Weiteres Opfer: 20-Jährige hatte im September ebenfalls Besuch
Falsche Jugendamtsmitarbeiter kein Einzelfall

Holzminden (WB). Die falschen Jugendamtsmitarbeiter in Holzminden sind offenbar kein Einzelfall. Nachdem die Polizei am Montag einen Vorfall in der Kreisstadt öffentlich gemacht hatte, erfuhr das WESTFALEN-BLATT von einem weiteren in Holzen. Eine 20-Jährige hatte dort im September Besuch von einer angeblichen Jugendamtsmitarbeiterin. Diese soll versucht haben, das Baby der jungen Frau aus dem Stubenwagen zu reißen. Die Polizei bestätigt den Fall.

Mittwoch, 24.10.2018, 13:06 Uhr aktualisiert: 24.10.2018, 16:26 Uhr
Im Landkreis Holzminden geben sich Unbekannte offenbar als Jugendamtsmitarbeiter aus. Foto: dpa
Im Landkreis Holzminden geben sich Unbekannte offenbar als Jugendamtsmitarbeiter aus. Foto: dpa

Es war der 7. September 2018, ein Freitagmorgen gegen 10.30 Uhr. Die 20-jährige aus Holzen im Norden des Landkreises Holzminden hatte ihren Lebensgefährten gerade zur Arbeit gefahren und anschließend den damals fünf Monate alten Sohn schlafen gelegt, als es an der Tür klingelte. Dort stand sie – »Regina Schilling« – angeblich Jugendamtsmitarbeiterin. »Sie zeigte mir einen Ausweis mit Wappen, Stempel und einem Foto – ich hatte zuvor noch keinen Kontakt zum Jugendamt, das kam alles glaubwürdig rüber«, erinnert sich die junge Mutter. Sie ließ die mutmaßliche Betrügerin in das Haus, in dem ihr Sohn schlief.

Frau will ins Kinderzimmer

Dort stand »Regina Schilling« – hellblonde Haare mit dunklen Strähnen, etwa 1,70 Meter groß, Ende 30, schmale und spitze Nase, auffällig dicke Unterlippe, weiße Bluse, dunkle Jeans, blauer Blazer, großer glitzernder Armreif – und erzählte der jungen Mutter in akzentfreiem Deutsch, dass Nachbarn sie darauf aufmerksam gemacht hätten, dass ihr Sohn geschlagen werde. »Sie gab an, sie müsse die Situation kontrollieren und nach meinem Sohn schauen. Als ich ihr sagte, dass er schläft, wollte sie sich das Haus anschauen und auch ›nach oben‹ ins Kinderzimmer. Ich habe ihr jedoch nie gesagt, dass sich das Kinderzimmer im Obergeschoss befindet«, erzählt die junge Mutter.

Nach ihren Angaben monierte die vermeintliche Jugendamtsmitarbeiterin viele Dinge in der Wohnung, die aus Sicht der 20-Jährigen »völlig aus der Luft gegriffen« waren. »Sie sagte beispielsweise, dass der Hund aggressiv sei – dabei lag er im Körbchen.«

Vertrauliche Unterlagen dabei

Die mutmaßliche Betrügerin hatte nach Angaben der jungen Mutter eine Kopie der Geburtsurkunde in ihren Unterlagen und unter anderem auch Krankenversicherungs- und Sozialversicherungsnummer des Kindes. »Als ich sie fragte, wie sie an diese vertraulichen Informationen gekommen sei, schlug sie die Mappe schnell zu und meinte, dass sie dazu nichts sagen dürfe«, erzählt die 20-Jährige. Nach 15 Minuten kam es zur Auseinandersetzung: »Die Frau ging zum Stubenwagen, in dem mein Sohn schlief, und sagte, sie werde ihn jetzt mitnehmen. Als sie in das Bett und nach meinem Sohn griff, habe ich sie weggezerrt und mit großer Mühe aus dem Haus geschmissen.«

Die Frau entfernte sich nach Angaben der Holzenerin zu Fuß. Es sei genügend Platz vor dem Haus gewesen, um mit einem Auto direkt vor der Tür zu parken. Nach einem Anruf beim Jugendamt war klar: Eine »Regina Schilling« arbeitet dort nicht. Die 20-Jährige und ihr Lebensgefährte (22) erstatteten Anzeige bei der Polizei, die den Fall gestern auf Anfrage bestätigte. Es sei seinerzeit auch ein Phantombild der mutmaßlichen Betrügerin angefertigt worden.

Parallelen werden geprüft

Laut Polizei werden Parallelen im Bezug auf den Fall vom Donnerstag in Holzminden geprüft. Wie gestern berichtet, hatte sich dort ein Pärchen als Jugendamtsmitarbeiter ausgegeben und so Zugang zu einer Wohnung in der Allersheimer Straße verschafft. Der Mann und die Frau wollten unter diesem Vorwand nach einem Säugling sehen. Doch sowohl die Eltern als auch das drei Monate alte Baby waren nicht zu Hause und so verließen die beiden nach einem halbstündigen Aufenthalt mit einem Bekannten der Familie, der allein in der Wohnung war, diese wieder.

Die 20-jährige Holzenerin sowie die 18-jährige Mutter aus Holzminden stehen seit Montag in Kontakt. Herausgestellt hat sich nach WB-Informationen auch, dass sich die beiden Familienväter kennen. Ob dies auf einen Zusammenhang der beiden Fälle deuten könnte, müssen die Ermittlungen ergeben. »Sie kennen sich flüchtig über gemeinsame Freunde«, sagt die 20-Jährige. Sie möchte andere Familien warnen: »Dieses Erlebnis verfolgt meine Familie immer wieder. Ich sehe das Gesicht von ›Regina Schilling‹ täglich vor mir.«

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