Sa., 10.11.2018

Fast vergessene Bewerbung nach dem Ersten Weltkrieg für zentrales Gefallenen-Denkmal Als sich Höxter um das Reichsehrenmal bewarb

Ein geschichtsträchtiger Helden-Standort nach dem Geschmack der 20er Jahre: Brunsburg und Rabenklippen. Der Standortvorschlag für das Reichsehrenmal in Höxter hätte fast gewonnen. Eindrucksvoll erheben sich Ziegen- und Brunsberg: Aus zwei hohen Türmen (Skizze Bergspitzen) sollten Feuer oder Rauch aufsteigen.

Ein geschichtsträchtiger Helden-Standort nach dem Geschmack der 20er Jahre: Brunsburg und Rabenklippen. Der Standortvorschlag für das Reichsehrenmal in Höxter hätte fast gewonnen. Eindrucksvoll erheben sich Ziegen- und Brunsberg: Aus zwei hohen Türmen (Skizze Bergspitzen) sollten Feuer oder Rauch aufsteigen.

Von Michael Robrecht

Höxter (WB). Vor 100 Jahren ist der Erste Weltkrieg mit Kaisersturz und Novemberrevolution zu Ende gegangen. An jene Zeit wird in diesen Tagen vielerorts erinnert. Fast vergessen ist ein Großvorhaben, das Höxter jahrelang deutschlandweit ins Gespräch gebracht hat: Die Kreisstadt bewarb sich um das »Reichsehrenmal« für die Toten des Ersten Weltkrieges – und hätte fast gewonnen.

Trotz politisch und wirtschaftlich unruhiger Jahre kam in der jungen Weimarer Republik nach Kriegsende und Versailler Vertrag die Idee auf, die Gefallenen des Weltkrieges 1914-1918 zu ehren. Aus vielen Vorschlägen, die besonders von 1924 an vom Stahlhelmverband und den Kriegervereinen stammten, kristallisierte sich immer mehr das Vorhaben heraus, eine Gedenkstätte in freier Natur zu errichten, in Form eines Ehrenhaines und möglichst in der Mitte Deutschlands gelegen.

Sofort gab es eine Reihe von Stätten, die man als geeignet erklärte, darunter den Dolmar bei Meiningen, die Hörselberge bei Eisenach, den Inselsberg im Thüringer Wald, der Hain von Bad Berka, die Toteninsel von Lorch, Ehrenbreitstein bei Koblenz und die Rabenklippen bei Höxter. Man muss sich das Bewerbungsverfahren so ähnlich im Ablauf vorstellen, wie kürzlich bei der Welterbeantragstellung für Corvey oder die Landesgartenschau in Höxter: Im Rathaus Höxter unterstützten 1924/25 die Honoratioren die Bewerbung um das Nationaldenkmal.

Namenhafte Unterstützer

Der Höxteraner Autor Ernst Würzburger berichtete in einem Beitrag für das Kreisjahrbuch, dass ein Verein »Reichsehrenmal« gegründet worden sei. Es gab einen Sonderausschuss der Stadt für Werbetätigkeit. Auch meldeten sich namhafte Unterstützer.

Bei den Entwürfen für das millionenteure »Reichsehrenmal« in Höxter wurde geklotzt: Brunsberg und Rabenklippen würden mit Wucht das Wesertal beherrschen, heißt es in der Bewerbung, aus der Autor Andreas Frentzel (LWL) zitiert. Von einem Weserhafen sollte ein Ehrenhain ins Schleifental (am heutigen Bundeswehr-Schießstand) mit Bäumen und Aufmarschstraßen angelegt werden. Von einem Schleifental-Monument ist die Rede. Absoluter Hingucker würden zwei Feuertürme auf dem Ziegenberg und dem Brunsberg sein.

Für Ehrfurcht sorgen

Skizzen, die im Kreisarchiv lagern, dokumentieren die Planungen. Schwere schwarze Rauchschwaden sollten an Gedenktagen für Ehrfurcht sorgen; lodernder Feuerschein würde nachts die beiden Türme – 200 Meter über dem Weser-Spiegel und geschätzt kirchturmhoch – von weit her sichtbar machen. Ein geräumiger Versammlungsplatz war oberhalb des Schleifentals geplant, wo »vaterländische Feste« an einer Stelle mit Top-Aussicht auf Wesertal und Solling geplant waren.

Wald, Wucht, Monumentalität wurde in der Bewerbung versprochen. Eine Broschüre ist aufgelegt worden. 1926 kam ein Ausschuss des Reichsrates. Aber: Kloster Berka wurde Favorit. Einigen konnten sich die Berliner Politiker jedoch auf nichts. 1930 ging die Debatte weiter: Ein Sachverständigen-Ausschuss votierte für Höxter und Koblenz. Die Reichsregierung entschied weiter nichts.

Nach Hitlers Machtergreifung 1933 hatte sich der Reichsausschuss deutscher Künstler für Höxter ausgesprochen. Am Ende übernahmen dann das Denkmal Tannenberg in Ostpreußen und die Neue Wache in Berlin die Aufgaben eines »Reichsehrenmals« – und Höxter ist dadurch einiges erspart geblieben.

Hintergrund: Kriegerdenkmäler

Die Diskussion über die Gestaltung von Kriegerdenkmälern sind »politisch vermintes Gelände«. Herrschte nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 noch Konsens in der Heldenverehrung, standen sich nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg (1914-18) die politisch verfeindeten Lager viel kritischer gegenüber. Das Kriegerdenkmal hat in Kunst und Bildhauerei eine Sonderstellung.

Bis zur napoleonischen Zeit wurden gefallene Soldaten ohne Ehrung in Massengräbern beerdigt. Aus den drei Einigungskriegen 1864, 1866 und 1871 wuchs das nationale Selbstbewusstsein und der Gefallenentod bedurfte einer besonderen Darstellung in Säulen, Reliefs, an Kapellen oder in Anlagen und Hainen. Deutschland, und auch der Kreis Höxter, erlebte einen Denkmal-Boom.

In den 1920er Jahren erforderte die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg neue Ausdrucksformen der Denkmalsetzung. Trotz der wirtschaftlichen Not kam der Wunsch auf, das Andenken an 1914-18 wach zu halten. Höxter baute sein Denkmal 1926 nach Endlosdebatte an der Westerbachstraße. Mancherorts gab es verklärende Denkmäler zum Heldentod, einige Städte verzichteten auch auf Heroisierung.

Ein Reichsehrenmal Höxter wäre ein monströses Gebilde und spätestens am Ende des Zweiten Weltkrieges Ziel von Bombardements der Alliierten geworden – wie die Sprengung und völlige Zerstörung von des Ehrenmales in Tannenberg/Ostpreußen zeigte.

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