Di., 21.05.2019

Uta Fechler aus Ottbergen kämpft für mehr Rechte in der katholischen Kirche Maria 2.0: »Die Frauen stehen vor der Tür«

Ulm: Menschen mit Pflastern über ihren Mündern stehen vor dem Ulmer Münster. In einem Flashmob demonstrierten rund 100 Frauen und Männer für Gleichberechtigung und gegen die rein männlichen Machtstrukturen in der katholischen Kirche.

Ulm: Menschen mit Pflastern über ihren Mündern stehen vor dem Ulmer Münster. In einem Flashmob demonstrierten rund 100 Frauen und Männer für Gleichberechtigung und gegen die rein männlichen Machtstrukturen in der katholischen Kirche. Foto: dpa

Höxter (WB). Frauen machen mehr als die Hälfte der Katholiken in Deutschland aus – und dürfen nicht Priester werden. Damit sich das und einiges mehr ändert, boykottieren gerade Frauen deutschlandweit katholische Einrichtungen – auch im Kreis Höxter. Uta Fechler (46) aus Ottbergen vertritt 300.000 Mitglieder der Katholischen Frauengemeinschaft aus fünf Diözesen im Landesfrauenrat NRW. Was sie von Maria 2.0 hält, verrät sie im Interview mit Marius Thöne.

Was steckt hinter Maria 2.0?

Uta Fechler: Keimzelle der Bewegung Maria 2.0 ist ein Katholischer Lesekreis von Männern und hauptsächlich Frauen in Münster im Februar 2019. Lektüre war das »Evangelii gaudium«, das erste apostolische Schreiben von Papst Franziskus. Es wurde viel diskutiert, besonders, wie schwierig es in den vergangenen Jahren wurde, zu erklären, warum man überhaupt noch Kirchenmitglied ist bei all dem Grauen der Missbrauchstragödien und dem Umgang der meisten Amtsinhaber mit den Tätern, den Mittätern und den Opfern.

 

Der Worte waren genug, jetzt sollte gehandelt werden: Seit Jahren werden immer die gleichen Fragen diskutiert, Reformbereitschaft bekundet. Für die Initiatorinnen ist der Kirchenaustritt keine Option. Gestartet wurde Maria 2.0 mit einem Offenen Brief an Papst Franziskus, der über die Plattform Campact/Weact bis zum 31. Mai unterzeichnet werden kann. Zudem wird noch bis diesen Samstag zu einem Kirchen-Frauenstreik aufgerufen.

Zur Person

Uta Fechler (46) ist seit vielen Jahren in der katholischen Verbandsarbeit aktiv. Die Mutter von vier Kindern arbeitet als Lehrerin und gehörte viele Jahre dem Diözesanvorstand der Katholischen Frauengemeinschaft (KFD) in Paderborn an. Heute vertritt sie 300.000 KFD-Mitglieder aus den fünf Diözesen in NRW im Landesfrauenrat. Das ist ein Zusammenschluss von etwa 50 Frauenverbänden unterschiedlichster Weltanschauung auf NRW-Ebene.

»Nicht neu aber dringend«

Wer steht hinter der Bewegung?

Fechler: Inzwischen gibt es eine breite Basis an Solidarität mit der Bewegung 2.0: Viele katholische Verbände, allen voran die großen katholischen Frauenverbände, unterstützen die Aktion Maria 2.0 durch Informationsweitergabe, aktive Teilnahme, weitergehende Aktionen über den Frauen-Kirchen-Streik hinaus und – wie immer – Dialogbereitschaft und das Angebot, einen synodalen Prozess zu begleiten und mit zu gestalten. Auch viele hauptamtliche Katholikinnen und Männer unterstützen diese Initiative. Die zentralen Forderungen sind nicht neu, aber dringender denn je: Abschaffung der verkrusteten Machtstrukturen in der katholischen Kirche; eine unabhängige, transparente Aufarbeitung der Missbrauchstragödien, Veränderung der Sexualmoral, Weiheämter für Frauen. Also: Eine Erneuerung der Kirche!

Wie groß ist die Resonanz gewesen? An welchen Orten gab es im Kreis Höxter Ihres Wissens Aktionen?

Fechler: Gab? Die Aktion Maria 2.0 findet weiterhin noch statt. Die beiden großen katholischen Frauenverbände Deutschlands, die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands und der Katholische Deutsche Frauenbund tragen diese Initiative mit und unterstützen die Anliegen von Maria 2.0. Wie gesagt, die Bewegung ist breit angelegt und ergänzt Aktionen mit den gleichen Anliegen: Zunächst der Aufruf zum Kirchenstreik jetzt im Mai, online die Unterschriftenpetition mit dem offenen Brief an Papst Franziskus, medial eine starke Facebook und Internet Präsenz, den Tag der Diakonin am 29. April.

 

Die Katholische Frauengemeinschaft wird in ihrer Aktionswoche Ende September das Thema »Geschlechtergerechtigkeit in der katholischen Kirche« aufgreifen. Die Katholische Frauengemeinschaft hat im Kreis Höxter um die 10.000 Mitglieder, bundesweit ungefähr 450.000 Mitglieder. Inwieweit Aktionen und zu welchem Zeitpunkt zu Maria 2.0 veranstaltet werden, entscheiden die Gemeinschaften vor Ort. Bundesweit ist die Resonanz enorm.

»Sorge um ihre Kirche«

Hatten die Frauen in der katholischen Kirche zu lange Geduld? Immerhin sind sie diejenigen, die im ehrenamtlichen Bereich oft mit anpacken.

Fechler: »Oft« ist untertrieben. Das Besondere der Aktion Maria 2.0 ist, dass sie von Frauen getragen wird, die größtenteils seit Jahrzehnten aktiv in der katholischen Kirche unterwegs sind. Es sind keine Rebellinnen. Alle Beteiligten treibt große Sorge um ihre Kirche an. Vielleicht kann man die lange »Leidensbereitschaft« der Katholikinnen als Geduld bezeichnen, ich ziehe, als katholische Verbandsfrau, den Begriff »Hoffnung« vor. Immer wieder, auch natürlich jetzt, sind katholische Frauen zum konstruktiven Dialog bereit.

 

Teils unter unglaublichem Kräfteaufwand. Ich denke in den vergangenen Monaten besonders an eine KFD-Kollegin, die ich persönlich gut kenne, die als Kind von einem katholischen Priester missbraucht wurde. Wenn sie es schafft, trotz dieser massivsten Verletzungen weiterhin Hoffnung auf eine Erneuerung der Kirche zu haben, ist auch Hoffnung. Veränderung kann nur von innen geschehen. Nicht von außen. Das ist unsere gemeinsame Aufgabe, der wir uns stellen müssen. Jetzt.

 

Halten Sie es für möglich, dass es eines Tages Diakoninnen oder Priesterinnen gibt?

Fechler: Ich teile die Auffassung der stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Katholischen Frauengemeinschaft, Theologieprofessorin Agnes Wuckelt: Die katholische Kirche lebt vom Engagement der Frauen der Kirche. Daher führt an einer Weihe für Frauen kein Weg vorbei, weil alles, worum es in der Kirche und im katholischen Glauben zentral geht, an das Weiheamt gebunden ist. Und das reservieren Männer für sich. Ohne Geschlechtergerechtigkeit wird es keine zukunftsfähige, katholische Kirche mehr geben. Es droht der mehr oder weniger stille Rückzug.

Weiheämter: »Je schneller, desto besser«

Wann kommen Weiheämter für Frauen?

Fechler: Je schneller, desto besser, wenn die katholische Kirche nicht noch mehr Glaubwürdigkeit verlieren möchte. Maria 2.0 ist meiner Ansicht nach ein letzter Weckruf. Niemand sollte sich wundern, wenn es ein Maria 3.0 vielleicht nicht mehr geben wird.

Glauben Sie, dass sich Frauen von der Kirche abwenden, wenn nichts passiert?

Fechler: Ja, da bin ich mir sicher. Die Erwartung nach dem Dialogprozess war enorm hoch. Dieser Dialogprozess zwischen Laien und Bischöfen dauerte von 2010, er begann wenige Monate nach Bekanntwerden der ersten Missbrauchsfälle, bis 2015. Teils parallel fanden in einigen katholischen Diözesen Dialogforen statt, so entstand in Paderborn das »Zukunftsbild«. Damit waren große Hoffnungen auf allen Seiten verbunden.

 

Die im vergangenen Jahr bekannt gewordenen Missbrauchstragödien haben viele Katholikinnen erneut zutiefst erschüttert. Eine Reaktion war beispielsweise die KFD-Aktion #machtlichtan und die dazu gehörende Unterschriftenaktion. Klageandachten wurden vor den Kirchentüren gehalten, so im Dezember 2018 in Paderborn. Die Enttäuschung, dass bislang wenig passiert ist, sitzt tief.

»Symbol der Hoffnung«

Kritiker werfen den Initiatorinnen von Maria 2.0 vor, dass ein »Kirchenstreik« als Form des Protestes absurd und nicht katholisch sei. Zudem kritisieren Sie die Instrumentalisierung Mariens. Zu Recht?

Fechler: Mal ehrlich: Die Initiatorinnen von Maria 2.0 wären sicher mehr als irritiert gewesen, wenn es keinerlei Kritik gegeben hätte. Das sind alles erfahrene Gremien- und Verbandsfrauen, die schon so manchen kirchlichen Sturm erlebt haben. Viel wichtiger finde ich die breite Unterstützung sowohl aus dem ehrenamtlich- kirchlichen als auch aus dem gesellschaftlichen Bereich. Besonders die Rückmeldungen, die ich aus meiner ehrenamtlichen Tätigkeit im vorpolitischen Raum mitbekomme, möchte ich erwähnen: Viele Landesfrauenräte, der Deutsche Frauenrat und, worüber ich mich sehr gefreut habe, die Evangelische Frauenhilfe in Westfalen zeigen in ihren Medien Solidarität und weisen auf Veranstaltungen zu Maria 2.0 hin. Aber zurück zum Mittel »Streik«: Wie sieht denn konkret dieser »Streik« aus? Der Ort des Gebetes wird vor die Kirchentür verlagert. Und da befinden sich die Frauen de facto sowieso.

Warum kämpfen Sie dafür, dass es anders wird?

Fechler: Seit 2011 fordert die KFD den Diakonat der Frau, ist mit-federführend im Netzwerk Diakonat der Frau. Jährlich bildet die KFD deutlich mehr geistliche Begleiterinnen aus, als Diakone oder Priester geweiht werden. Viele Frauen unterbrechen eine Woche lang ihr reguläres Engagement. Es wird wieder aufgenommen. Den protestierenden Frauen liegt eine zukunftsfähige und geschwisterliche Kirche am Herzen. Dort sollen Frauen und Männer als Getaufte und Gefirmte in gleicher Weise Verantwortung übernehmen und gleichberechtigt sein.

 

Es geht nicht um den Boykott von Gottesdiensten, um etwas zu erzwingen, sondern darum zu zeigen, wie viel ihnen das Evangelium, die Frohe Botschaft des Glaubens, bedeutet. Wie kommen Menschen darauf, dass Maria von gläubigen, katholischen Frauen instrumentalisiert werden könnte? Die Gottesmutter Maria ist und bleibt für uns katholische Frauen das zentrale Symbol der Hoffnung.

 

Ihr Magnificat in scheinbar aussichtslosen Situationen gibt Zuversicht, Trost und Vertrauen. Gerade wir katholische Frauen sind uns dessen bewusst. Traditionell sind die Monate Mai und Oktober die Monate, in denen Marias besonders gedacht wird. Natürlich – wie so häufig in der katholischen Kirche – initiiert, organisiert und durchgeführt von Frauen.

 

Wie sehen Sie Papst Franziskus in der Diskussion?

Fechler: Ich habe ihn bisher nicht primär als Reformer wahrgenommen, sondern als Zuhörer. Zuhören ist der erste Schritt. Weitere müssen folgen, wenn ihm die Glaubwürdigkeit der Kirche am Herzen liegt.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Google-Anzeigen

© WESTFALEN-BLATT
Vereinigte Zeitungsverlage GmbH

Alle Inhalte dieses Internetangebotes, insbesondere Texte, Fotografien und Grafiken, sind urheberrechtlich geschützt. Verwendung nur gemäß der Nutzungsbedingungen.

Mehr zum Thema

Anzeige


https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6630268?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198395%2F2516020%2F