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Do., 28.09.2017

Prozessauftakt am Landgericht Paderborn: Angeklagter wollte vom SEK erschossen werden Busentführer von Höxter räumt Vorwürfe ein

Der Angeklagte Alfred P. betritt den Gerichtssaal. Er sitzt derzeit in Untersuchungshaft in der JVA Bielefeld-Brackwede.

Der Angeklagte Alfred P. betritt den Gerichtssaal. Er sitzt derzeit in Untersuchungshaft in der JVA Bielefeld-Brackwede. Foto: dpa

Von Dennis Pape

Paderborn/Höxter (WB). Im Prozess um die spektakuläre Busentführung mit Geiselnahme in Höxter im März dieses Jahres hat der Angeklagte Alfred P. am Mittwoch zum Auftakt vor dem Landgericht Paderborn alle Vorwürfe eingeräumt. An Einzelheiten in dieser Nacht könne er sich nicht mehr erinnern, sagte der Angeklagte.

Warum entführt ein damals 46-jähriger Höxteraner einen Bus , bedroht den Fahrer sowie einen Fahrgast mit einem Messer und liefert sich anschließend eine vierstündige Verfolgungsjagd mit bis zu 40 Einsatzkräften von Polizei und Rettungsdiensten – bis er vom SEK bei einem Stopp auf einem Rastplatz überwältigt wird? Auf diese Frage können zum Prozessauftakt nur bedingt Antworten gefunden werden.

Auf der Anklagebank sitzt ein gebrochener Mann

Auf der Anklagebank sitzt ein gebrochener Mann. Der heute 47-jährige Alfred P. muss sich wegen Geiselnahme mit der Androhung von Tod und Körperverletzung verantworten und betont, dass er vielleicht nur seinen eigenen Tod wollte: »Ich wusste nicht mehr weiter – vielleicht wollte ich, dass ein SEK mich erschießt.«

Alfred P. schildert private Krisen – unter anderem den Verlust seines Jobs, den Tod seiner Eltern und Großmütter, die Trennung von seiner Ehefrau sowie seinen zwei mittlerweile erwachsenen Kindern, zu denen er bereits vor der denkwürdigen Nacht auf den 25. März keinen Kontakt mehr hatte.

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft hatte der Höxteraner 2,31 Promille im Blut und stand zudem unter dem Einfluss von verschiedenen Tabletten – laut Anklage gilt er deshalb als erheblich vermindert schuldfähig. Seit 2013 habe er ein Alkoholproblem, sagt Alfred P., der unter anderem mehrere Entgiftungen in Bad Driburg (Kreis Höxter) hinter sich haben soll und auch in Kontakt mit Heroin und Kokain gekommen ist.

Alfred P. wurde in der Nacht zum 25. März bei einem Stopp auf einem Rastplatz in Höxter vom SEK überwältigt. Foto: Dennis Pape

»Ich hatte natürlich Angst um mein Leben«, erzählt aus dem Zeugenstand der 46-jährige Busfahrer, den Alfred P. vier Stunden lang mit einem Messer bedroht und ihn dazu gebracht hatte, mehr als 180 Kilometer durch den Kreis Höxter sowie benachbarte Orte in Niedersachsen zu fahren: »Ich bin immer noch in psychiatrischer Behandlung. Die Vorstellung, noch einmal in einen Bus einzusteigen, ist der absolute Horror für mich. Zudem habe ich Ängste auf Festen und versuche mich von Menschenmengen fernzuhalten.«

Der Busfahrer schilderte, wie Alfred P. ihn dazu zwang, die Polizei anzurufen – diese sollte Kontakt zu seiner Ex-Freundin oder seinem Sohn herstellen.

Prozess wird am 17. Oktober fortgesetzt

Ebenfalls psychologisch behandelt wird ein 46-jähriger Iraner, der als einziger Fahrgast kurzzeitig im Bus war, doch anschließend an einer Tankstelle bei einem kurzen Stopp fliehen konnte. »Ich hatte große Angst, obwohl ich nicht genau verstand, warum dieser Mann uns mit einem Messer bedroht«, übersetzt sein Dolmetscher im Landgericht.

Der Taxifahrer, der Alfred P. vor der Tat zum Busbahnhof in Höxter gebracht hatte, schildert vor der 1. großen Kammer, wie der Busentführer ihm von seinen Plänen bereits kurz zuvor berichtete: »Ich habe ihn öfter gefahren und kannte seine Lebenssituation. Ich habe ihn an diesem Abend aus einer Kneipe geholt, dann nach Hause gebracht und anschließend zum Bahnhof gefahren«, sagt der 26-Jährige. Er habe auch das Messer im Taxi entdeckt, habe jedoch aus Angst nicht eingreifen wollen, wie er vor Gericht schildert.

Alle Zeugen sagen aus, dass Al­fred P. zwar stark nach Alkohol roch, in seinen Gedanken jedoch klar zu sein schien. Der Prozess wird am 17. Oktober fortgesetzt .

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