Buch über »Reichserntedankfeste« im Weserbergland – mehr als eine Million Besucher – Landvolk aus Kreis Höxter dabei
Wo Hitler mit den Massen feierte

Höxter/Holzminden/Hameln (WB). Ein im Weserbergland über Jahrzehnte unbeachtet gebliebenes Thema rückt der Mitzkat-Verlag ins Bewusstsein der Geschichtsinteressierten: Die NS-Reichserntedankfeste der Dreißiger Jahre. Neben den Maikundgebungen und den Nürnberger Reichsparteitagen zählten die herbstlichen Massenkundgebungen an der Weser mit mehr als einer Million Besucher zu den großen Gemeinschaftskundgebungen der Nazis.

Mittwoch, 06.03.2019, 15:39 Uhr aktualisiert: 06.03.2019, 18:00 Uhr
Auf dem Bückeberg-Gelände gibt es beim »Reichserntedankfest« Szenen wie in Nürnberg, Berlin oder München: Nazi-Diktator Adolf Hitler schreitet mit Paladinen und Gefolge durch Volksmassen. Foto: Mitzkat-Verlag
Auf dem Bückeberg-Gelände gibt es beim »Reichserntedankfest« Szenen wie in Nürnberg, Berlin oder München: Nazi-Diktator Adolf Hitler schreitet mit Paladinen und Gefolge durch Volksmassen. Foto: Mitzkat-Verlag
Holzmindener Pioneier bauten ein Manöverdorf auf, was beim Erntedankfest angegriffen wurde.

Holzmindener Pioneier bauten ein Manöverdorf auf, was beim Erntedankfest angegriffen wurde. Foto: Verlag Mitzkat

Am Bückeberg in der Nähe der Emmer-Mündung in die Weser, zwischen Hameln im Norden und Bodenwerder im Süden, gab es 1933 bis 1937 diese NS-Großveranstaltungen mit Breitenwirkung, an der immer auch Tausende Besucher aus dem Kreis Höxter, zahlreiche Vereine, Organisationen, und das heimische Militär aus Höxter und Holzminden aktiv beteiligt waren. Die Erntedankaufmärsche waren wochenlang Gesprächsthema Nummer 1 im Weserbergland, wissen Zeitzeugen.

Hunderttausende von Besuchern, inszenierte Reden von Diktator Adolf Hitler, Schauvorführungen der Wehrmacht inklusive des Abfackelns eines künstlichen durch die Holzmindener Pioniere extra aufgebauten Dorfes – das waren die »Reichserntedankfeste«, die die Nazis auf dem Bückeberg veranstalteten. Buchautor Bernhard Gelderblom macht deutlich, dass es den Nazis weniger um das Feiern der Ernte oder des Bauernstandes als um die Kriegsvorbereitung und um die Vervollkommnung ihres zerstörerischen Werkes ging: »Es führt ein Weg vom Bückeberg nach Bergen-Belsen«, drückt der Autor im Buch eine Schlussfolgerung aus.

Der Band von Bernhard Gelderblom bietet eine kompakte Einführung in das Thema »Reichserntedankfeste«. Die Massenveranstaltungen mit mehreren hunderttausend Teilnehmern wurden vom NS-Regime perfekt an einem markanten steilen Weserberg inszeniert. Das Buch enthält etwa 200 Abbildungen, viele davon bislang unveröffentlicht. Eine nicht geringe Zahl der Fotos entstand zu Propagandazwecken, so der Autor. Hitler mit Frauen in Tracht, Soldaten, angetretene SS, jubelnde Landvolk-Massen und Pioniertruppen aus dem Weserbergland. Die »Reichserntedankfeste« waren Medienereignisse: Hitlers Reden wurde live auf alle Volksempfänger des Deutschen Reiches übertragen. Bedeutsamer war die Rolle von Fotografie und Film: Die gewaltsame Ästhetik der Menschenmassen, Fahnenwälder und marschierenden Kolonnen wurde vom NS-Regime bewusst für die mediale Nutzung inszeniert.

Der eigentliche Anlass der Ereignisse, der Erntedank, spielte im Rahmen dieser »Feste« nur eine Nebenrolle – neben den Auftritten Adolf Hitlers waren die spektakulären Schauübungen der Wehrmacht mit der Zerstörung des »Bückedorfes« die Höhepunkte der Veranstaltung. Die militärische Machtdemonstration diente zur Vorbereitung des Volkes auf einen kommenden Krieg. Als 1938 der Einmarsch in das Sudetenland kurz bevor stand, wurde das letzte geplante »Reichserntedankfest« abgesagt, weil die verfügbaren Transportmittel militärisch genutzt werden mussten, berichtet Autor Bernhard Gelderblom.

ISBN: 978-3-959540-59-9, Bernhard Gelderblom, Mario Keller-Holte: Reichserntedankfeste auf dem Bückeberg, 19,80 Euro, Mitzkat Verlag Holzminden.

Dokumentations- und Lernort auf Bückeberg geplant

Das Schlusskapitel des »Erntedank«-Buches widmet sich auch den schwierigen Debatten um das Gedenken vor Ort in Emmerthal. Dort war einer der Propagandaorte der Nationalsozialisten: Nur noch ein schmaler Weg erinnert heute an die NS-Geschichte. Um das zu ändern, soll aus dem Hügel ein Lern- und Dokumentationsort werden. Ob an die Bedeutung der »Reichserntedankfeste« überhaupt erinnert werden sollen, darüber wird seit 20 Jahren gestritten. Der Landkreis Hameln-Pyrmont plant, auf dem Bückeberg einen »Lernort« zu errichten. Kleine Wege sollen den Bergrücken durchziehen, am jeweiligen Ende können sich zukünftige Besucher an Hinweistafeln informieren. Auch die Fundamente der einstigen NS-Ehrentribüne sollen über einen Steg begehbar sein. In Emmerthal stößt das bei vielen auf Ablehnung. Mehr als 2000 Unterschriften haben Gegner des geplanten Erinnerungsorts gesammelt. Die Kritiker des Projektes stören vor allem die Investitionen in das Projekt: rund 450.000 Euro.

Auf dem Gelände bei Emmerthal liegt hoch über dem Wesertal der Bückeberg. Auf dem Bergrücken könnten bald Infotafeln aufgestellt werden.

Auf dem Gelände bei Emmerthal liegt hoch über dem Wesertal der Bückeberg. Auf dem Bergrücken könnten bald Infotafeln aufgestellt werden. Foto: WB

Für viele Bürger ist das »zu teuer, zu überzogen, hat zu hohe Folgekosten«. Dabei ist die Finanzierung gesichert. Geld kommt aus Töpfen für Denkmalschutz. Die Gegner zweifeln an der historischen Bedeutsamkeit des Ortes: »Fünf Reichserntedankfeste sind dort veranstaltet worden. Und in diesen fünf Tagen hat Hitler damals viereinhalb Stunden gesprochen. Und das solle gleichbedeutend sein mit Nürnberg oder Berlin?«, fragen Kritiker. Historiker Jens-Christian Wagner sieht dagegen Parallelen zwischen den Reichsparteitagen der NSDAP, den 1. Mai-Feiern der Nazis und dem Bückeberg: »Der Bückeberg stand propagandistisch in einer Reihe mit dem Tempelhofer Feld in Berlin und dem Reichtsparteitagsgelände. Auf dem Tempelhofer Feld richteten die Nazis ihr Integrationsangebot an die Arbeiter, auf dem Parteitagsgelände waren es die Parteimitglieder und der Bückeberg war der Ort, wo die Landbevölkerung an das Regime herangeführt wurde«, erklärt er im Fernsehen in der Sendung »Panorama 3«.

Der Weg für ein Dokumentationszentrum über die NS-Vergangenheit des Bückebergs bei Hameln ist inzwischen frei. Das hat der Kreistag des Landkreises Hameln-Pyrmont entschieden. SPD, Grüne, FDP, Unabhängige und Linke stimmten für die Einrichtung, die Vertreter von CDU und AfD votierten gegen das geplante Konzept. Auch einige Anwohner wandten sich gegen das Projekt. Landrat Tjark Bartels (SPD) sagte, es sei höchste Zeit, der jungen Generation zu zeigen, wie die Verführungsmechanismen der Nazis funktioniert hätten. Die CDU-Landtagsfraktion in Hannover unterstützt übrigens die Planungen.

Nachdem auf politischer Ebene die Kontroversen abgeflaut sind, beginnen nun die Planungen für den »Lernort«. Neben Gesprächen auf Landes- und Bundesebene sowie mit dem Planungsbüro zu den aktuellen Entwürfen geht es um die geplante Einwohnerbefragung in Emmerthal, für die eine Informationsbroschüre erarbeitet wird. Alexander Remmel ist seit Jahresbeginn Geschäftsführer der »Dokumentations- und Lernort Bückeberg gGmbH«. Das Projekt läuft 2019 an. rob

 

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