Do., 27.06.2019

Zivilprozess gegen Klinikum Kassel und einen Oberarzt ohne Urteil – Verkündungstermin im September Tod des kleinen Malik wirft weiter Fragen auf

Der kleine Malik ist gestorben, weil ein Krankentrasport zu spät eingetroffen ist.

Der kleine Malik ist gestorben, weil ein Krankentrasport zu spät eingetroffen ist. Foto: privat

Von Dennis Pape

Kassel/Höxter (WB). »Seit fast sechs Jahren leiden wir und wollen endlich wissen, wer verantwortlich ist für den Tod unseres Kindes«, sagt Yildiray Soyak, der seinen damals zweijährigen Sohn Malik 2013 angesichts eines zu späten Krankentransportes verloren hat. Am Mittwoch wurde Soyaks Zivilklage gegen das Klinikum Kassel sowie einen 48-jährigen Oberarzt vor dem Landgericht Kassel verhandelt. Ein Urteil gibt es noch nicht.

Malik war am 15. Oktober 2013 mit Übelkeit, Schwindel und Kopfschmerzen ins St.-Ansgar-Krankenhaus in Höxter gebracht worden. Dort gingen die Ärzte zunächst von einem Magen-Darm-Infekt aus. Erst als am nächsten Morgen gegen 8 Uhr ein Krampfanfall auftrat, wurde ein MRT veranlasst.

Um 8.55 Uhr wurden die Eltern informiert, dass eine Schwellung im Hirn festgestellt worden sei und Malik in einer Spezialklinik operiert werden müsse. Obwohl akute Lebensgefahr angesichts gestiegenen Hirndruckes bestand, wurde der Junge jedoch erst am Nachmittag ins 60 Kilometer entfernte Kassel gefahren, wo er um 16.50 Uhr operiert wurde – zu spät, er verstarb.

Weitere Klage soll folgen

Ungeklärt ist auch fast sechs Jahre nach dem Tod des kleinen Jungen, warum sich der Transport in die Spezialklinik nach der Diagnose »Druck im Hirn« um acht Stunden hinausgezögert hatte. Das Amtsgericht Höxter hatte ein Verfahren wegen fahrlässiger Tötung gegen zwei Ärzte des St.-Ansgar-Krankenhauses gegen eine Geldauflage im November 2017 eingestellt .

Am Mittwoch stand in Kassel erneut die Frage im Raum, wer dafür verantwortlich ist, dass Malik 2013 zu spät mit einem Intensiv-Mobil ins Klinikum gebracht worden ist – lag der Fehler in Kassel oder wurde er im Ansgar-Krankenhaus in Höxter begangen? Rechtsanwältin Anneke Fasterding vertrat die Familie Soyak als Kläger in diesem Zivilprozess und betonte: »Es wird eine weitere Klage gegen das Krankenhaus in Höxter folgen, das einen Verzicht auf Verjährung unterschrieben hat – das Klinikum in Kassel hat dies nicht getan und deshalb haben wir diesen Termin vorgezogen.«

Der 48-jährige Kasseler Oberarzt soll laut Anklage den Krankentransport des Jungen aus Höxter nach Kassel organisiert, jedoch nicht auf die Dringlichkeit hingewiesen haben. Das benötigte Intensiv-Mobil ist angesichts eines anderen Einsatzes deshalb erst eineinhalb Stunden später ausgerückt.

Ein »sehr diffiziler« Fall

Doch damit nicht genug: Da wiederum die Leitstelle des Kreises Höxter nicht vom Ansgar-Krankenhaus informiert worden ist (dies ist der vorgeschriebene Weg), wurde der Wagen aus Kassel auf dem Weg nach Höxter wieder zurückgerufen. Als dann der mittlerweile am Ansgar angekommene Notarzt aus Brakel feststellte, dass ihm ein CO2-Messgerät für Kinder fehlte, wurde das Intensiv-Mobil aus Kassel erneut angefordert – die Zeit lief dem kleinen Jungen im Überlebenskampf davon.

Nicht ohne Grund bezeichnete die Kammer um Richterin Muth den Fall als »sehr diffizil« – in der Beweisaufnahme wurde einmal mehr deutlich, wie schwer ein Schuldiger auszumachen ist. Die Rechtsanwälte Jorg Estorf (vertrat das Klinikum Kassel) und Jürgen Heyner (vertrat den 48-jährigen Oberarzt) sahen die Verantwortung für den späten Transport und damit auch für den Tod Maliks ganz klar in Höxter.

Auch der Oberarzt beteuerte vor der Kammer, er habe nicht von der Dringlichkeit des Krankentransportes gewusst und diesen damals als »ganz normale Verlegung eines Patienten« angesehen, die auch noch eineinhalb Stunden hätte warten können. Die Diagnose Hirndruck sei ihm zunächst nicht bekannt gewesen – »es schrie nichts nach Notfall«.

Keine Entscheidung gefallen

Dem entgegen stand die Aussage der 57-jährigen Kasseler Klinikdirektorin aus dem Zeugenstand. Sie wiederum habe den Oberarzt nach dem ersten Kontakt mit dem Höxteraner Krankenhaus vom Hirndruck und damit einem Notfall berichtet – zumindest stünde dies in ihrem Gedächtnisprotokoll vom Tag, an dem Malik sterben musste. Sie habe sich im Folgenden darauf verlassen, dass der Oberarzt den Transport organisiert.

Als Zeugin sagte ebenfalls eine Oberärztin des Ansgar-Krankenhauses aus. Sie beteuerte, dass ihr die Vorschriften bezüglich eines Krankentransportes nicht bekannt waren. Außerdem habe sie nicht gewusst, dass ein benötigtes Intensiv-Mobil auch aus Paderborn oder Lippe hätte angefordert werden können: »Eines war für mich aber selbstverständlich – und zwar, dass es ein Notfall mit höchster Dringlichkeit war. Ich hatte angenommen, dass das auch in Kassel so angekommen ist – selbst wenn ich es vielleicht nicht konkret gesagt habe im Gespräch mit der Kasseler Klinikdirektorin.«

Nach Angaben der Pressestelle des Landgerichtes ist am Mittwoch noch keine Entscheidung der Kammer gefallen – die Beratungen dauerten bis zum frühen Abend an. Dann die Nachricht aus Kassel: Erst am 11. September gibt es einen Verkündungstermin. Dort wiederum sei sowohl ein Urteil als auch ein Beweisbeschluss mit weiterer Sachaufklärung möglich.

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