschichte. 6000 Polizisten sind im Einsatz. Einsatzkräfte, Taucher, Hubschrauber und sogar britische Militärjets mit Infrarot-Suchgeräten beteiligen sich – vergeblich.

100 Prozesstage vom Landgericht Hildesheim

Erst nach einem Hinweis gehen der Polizei nach vier Tagen Fahndung die Brüder in Bredenborn ins Netz. Ein Mitgefangener und ein Justizvollzugsbeamter aus der Haftanstalt Bielefeld-Brackwede hatten sich gemeldet. Sie hatten Dietmar J. an seinem ostwestfälischen Dialekt bei einer TV-Einspielung mit Stimmaufzeichnung erkannt. Etwa eine Woche nach der Tat legt er ein Geständnis ab.

Im Februar 1995 wird Dietmar J. nach 100 Prozesstagen vom Landgericht Hildesheim zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe mit Sicherungsverwahrung verurteilt. Er sitzt heute in Celle ein. Die Vorgeschichte des »unfassbaren Verbrechens«, so sagt es damals der Vorsitzende Richter Ulrich Schmidt, reicht lange zurück.

Schwere der Schuld und Allgemeingefährlichkeit

Der Waffen- und Jagdnarr J., der in problematischen Verhältnissen aufgewachsen ist und in Bredenborn isoliert und ohne soziale Kontakte lebt, verliert nach Ärger mit dem Pächter 1984 eine Nebenbeschäftigung als Jagdaufseher. Weil er immer wieder Straftaten begeht, etwa Wilderei, verliert er auch seine Jagdberechtigung und die Waffenerlaubnis.

Sein Bruder M., der Dietmar zu dem Waldparkplatz gefahren hat, erhält wegen Beihilfe zehn Jahre Haft. Der dritte Bruder wird vom Vorwurf der Beihilfe zum Doppelmord freigesprochen Er erhält aber eine Bewährungsstrafe wegen Beihilfe zum schweren Raub. Hierbei geht es um die Überfälle auf die Bundeswehrsoldaten in Augustdorf. Dabei werden die Tatwaffen erbeutet.

Dass Dietmar J. in absehbarer Zeit auf freien Fuß kommt, sei nicht zu erwarten, sagt eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Hildesheim. Das Gericht habe damals auch die besondere Schwere der Schuld und Allgemeingefährlichkeit festgestellt.

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