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Mo., 27.03.2017

Tankstellenpächter Pötschke berichtet über dramatische 15 Minuten Geisel rettet sich in Tankstellenshop

Tankstellenpächter Bernd Pötschke zeigt auf die Stelle am Eingang zum Shop der Tankstelle an der Weserbrücke in Höxter, wo der entführte rote Kleinbus mit Geiselnehmer und zwei Geiseln am Freitag mindestens 15 Minuten gestanden hat.

Tankstellenpächter Bernd Pötschke zeigt auf die Stelle am Eingang zum Shop der Tankstelle an der Weserbrücke in Höxter, wo der entführte rote Kleinbus mit Geiselnehmer und zwei Geiseln am Freitag mindestens 15 Minuten gestanden hat. Foto: Michael Robrecht

Von Michael Robrecht

Höxter (WB). »Was hier noch hätte passieren können. Ich möchte es mir nicht ausmalen, wenn der Entführer mit seinen Messern in den Verkaufsraum der Tankstelle gestürmt und durchgedreht wäre.« Tankstellenpächter Bernd Pötschke steht noch ganz unter dem Eindruck des   nächtlichen Geiseldramas von Höxter am Freitagabend, als der entführte rote Kleinbus mit Geiseln und Entführer plötzlich bei ihm auf dem Tankstellengelände an der Weserbrücke stand. 

Heute sind in Höxter weitere Details der nächtlichen Entführung bekannt geworden. Pötschkes 40-jährige Mitarbeiterin befand sich um kurz nach 21 Uhr an der Kasse. Es war ein ruhiger Abend: ein paar Mal tanken, einige Zeitungen und für Getränke kassieren. Dann fuhr der rote Sprinter direkt vor die Tür der Station an der Höxteraner Weserbrücke. Geisel Mehdi A., ein 45-jähriger Flüchtling aus dem Iran, wurde vom Entführer in den Shop geschickt, um Alkohol zu kaufen. Das tat er aber nicht. Die Tankstellen-Mitarbeiterin habe schnell bemerkt, dass hier an der Szenerie etwas nicht stimmte, berichtet Bernd Pötschke (53).

Während der Entführer (46) im roten Sprinter damit beschäftigt war die Fenster mit Zeitungsseiten zu bekleben und der schockierte  46-jährige Busfahrer am Steuer ausharren musste, sprachen sich der Iraner und die aus Meinbrexen stammende Tankstellenmitarbeiterin ab, die Eingangstür sofort zu verschließen, sich aus der Schusslinie zu nehmen und abzuwarten. Zwischenzeitlich rückte ein Großaufgebot an Polizei, aber noch keine SEK-Einheiten, an und sperrten Weserbrücke, Brückfeld, Tankstelle und die Pizzeria »Salsa« ab.

Die Polizei nahm per Telefon Kontakt mit den beiden Personen im Shop auf. Es waren dramatische Minuten: Nach ungefähr 15 Minuten Aufenthalt an der Tankstelle sei der Entführer mit dem Busfahrer - ohne die zweite Geisel - in Richtung Brücke und Innenstadt von Höxter abgefahren, berichtete der Tankstelleninhaber.

Praktikant hatte Angst vor Blutbad

Mehdi A. war erleichtert und berichtete Bernd Pötschke und seiner Kollegin wie er der 46-jährige Entführer kurz vor 21 Uhr am Bahnhof Höxter den roten Mercedes Sprinter bestiegen und den Fahrer und ihn unter Androhung von Gewalt mit einem Messer entführt habe. Der Mann habe geschrieen, er solle sein Handy ausmachen. Mehdi A. seit ein paar Tagen erst Praktikant der Pizzeria »Salsa« und Deutschkursteilnehmer in der VHS, hatte Angst, dass der Geiselnehmer mit seinen Messern wütend würde und im Verkaufsraum ein Blutbad anrichten könnte.

Die Polizei hatte ungefähr gegen 21.15 Uhr nicht nur Sperrmaßnahmen am Tatort veranlasst, sondern auch die Pizzeria gegenüber der Tankstelle geräumt. »Die sechs Mitarbeiter und zehn Gäste mussten raus, weil die Situation unberechenbar erschien«, sagt Tankstellenpächter Pötschke. Die befürchteten Kugelquerschläger, erklärte Jessica Bekemeier, Lebensgefährtin des Salsa-Inhaber und Augenzeugin.

Als der rote Kleinbus das Gelände an der Fürstenberger Straße verlassen habe, habe sich die Polizei direkt mit ihren Einsatzwagen dahinter gehängt. Nach einer Weile sei der Tross aus Höxter in Richtung Boffzen gefahren, später in der Nacht - wie berichtet - fast vier Stunden mehrfach wieder auf der Irrfahrt dann mit 40 Polizei, SEK- und Rettungsfahrzeugen auch an der Brückentankstelle vorbeigekommen, so Bernd Pötschke.

Bernd Pötschke schilderte, dass die Polizei die geflüchtete Geisel in der Tankstelle lange befragt habe, wohl auch, weil in der unklaren Situation geklärt werden sollte, in welchen Zusammenhang der Iraner in den Bus geraten war und ob es möglicherweise - theroretisch - Verbindungen zwischen Entführer und Opfer geben könnte, was natürlich nicht der Fall war. Das sei alles eine gespenstische Situation gewesen. »In 20 Jahre als Pächter dieser Tankstelle habe so eine dramatische Situation noch nicht erlebt«, sagt Pötschke. Ihm habe der entführte Fahrer leid getan. Der habe aber ruhig gewirkt, ebenso die geflüchtete Geisel.

Großes Mitgefühl äußerten gestern die Busfahrer-Kollegen des entführten 46-jährigen Fahrers. Sie zeigten sich beeindruckt, wie ihr Kollege vier Stunden solch eine dramatische Situation ausgehalten habe.

Im St. Ansgar Krankenhaus in Höxter wurde dem stark alkoholisierten und unter Drogeneinfluss stehenden Tatverdächtigen eine Blutprobe entnommen. Eine Vernehmung durch die Polizei war bislang noch nicht möglich. Nach Rücksprache mit dem zuständigen Ordnungsamt und dem Amtsgericht Höxter wurde der 46-Jährige in eine psychiatrische Fachklinik eingewiesen. Die Ermittler stellten den Linienbus zwecks Spurensicherung sicher.

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