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Mi., 18.10.2017

Busentführung in Höxter: 47-Jähriger zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt Geiselnehmer muss Therapie machen

Alfred P. wurde in der Nacht zum 25. März bei einem Stopp auf einem B64-Rastplatz in Höxter (Foto) von einem Spezialeinsatzkommando der Polizei überwältigt. Er hatte zuvor 18-sitzigen Bus der Deutschen Bahn am Bahnhof in Höxter gekapert.

Alfred P. wurde in der Nacht zum 25. März bei einem Stopp auf einem B64-Rastplatz in Höxter (Foto) von einem Spezialeinsatzkommando der Polizei überwältigt. Er hatte zuvor 18-sitzigen Bus der Deutschen Bahn am Bahnhof in Höxter gekapert. Foto: Dennis Pape

Von Ulrich Pfaff

Höxter/Paderborn (WB). Am Ende blieb die interessanteste Frage ein wenig offen: Warum hatte Alfred P: am 24. März wirklich den Linienbus in Höxter entführt? Der Busentführer von Höxter  wurde am Dienstag zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt.

Waren es Selbstmordgedanken? Liebeskummer? Das Landgericht Paderborn konnte zwar die Vorgänge um die Irrfahrt durchs Weserbergland rekonstruieren. Aber was für den 47-Jährigen so schief gelaufen war, dass er auf die Idee kam, einen Bus zu entführen – das blieb im Detail nebulös.

Viereinhalb Jahre hat der Geiselnehmer jetzt Zeit, über das nachzudenken, woran er sich nach eigenen Angaben selbst kaum erinnern kann. Zwei davon wird er in einer Entziehungsanstalt verbringen.

Mehrstündige »Spritztour«

Der Alkoholiker  am 24. März gegen 20.40 Uhr den 18-sitzigen Bus der Deutschen Bahn am Bahnhof in Höxter gekapert, den Busfahrer mit einem Messer bedroht und zu einer mehrstündigen »Spritztour« durch die Kreise Höxter und Holzminden gezwungen.

Der einzige Fahrgast, ein 46 Jahre alter Iraker, der nach Hause fahren wollte, konnte bei einem Halt an einer Tankstelle entkommen. Gegen 1 Uhr griff dann das Spezialeinsatzkommando der Polizei auf einem Parkplatz in Höxter zu, als der Geiselnehmer den Bus für eine Pinkelpause stoppte.

Bereits  am ersten Prozesstag Ende September hatte der Angeklagte zwar die Tat gestanden, konnte aber keinen Grund nennen. Bruchstückhafte Erinnerung machte er dafür geltend, er habe erheblich getrunken an jenem Abend, und in den Wochen und Monaten davor ebenfalls.

»Morgen stehe ich in der Zeitung«

Um Alfred P.s Motiven auf die Spur zu kommen, hatte die 1. Große Strafkammer des Landgerichts Paderborn weitere Zeugen geladen, die über ihre Begegnungen mit dem Angeklagten im Vorfeld der Tat aussagen sollten.

Eine Gastwirtin schilderte, wie der angetrunkene Stammgast mit einem Messer im Hosenbund auftauchte. »Morgen stehe ich in der Zeitung«, habe er ihr gesagt. Das Messer entwand ihm sogleich ein 52-jähriger Bekannter, der den sonst redseligen Angeklagten an jenem Abend als ungewohnt still beschrieb. »Heute wird ein lustiger Abend«, soll der 47-Jährige ihm dennoch gesagt haben.

Kneipenbekannte sagt aus

Eine 26-jährige Kneipenbekannte wusste zu berichten, dass der Angeklagte oft über seine Lebenssituation »gejammert« habe – insbesondere der Verlust der Familie und die nur kurzzeitige Beziehung zu einer Frau aus Höxter hätten ihm zu schaffen gemacht. Während der Entführung habe sich der 47-Jährige per Facebook bei ihr gemeldet, sie habe sofort daraus geschlossen, dass er der Busentführer sein müsse, der gerade durch die Medien geht.

»Halt an«, habe sie ihm geschrieben, er solle am Felsenkeller-Parkplatz in Höxter stehen bleiben und sich der Polizei ergeben. Dort endete die Geiselnahme tatsächlich mit dem Zugriff des SEK.

Erheblicher Liebeskummer

Für die 1. große Strafkammer war das Motiv des 47-Jährigen der letztlich erfolglose Versuch, Kontakt zu Menschen zu erzwingen, die keinen Kontakt wollten. Die Entführung sei keine Spontantat gewesen, sondern so geplant, dass der 47-Jährige mit einem Rucksack mitsamt mehrerer Messer, Zeitungspapier und Klebeband zum Verblenden des Busfenster losgezogen sei.

»Er litt unter erheblichem Liebeskummer«, sagte Richter Bernd Emminghaus in der Urteilsbegründung, allerdings sei der Fall »ein ganz anderes Kaliber wie übliche Geiselnahmen« – da weder Geld noch Freilassungen von Inhaftierten erpresst werden sollten. Ob Selbstmordabsicht hinter dem Handeln des Täters stand, wie etwa ein Bielefelder Polizist geargwöhnt hatte, wollte die Kammer nicht näher bewerten. Wichtiger, so der Richter, sei die Langzeittherapie im Maßregelvollzug, mit der der 47-Jährige seine manifeste Alkoholsucht bekämpfen soll.

Fünf Jahre Haft gefordert

Fünf Jahre Haft hatte Oberstaatsanwalt Christoph Zielke gefordert, der die Tat als einen »Paukenschlag, um Aufmerksamkeit zu erzeugen« bewertete. Ein angemessenes Strafmaß forderte Verteidigerin Christina Nesemeier – beide sprachen sich für eine Unterbringung in einer Entziehungsanstalt aus.

Nach zwei Jahren Therapie könnte der P. bereits auf Bewährung frei kommen. Die beiden Geiseln, so der Staatsanwalt, würden sicherlich länger unter dem Erlebnis leiden.

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