Fr., 14.06.2019

Mehr als 500 Zuhörer erleben Linken-Spitzenpolitiker auf Einladung der Volkshochschule in Höxter Gysi in Höxter: »Das Alter ist noch nicht dran«

»Sie sehen aus wie Karl Marx«, sagt Gregor Gysi zu seinem Gegenüber Hans-Dieter Schütt. Sie spielen sich die Bälle zu. Die beiden bereiten ihre Gespräche nicht minutiös vor. »Wir treffen uns erst auf der Bühne. Dann geht es los«, sagt Schütt.

»Sie sehen aus wie Karl Marx«, sagt Gregor Gysi zu seinem Gegenüber Hans-Dieter Schütt. Sie spielen sich die Bälle zu. Die beiden bereiten ihre Gespräche nicht minutiös vor. »Wir treffen uns erst auf der Bühne. Dann geht es los«, sagt Schütt. Foto: Sabine Robrecht

Von Sabine Robrecht

Höxter (WB). Sechs Leben hat er hinter sich, das siebte steht vor der Tür. Es ist das Alter. Das will er genießen. Um das zu können, muss er aber noch lernen, »Nein« zu sagen. Das kann Gregor Gysi (71) nämlich nicht, wie er in Höxter freimütig zugibt. Deshalb ist sein Terminkalender nach wie vor so voll wie zu seinen Spitzenzeiten in der Politik.

Das Alter ist ja auch noch gar nicht an der Reihe, plaudert das Linken-Urgestein auf der Bühne der Stadthalle vor mehr als 500 Zuhörern im Talk mit dem Berliner Journalisten Hans-Dieter Schütt launig aus dem Nähkästchen seiner Weisheiten. Das Altwerden darf, wie er der Meinung ist, kein langsamer Prozess sein. »Man muss sich ein Datum setzen.« So will er es auch halten.

Dieser Stichtag scheint bei ihm noch in weiter Ferne zu liegen, hat das Publikum in Höxter das Gefühl. Gysis spitzbübisches Grinsen, sein Humor, sein Wortwitz und seine Selbstironie lassen ihn geradezu jugendlich erscheinen. Nach 71 Jahren sieht er weder aus, noch macht er den Eindruck, in seinem bewegten Leben viele Federn gelassen zu haben.

Nicht einmal die massiven Anfeindungen, denen er als letzter SED-Vorsitzender 1989 und späterer PDS-Bundesparteichef (1990 bis 1993) in West wie Ost ausgesetzt war, scheinen bei diesem quirligen Multitalent ihre Spuren hinterlassen zu haben. »Ich wurde angespuckt, attackiert und beleidigt«, erzählt Gysi. »Natürlich war ich auch verzweifelt«, räumt der Berliner ein. Sein selbsterhaltender Humor habe ihn aber über Wasser gehalten. Zudem sei er »preußisch stur«.

Und schlagfertig: Als er im Eichsfeld in Thüringen nach der Wende mit einem Plakat mit der Aufschrift »Diebe, Betrüger, Mörder, Totschläger« konfrontiert wurde, gab er den Urhebern den heißen Tipp, beim nächsten Mal doch besser die Reihenfolge der Steigerung einzuhalten. Mord sei schwerwiegender als Totschlag. Also müsse der Mord an letzter Stelle stehen. Da kam der Anwalt in ihm durch. Und als die Kali-Kumpel in Worbis beim Anblick des damaligen PDS-Bundesvorsitzenden gebetsmühlenartig »Stasi, Stasi, Stasi« skandierten, landete Gysi mit seinem Konter einen Treffer: »Ich finde, Sie haben sich jetzt genug vorgestellt.« Der saß.

Hingezogen zu Menschen mit Problemen

Als die Kali-Kumpel in ihrem Arbeitskampf dann in einen Hungerstreik traten, wich der Gescholtene ihnen nicht von der Seite. Denn er fühlt sich, wie er selbstreflektierend feststellt, hingezogen zu Menschen, die Probleme haben. Warum das so ist, erklärt sich der 71-Jährige aus seinem Anwaltsleben: »Zu einem Anwalt kommen immer Leute mit Problemen. Das prägt einen.«

Diese »leicht krankhafte Störung«, wie Gysi selbstironisch sagt, »macht mich auch neugierig, wenn eine Einrichtung Probleme hat«. Die SED zum Beispiel. Sie steckte, als die DDR unterging, in existenziellen Schwierigkeiten. Deshalb habe er damals ihren (letzten) Vorsitz übernommen. »Jetzt muss ick uffpassen«, berlinert sich der prominente Gast blitzschnell zur nächsten Pointe. Die SPD habe derzeit so ungeheure Probleme, dass er sich in seiner anwaltlichen Ambition bremsen müsse.

Pointen liefert der Gast, der auf Einladung der Volkshochschule die Stadthalle füllt, um seine Autobiographie »Ein Leben ist zu wenig« vorzustellen, in rasanter Folge. Aber auch politische Ansichten, deren Konsensfähigkeit sich im Szenenapplaus spiegelt, bringt er in seiner unnachahmlichen Eloquenz pointiert unters Volk. Da glaubt man kaum, dass Gysi vor nicht ganz so langer Zeit noch Persona non grata war.

Diese Zeiten sind vorbei. »Ich werde von der Mehrheit der Bevölkerung akzeptiert – in Ost und West und sogar in Bayern.« »Du bist nur ein Demokrat, wenn du akzeptierst, dass es unterschiedliche Interessen gibt«, postuliert der Polit-Profi. Entsprechend mag er, wie er betont, die Arroganz der Linken gegen Volksfeste nicht. »Man muss ja nicht hingehen, es den anderen aber gönnen.« Dem zunehmenden Interesse an der AfD gelte es mit Aufklärung zu begegnen: »Wir müssen die Menschen vom Gegenteil überzeugen.« Dafür müsse es eine Denkfabrik geben.

Autobiographien signiert

Von den Deutschen wünscht sich Gysi, dass sie offener und breiter über historische Persönlichkeiten diskutieren. Gegen Bismarck als Namensgeber einer Straße spreche ebenso wenig wie gegen Karl Marx als Namensgeber der Uni in Trier. Karl Marx sei einer der klügsten Söhne der deutschen Geschichte. »Er muss von seinem Missbrauch befreit werden.«

Für die Politik der Gegenwart fordert Gysi mehr Steuergerechtigkeit. »Deutschland wird bezahlt von der Mitte.« Die hohen Einkommen gelte es angemessen und ehrlich heranzunehmen. Gysi plädiert für Kohls Spitzensteuersatz von 53 Prozent, aber nur für Jahreseinkommen von mehr als 100.000 Euro. Für die großen Banken und Konzerne fordere er, dass die wirtschaftlichen Tätigkeiten, die sie hier verrichten, auch hier versteuert werden.

Nach dem Gespräch mit Hans-Dieter Schütt signierte Gysi, der zuvor eine Lesung in Göttingen absolviert hatte, am Tisch Bücher. Viele Gäste nutzten die Gelegenheit, sich seine Autobiographie als Lektüre mitzunehmen.

Habeck kommt

Der nächste prominente Referent der Volkshochschule Höxter-Marienmünster wird nicht zu lange auf sich warten lassen: Der höchstpopuläre Grünen-Parteichef Robert Habeck kommt Anfang Februar 2020, um sein neues Buch vorzustellen, verriet VHS-Leiter Rainer Schwiete dem WB.

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