Do., 23.05.2019

WB-Serie zur Selbsthilfe-Woche: Sucht-Gruppen im Kreis Höxter stellen sich vor Sucht hat viele Gesichter: Mutmacher erzählen

Sie bilden das Leistungsteam der Selbsthilfegruppe Sucht Beverungen (von links): Astrid Wortmann, Dirk Daehne, Karin Wohlert-Wiegel und Gerlinde Dierkes.

Sie bilden das Leistungsteam der Selbsthilfegruppe Sucht Beverungen (von links): Astrid Wortmann, Dirk Daehne, Karin Wohlert-Wiegel und Gerlinde Dierkes. Foto: Claudia Warneke

Von Angelina Zander

Höxter/Willebadessen/Beverungen (WB). Sucht hat viele Gesichter. Doch sie alle eint eines: das Suchtverhalten ist häufig ähnlich. Das sagt Dirk Strote von der Selbsthilfegruppe Kreuzbund Höxter. Hier treffen Medikamentenabhängige auf Alkoholsüchtige und Spielsüchtige – und unterhalten sich über ihr tägliches Leben.

Diese Leistung erbringen im Kreis Höxter auch zwei weitere Vereine: die Selbsthilfegruppe Sucht Beverungen und der Verein »Selbst.Hilfe.Sucht« in Willebadessen. Und obwohl die Sucht so viele Facetten hat, hat bei einem Großteil der Mitglieder der Alkohol zu einem bestimmten Zeitpunkt in ihrem Leben einen sehr hohen Stellenwert eingenommen.

Selbsthilfegruppe Sucht

Davon berichten zum Beispiel Gerlinde Dierkes und Astrid Wortmann. Sie gehören zum Leitungsteam der Selbsthilfegruppe Sucht Beverungen. Dierkes ist Mitglied der ersten Stunde und sagt: »Es ist wie eine Familie. Die Mitglieder sind Freunde, auf die man sich immer verlassen kann.« Sie sei mindestens 15 Jahre alkoholsüchtig gewesen, berichtet sie – bis zum absoluten Organversagen. »Ich hatte die Wahl: Aufhören oder nicht aufhören.« Sie entschied sich, zu kämpfen. Der regelmäßige Termin in ihrem Kalender, das Treffen mit der Selbsthilfegruppe, habe ihr das Leben gerettet.

Die Selbsthilfegruppe hat etwa 18 Mitglieder. Sie seien zwischen 40 und 78 Jahre alt. »Es ist schwierig, junge Leute zu bewegen.« Häufig könnten sie sich nicht vorstellen, dass und wie eine Selbsthilfegruppe ihnen bei ihrer Sucht helfen soll. Um sich Hilfe zu suchen, ist es aber wichtig, dass Süchtige merken, dass sie abhängig sind. »Oftmals sind es Familienangehörige, bei denen man auffällt oder die Arbeitskollegen«, sagt Astrid Wortmann.

Drei Entgiftungen hat sie hinter sich. »Es war ein sehr langer Weg«, sagt sie. Auch sie habe sich nicht vorstellen können, keinen Alkohol mehr zu trinken. Doch in der Gruppe könnten Themen angesprochen werden, die nicht mit der Familie behandelt werden können, sagt Wortmann. Die Treffen finden mittwochs um 19 Uhr im AWO-Stübchen, Weserstraße 21 in Beverungen, statt.

Kreuzbund Höxter

Über das tägliche Leben wird auch beim Kreuzbund Höxter gesprochen. Dirk Strote leitet die Gruppe und erklärt, dass hier »stoffgebundene Sucht und Mediensüchte« vertreten sind. Zu den stoffgebundenen Süchten zählt zum Beispiel die Alkoholabhängigkeit. Vier bis zwölf Teilnehmer zwischen 30 und 70 Jahren treffen sich regelmäßig. Manche kommen langfristig, andere verlassen die Gruppe nach kurzer Zeit. Manchmal werden sie rückfällig. Aber: »Ich ziehe vor jedem den Hut, der nach einem Rückfall zurückkommt in die Gruppe.«

Dirk Strote weiß, wovon er spricht. Der Alkohol habe ihn lange begleitet, zwei Jahre habe er exzessiv getrunken, sagt er. Nach einer Therapie erlitt er einen Rückfall. Es folgte die Erkenntnis: »Du schaffst es nicht alleine.« In der Selbsthilfegruppe sprechen die Teilnehmer über Probleme, die nach der Sucht auftreten. Darüber hinaus bieten die Treffen die Chance, zurück in das gesellschaftliche Leben zu finden, Kontakte zu knüpfen. »Wenn man eine Therapie gemacht hat, weiß man wie man sich verhalten muss. Bei uns steht das tägliche Leben im Fokus.« Am häufigsten sei die Alkoholsucht vertreten. Aber auch Medikamentenabhängige und Spielsüchtige haben sich hier Hilfe gesucht. Die Treffen richten sich an Betroffene und an Angehörige. Die Teilnehmer treffen sich donnerstags um 19 Uhr in der Caritas-Suchtberatung, Papenbrink 9 in Höxter.

»Selbst.Hilfe.Sucht«

»Lebensfreude geht auch ohne Alkohol«, davon ist Wolfgang Laudage vom Verein »Selbst.Hilfe.Sucht« in Willebadessen überzeugt. Früher beschrieb dieses Motto aber nicht sein Leben: »Nach einem schweren privaten Schicksalsschlag im Jahr 1991 habe ich meine Trauer und meine Verzweiflung mit Alkohol betäubt.« 13 Jahre war er abhängig, konsumierte immer größere Mengen. »Alkohol war das tägliche Brot – und das ist durchaus wörtlich zu nehmen.« Dann kam der Sinneswandel: Er krempelte sein Leben um. Entgiftung, Therapie, Selbsthilfegruppe: Ein Weg, der funktionierte. »Seit mehr als 13 Jahren führe ich ein zufriedenes, suchtmittelfreies abstinentes Leben.«

In der Selbsthilfegruppe werden keine therapeutischen Ratschläge gegeben. Stattdessen unterhalten sie sich über ihr Leben ohne das Suchtmittel. Häufig würden auch »Anti-Rückfallstrategien entwickelt«, so Laudage, der die Teilnehmer als »Fachleute« bezeichnet. »Während bei Familienmitgliedern und engen Freunden gegenüber dem Suchtkranken ein hohes Maß an Emotionen im Spiel ist, erfolgt der streng vertrauliche Gedankenaustausch der Gruppenmitglieder mehr auf sachlich-praktischer Basis.« Auch Rückschläge gehörten dazu – Vorwürfe nicht. Unter dem Dach des Vereins »Selbst.Hilfe.Sucht« gibt es auch ein Angebot, für Angehörige: das Forum Sucht. Die Selbsthilfegruppe für Suchtkranke trifft sich mittwochs um 19 Uhr im ev. Gemeindehaus, Lange Wiese 3 in Willebadessen. Angehörige treffen sich jeden dritten Donnerstag um 19 Uhr im Haus des Gastes (Eingang Rosengarten) in der Langen Straße in Willebadessen.

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