Sa., 12.01.2019

Ein Besuch auf der Frühchen-Station im St. Ansgar Höxter. Ein Themenpaket: Leben retten rund um die Uhr

Liah musste die ersten 24 Stunden ihres Lebens auf der Frühchen-Station verbringen.

Liah musste die ersten 24 Stunden ihres Lebens auf der Frühchen-Station verbringen. Foto: Harald Iding

Von Isabell Waschkies

Höxter (WB). Sie wirken zerbrechlich und wie kleine Vögel, die gerade aus dem Nest ihrer Mutter geschubst worden sind. Die Frühchen von Station 3 des St.-Ansgar-Krankenhauses in Höxter sind echte Kämpfer. Bis zum Umfallen setzen sich auch Ärzte und Krankenschwestern für das Überleben jedes einzelnen Babys ein.

Einer dieser Lebensretter ist Dr. Firooz Ahmadi. Der 57-Jährige, der mit seiner Familie in Lütmarsen lebt, ist seit 2011 am St. Ansgar tätig. Seit knapp drei Jahren ist er Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin. Für ihn ist die Arbeit mehr als nur ein Job. Es ist eine Berufung, die viel Erfahrung, aber auch Gefühl und Empathie fordert. Sein Vorname stammt aus dem Arabischen und bedeutet übersetzt »der Siegreiche« – und genau das verkörpert der erfahrene Arzt. Für das Leben jedes einzelnen Neugeborenen kämpft er wie ein Löwe. »Manchmal erhalte ich Dankesbriefe von Eltern, bei denen mir die Tränen kommen. Dann weiß ich, dass ich den richtigen Job habe. Das gibt mir viel Kraft«, sagt er.

Über Leben und Tod

Trotzdem sei auch er einmal vor vielen Jahren an seine Grenzen gestoßen. »Wann höre ich auf, die Säuglinge zu reanimieren? Über Leben und Tod möchte ich nicht alleine entscheiden«, sagt Dr. Firooz Ahmadi, der für diese schwierige Entscheidung auch immer auf den Rat seines Teams hört. »Ich möchte morgens in den Spiegel schauen und wissen, dass ich mich richtig entschieden habe.« Doch für manche Babys kommt jede Hilfe zu spät. Im vergangenen Jahr haben zwei von ihnen wegen eines Herzfehlers nicht überlebt.

Sie werden zu Ersatzmüttern

Etwa 1000 Babys kommen jährlich im St. Ansgar zur Welt. Davon werden etwa 90 bis 100 Kinder zwischen der 28. und 37. Schwangerschaftswoche geboren – und damit beginnt der Überlebenskampf. Zum selbstständigen Atmen sind sie zu schwach. Die Maschinen, aber auch die Schwestern und Ärzte werden in diesem Moment zu Ersatzmüttern. Die Babys können sich nicht selbstständig mit genügend Sauerstoff versorgen, und auch Herz, Gehirn sowie das Verdauungs- und Immunsystem schaffen es nicht ohne fremde Hilfe. Sie benötigen Infusionen, müssen künstlich ernährt werden. Für Babys, die teilweise nur etwas mehr als 500 Gramm wiegen, ist das eine echte Tortur. Ihre Lunge ist kaum größer als der Daumen eines Erwachsenen.

Jede Minute zählt

Hatte eine Frau vor 25 Jahren nicht die 27. Schwangerschaftswoche erreicht, bestand für das Ungeborene kaum eine Überlebenschance. Heute ist ein Überleben bereits ab der 23. Woche möglich. Im Falle einer Frühgeburt ist ein Team, bestehend aus mindestens einem Arzt und zwei Schwestern, mit einer Herz- und Beatmungsmaschine sowie Medikamenten im St. Ansgar umgehend zur Stelle. Muss das Baby reanimiert werden, zählt jede Minute. Ob Probleme mit Herz, Lunge oder Verdauung: Während für Erwachsene später verschiedene Spezialisten zuständig sind, müssen Kinderärzte firm sein auf allen Gebieten.

Die Gebärmutter können Ärzte und Maschinen nicht ersetzen. Dennoch gab es in den vergangenen Jahren immense medizinische Fortschritte. »Mithilfe einer Sonde können wir der Lunge eine besondere Substanz initiieren, die es schafft, einen Lungenkollaps zu verhindern«, berichtet Dr. Ahmadi, selbst Vater von zwei kleinen Kindern, diese lebensrettende Maßnahme. Damit könnten Hirnblutungen verhindert und deutlich größere Überlebenschancen ermöglicht werden. Der Chefarzt: »Das ist eine Revolution.«

Zwölf Wochen zu früh: Janine Mundt (27) erlebt Frühgeburt ihres Sohnes

Für Janine Mundt aus Boffzen ist es ein ganz normaler Arbeitstag gewesen, als plötzlich leichte Blutungen einsetzen. »Es war der Tag, an dem wir uns die Entbindungsstation ansehen wollten«, erinnert sich die heute 27-Jährige zurück. Dass an diesem Tag ihr Sohn auf die Welt kommen sollte, hätte sie zu diesem Zeitpunkt nicht für möglich gehalten. Es war zwölf Wochen zu früh.

Noch heute steht der jungen Frau zwar auch der Schock, aber auch die Erleichterung ins Gesicht geschrieben, wenn sie von den Erlebnissen von vor knapp zwei Jahren erzählt. Die geplante Besichtigung der Entbindungsstation im St.-Ansgar-Krankenhaus platzte. Stattdessen musste Janine Mundt zügig von einem Arzt untersucht werden. »Die Plazenta hatte sich vorzeitig abgelöst. Damit war schnell klar, dass mein Sohn auf die Welt geholt werden muss«, sagt Janine Mundt über den Augenblick, der ihr Leben früher als erwartet verändern sollte. Eine vorzeitige Plazentaablösung kann für Mutter und Kind gefährlich werden. Dadurch werden Versorgungswege von mütterlichem zu kindlichem Kreislauf abgeschnitten. Die Folge: Die Sauerstoffzufuhr zum Baby wird derart eingeschränkt, dass es daran sterben kann.

Eine Herz-Druck-Massage war unumgänglich

Für Janine Mundt, die erst seit wenigen Wochen als medizinische Fachangestellte auf der Wöchnerinnen-Station im St. Ansgar arbeitet, ging plötzlich alles ganz schnell. Vollnarkose und Geburt mussten ad hoc veranlasst werden. Nur 30 Minuten später erblickte Mika das Licht der Welt – in der 28. Schwangerschaftswoche. Für Mika begann der Überlebenskampf.

Die Ärzte gaben ihr Bestmögliches, eine Herz-Druck-Massage war unumgänglich. Mika musste maschinell beatmet werden, beinahe hätten die Ärzte den kleinen Kämpfer wiederbeleben müssen.

Als Janine Mundt aus der Narkose aufwachte, war sie schwach. Mit dem Rollstuhl musste sie zu ihrem Sohn geschoben werden. In den Arm nehmen durfte sie ihn nicht, nur Anfassen war erlaubt. Eine dünne Scheibe aus Kunststoff trennte sie von ihrem Sohn. Neun Wochen lang verbrachte sie mit ihrem Sohn auf der Intensivstation. Eine Tortur. Und heute? Knapp zwei Jahre später ist Mika putzmunter und sogar fast größer als seine gleichaltrigen Spielkameraden. Von Spätfolgen keine Spur. Janine Mundt: »Das haben wir den Ärzten zu verdanken.«

Goßes Team versorgt Neugeborene

Im St.-Ansgar-Krankenhaus in Höxter sind elf Ärzte, davon drei Oberärzte, sieben Assistenten und 25 Krankenschwestern nur für Neugeborene im Einsatz. Insgesamt gibt es 14 Betten für Neugeborene auf der Intensivstation sowie vier Betten für leicht erkrankte Säuglinge mit ihren Müttern. Sieben Frühchen können gleichzeitig beatmet werden. Als Frühchen werden all diejenigen Babys bezeichnet, die vor der 37. Schwangerschaftswoche auf die Welt kommen. Laut Dr. Firooz Ahmadi, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am St. Ansgar werden in Deutschland pro Jahr etwa 50.000 Kinder geboren. Knapp zehn Prozent der Babys sind so genannte Extrem-Frühgeburten, weil sie vor der 28. Schwangerschaftswoche geboren werden und damit deutlich zu früh.

Kleine Kämpfer von Station 3

Als Liah Heim am 8. Januar im St.-Ansgar-Krankenhaus auf die Welt kommt, stimmt etwas nicht. Ihr Herz schlägt nicht regelmäßig, die Körpertemperatur ist zu niedrig. Sofort waren die Ärzte in Alarm-Bereitschaft und mussten das neugeborene Mädchen mit Spezial-Geräten untersuchen. Damit stand fest, dass das 48 Zentimeter große und 2960 Gramm schwere Baby die ersten Stunden ihres Lebens auf der Intensivstation verbringen muss.

Der Uhrzeiger springt an diesem besagten Dienstag auf 0.20 Uhr, als die Fruchtblase von Miriam Heim (32) platzt – in der 39. Schwangerschaftswoche und somit nur eine Woche früher als üblich. Für die meisten Babys ist dieser Zeitpunkt kein Problem. Dass es bei der Geburt von Liah, die nicht als Frühchen zur Welt kommt, zu Komplikationen kommen könnte, hätte die werdende Mutter in diesem Moment nicht zu denken vermocht. Auch wenn die Ärzte schnell Entwarnung geben konnten, sollte Liah für mindestens 24 Stunden zur Beobachtung auf die Intensiv-Station.

Für die Eltern sind es schwere Stunden

Für die Eltern zählen diese Stunden mit zu den schwersten in ihrem Leben. Monitore, Ärzte und Schwestern wachen über die Kinder. Viele von ihnen dürfen ihr Baby nicht sofort in die Arme schließen. Manche müssen sogar mit ansehen, wie Ärzte um das Leben ihres Kindes kämpfen. »Trotzdem versuchen wir, die Eltern so gut wie möglich gleich mit einzubeziehen. Wir erklären ihnen die Maschinen und alle Abläufe«, betont Dr. Firooz Ahmadi, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, im Gespräch mit dem WESTFALEN-BLATT. Für die Geburt ihrer ersten Tochter hat sich das Ehepaar Heim aus Horn-Bad Meinberg bewusst für das Höxteraner Krankenhaus entschieden. »Wir werden hier optimal betreut und wir können unsere Tochter sehen, wann immer wir möchten«, berichtet Vater Marcel Heim.

Kommentar »Engel in weiß« von Isabell Waschkies

An dieser Stelle werden häufig politische und gesellschaftliche Themen angesprochen, die die Menschen aus dem Kreis Höxter und die Redaktion in der Woche beschäftigt haben.

Diesmal soll es jedoch um ein Thema gehen, das täglich – von der Öffentlichkeit unbemerkt – Menschen an emotionale Grenzen bringt. Wer einmal auf der Frühchenstation im Krankenhaus St. Ansgar in Höxter gestanden hat, der weiß, dass die Entstehung menschlichen Lebens eine Wucht entfaltet, die alles andere in den Hintergrund drängen lässt. Wenn kleine menschliche Wesen – voll verkabelt im Brutkasten – um ihr Leben kämpfen, trifft dieser Anblick einen buchstäblich mitten ins Herz.

Werdende Eltern erwarten zurecht, dass die Geburt nach neuesten medizinischen Standards begleitet wird. Nichts dürfte schlimmer sein, als sein eigen Fleisch und Blut beim Überlebenskampf beobachten zu müssen. Doch nichts im Leben ist planbar. Trotz sorgsamer Auswahl des Krankenhauses und des präferierten Geburtsverfahrens kann es immer zu Komplikationen kommen. Dann ist es wichtig, ein Team von Experten an seiner Seite zu wissen. Dank fortschreitender Medizin sind die Überlebenschancen der ungeborenen Kinder deutlich gestiegen. Entscheidend ist aber auch die tägliche Motivation der Ärzte und Schwestern.

Denn ohne höchsten persönlichen Einsatz können die kleinen und großen Wunder nicht bewirkt werden. Von so einem Wunder berichtete Janine Mundt aus Boffzen, die ihren Sohn Mika in der 28. Schwangerschaftswoche – und damit zwölf Wochen zu früh – auf die Welt bringen musste. Wäre der Junge vor 25 Jahren geboren worden, hätte seine Überlebenschance Spitz auf Knopf gestanden. Heute ist Mika fast zwei Jahre alt, ein glückliches und gesundes Kind, bei dem sich keinerlei Spätfolgen bemerkbar machen.

Beim Besuch auf der Frühchenstation wird mehr als deutlich, dass sich Mütter und Väter auf den Einsatz der Höxteraner Lebensretter verlassen können. Ursprünglich war diese Geschichte über die Station 3 im St. Ansgar für die Weihnachtsfeiertage geplant. Doch in dieser Zeit hatten die Ärzte alle Hände voll zu tun. Nichts im Leben ist halt planbar. Auch keine Geschichte für die Zeitung. Den richtigen Moment, um Danke zu sagen, gibt es ohnehin nicht. Deswegen ist heute der Zeitpunkt gekommen, unsere größte Hochachtung vor den Engeln in weiß auf der Frühchenstation des St. Ansgar und alle anderen Geburtsstationen zum Ausdruck zu bringen. Jedes der Neugeborenen und insbesondere die Frühchen, die in Höxter zur Welt kamen und kommen werden, dürften ihnen ihr Leben lang dankbar sein.

 

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