Di., 04.09.2018

»Hausgeschichte(n)« in Höxter: Tilly-Haus in der Westerbachstraße Fachwerk-Kleinod zum Staunen

Die Westerbachstraße in der Kreisstadt Höxter hat viele schöne Fachwerkhäuser. Architektin Cornelia Lange schaut hier aus dem Tilly-Haus auf die Straße.

Die Westerbachstraße in der Kreisstadt Höxter hat viele schöne Fachwerkhäuser. Architektin Cornelia Lange schaut hier aus dem Tilly-Haus auf die Straße. Foto: Harald Iding

Von Michael Robrecht

Höxter (WB). Das Tilly-Haus ist eines der mächtigsten Fachwerkgebäude in Höxter. Während der westliche Teil des Heisterman-von-Ziehlbergschen Adelshofes als Pins-Forum glänzt und Menschen anzieht, schlummert der östliche vor sich hin. Die Höxteraner freuen sich deshalb auf den Denkmaltag am 9. September, an dem erstmals seit Jahren das Tilly-Haus geöffnet wird. Die Sanierungspläne werden erläutert.

Wenn man der Überlieferung glaubt, war das Tilly-Haus schon im Dreißigjährigen Krieg (1618-48) eines der prächtigsten Bauwerke in der Stadt, das der bedeutende katholische und kaiserliche General Tilly ausgewählt hatte, um nach dem siegreichen Vorstoß durch das Weserbergland eine Ruhepause einzulegen. Ein Schmuckstück solle es nach der Eröffnung des geplanten Forum Anja Niedringhaus auch wieder werden, sagt Architektin Cornelia Lange. Zahnschnitt und Zierstab sind Motive des Schmucks auf den vorspringenden Schwellen und den Füllhölzern. Der Erker ist ähnlich gestaltet wie der des fast zeitgleich errichteten Rathauses und mit den antiken Musen Erato und Thalia sowie mit Engelsköpfen beschnitzt. Für Architektin Lange ist das Umbauvorhaben eine Herausforderung, auf die sie sich sehr freut. »Das wird eines meiner schönsten Projekte«.

Wie der gesamte Adelshof in der Westerbachstraße ist auch das noch leer stehende, seiner Sanierung harrende Tilly-Haus Zeugnis der engen Beziehung zwischen Höxter und Corvey. Schriftlich fassbar wird der Komplex erstmalig 1512, als der vormalige Stadthof der Petri-Propstei von der Abtei Corvey als Leibzucht an den corveyischen Kanzler Heinrich Brinkmann übergeben wird mit der Auflage, »Hof und Steinkammer Sankt Vitus zu Ehren« wieder herrichten zu lassen.

 

Mit der Belehnung des corveyischen Kanzlers Georg Kramer, genannt Heisterman, 1556 gelangte der Lehnshof für drei Jahrhunderte in Familienbesitz. 1871 verkaufte die Adelsfamilie Heisterman von Ziehlberg den Hof an einen Höxteraner Kaufmann, wird auf der Internetseite des Niedringhaus-Forums ( www.forum-anja-niedringhaus.de) berichtet. Das Anwesen bestand ursprünglich aus vier zum Teil zusammenhängenden Häusern: dem von der Abtei Corvey für Militär- und Verwaltungsaufgaben verliehenen Lehnshof in den rückwärtigen Häusern (Nr. 35 und 37) und dem als bürgerliches Eigentum erworbenen Eigenhof (Nr. 31 und 33) mit der Front zur Westerbachstraße. Haus Nr. 31 wurde im 19. Jahrhundert verkauft. Das eindrucksvolle Tilly-Haus, Westerbachstraße 33, entstand 1610 als jüngster Teil des Ziehlbergschen Adelshofes. Über dem Dielengeschoss befindet sich ein ungewöhnlich hohes Saalgeschoss mit dem zur Straße ausgerichteten Renaissanceerker. Der Saal nahm die Hälfte des Geschosses ein und hatte einen Kamin.

Nachdem die beiden Gebäude Nr. 35 und 37, die heute das Forum Jacob Pins beherbergen, durch die 2008 abgeschlossene Restaurierung vor dem Verfall bewahrt und zu einem einzigartigen Kulturdenkmal ausgebaut werden konnten, soll auch das Tilly-Haus wieder mit Leben erfüllt werden und durch die Einrichtung des Forum Anja Niedringhaus eine neue Bestimmung erhalten. Dabei geht es Architektin Cornelia Lange um eine respektvolle, behutsame Instandsetzung und Modernisierung, die dem baugeschichtlichen Wert des Hauses Rechnung trägt.

Wer war eigentlich General Tilly?

Johann (auch Johannes oder Jean) T’Serclaes von Tilly (geboren Februar 1559 auf Schloss Tilly im Herzogtum Brabant; gestorben 30. April 1632 in Ingolstadt) war ein Graf, der während des Dreißigjährigen Kriegs als oberster Heerführer sowohl der Katholischen Liga als auch ab 1630 der kaiserlichen Armee fungierte. Er war Oberbefehlshaber der Liga und gilt als einer der wichtigsten militärischen Führer des Krieges. Tilly war von mittlerer Statur, hager und lebte gern in mönchischer Abgeschiedenheit.

Am 30. Juli 1623 setzte er bei Höxter über die Weser und legte eine Besatzung in die Stadt. Der Name des Tilly-Hauses (Fachwerkhaus neben dem heutigen Pins-Forum im Heisterman-von-Ziehlbergschen Adelshof) erinnert an eine Zeit des Schreckens. Die von Pestepidemien begleiteten Kriegsereignisse zogen Verwüstungen und besonders in Höxter einen drastischen Bevölkerungseinbruch nach sich. Tilly soll mehrere Wochen in dem schönen Adelshof in der Westerbachstraße residiert haben. 1630 erhielt Tilly neben seinem Kommando als Heerführer der Katholischen Liga die Ernennung zum Generalleutnant der kaiserlichen Truppen.

Damit trat er die Nachfolge Wallensteins an, der als kaiserlicher Generaloberstfeldhauptmann abgesetzt worden war. Am 20. Mai 1631 eroberte Tilly Magdeburg. Die Verwüstungen der Stadt gingen so weit, dass Magdeburg als Sinnbild für Zerstörung und Grausamkeit galt: »Magdeburgisieren« wurde ein Begriff. Stadtkommandant war in Magdeburg übrigens Dietrich von Falkenberg (Burg Blankenau).

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