Di., 30.07.2019

»Wege durch das Land«: Finale auf Gut Holzhausen mit Ulrich Noethen und Eva Mattes Vom neuen Menschen

Begeistern das Publikum im ausverkauften Schafstall auf dem Kulturgut Holzhausen: Ulrich Noethen, Catherine Vickerts und Eva Mattes (rechts). Seit vielen Jahren macht die »Wege«-Reihe Station auf Gut Holzhausen mit seinem unvergleichlichen Flair.

Begeistern das Publikum im ausverkauften Schafstall auf dem Kulturgut Holzhausen: Ulrich Noethen, Catherine Vickerts und Eva Mattes (rechts). Seit vielen Jahren macht die »Wege«-Reihe Station auf Gut Holzhausen mit seinem unvergleichlichen Flair.

Von Wolfgang Braun

Nieheim-Holzhausen (WB). Einen grandiosen Abschluss hat das OWL-Festival »Wege durch das Land« auf dem Kulturgut Holzhausen gefunden: Eva Mattes und Ulrich Noethen haben Texte zum Thema »Der neue Mensch – der revolutionäre Aufbruch nach dem Ersten Weltkrieg in der Sowjetunion und der Weimarer Republik« rezitiert. Eine der Überraschungen des Abends war, beide auch als Sänger zu erleben zu können.

Passend zum Thema spielten Pianistin Catherine Vickers Piano-Kompositionen von Schostakowitsch und Pianist Sir Henry Klaviermusik aus der Weimarer Zeit – unter anderem Lieder von Friedrich Hollaender und Hanns Eisler. Zu Beginn des Abends las Ulrich Noethen einen Text des Regisseurs Gerhard Ahrens über den alten Traum, einen »Neuen Menschen« zu schaffen.

Er gehe auf den Apostel Paulus zurück, der im Brief an die Epheser fordere, den »alten Menschen abzulegen« und den neuen »anzuziehen«. Eine hohe Zeit habe die Rede vom »Neuen Menschen« im Umfeld der russischen Revolution und dann auch in der Weimarer Republik nach Ende des Ersten Weltkriegs gehabt.

Lesung und Musik im Wechsel

Aber in beiden Fällen hätten der Stalinismus in der UDSSR und der Faschismus in Deutschland für bittere Enttäuschungen aller Hoffnungen gesorgt. Wiederbelebt wurde die Rede vom »Neuen Menschen« durch die Studentenbewegung 1968, in der Herbert Marcuses Verdammung des »Eindimensionalen Menschen« eine wichtige Rolle spielte. Auch Rudi Dutschke sprach davon, den »Neuen Menschen« zu schaffen.

Der Aufbruch zu Neuem war nach der Oktober-Revolution gewaltig: In dieser Zeit seien die utopischen Hoffnungen des 19. Jahrhunderts regelrecht explodiert. Nicht nur Trotzki, Lenin, Maxim Gorki, der Lyriker Alexander Blok haben von einem Paradies auf Erden geträumt.

Eva Mattes und Ulrich Noethen lasen dabei im Wechsel mit dem höchst virtuosen Klavierspiel der international renommierten Pianistin Catherine Vickers, die alle 24 Präludien von Schostakowitsch sowie dessen Klaviersonate Nummer 1 (mit dem Untertitel »Oktober«) aufführte.

Als letzter Text dieses ersten Teils stand Rosa Luxemburgs schonungslose Kritik an der von Lenin und den Bolschewiken initiierten, blutigen Diktatur des Proletariats. »Die Freiheit ist auch die Freiheit des Andersdenkenden.« Diese Feststellung von ihr bleibt unvergessen.

Lied von Claire Waldoff präsentiert

Schauspielerisch, gesanglich und zuweilen auch tänzerisch in Fahrt kamen die beiden im zweiten, dem der Weimarer Republik gewidmeten Teil des Abends. Am Piano: Sir Henry, der eigentlich Henry Nijenhuis heißt. Unter anderem hat dieser Tasten-Paganini Filmmusiken zu Filmen von Alexander Kluge komponiert. Er begleitete Ulrich Noethen oder auch Eva Mattes bei den Friedrich-Hollaender-Liedern »Das ist der Herzschlag, der zusammenhält« (nach einem Text von Kurt Tucholsky), »Fox Macabre« oder »Ich mache alles mit den Beinen«.

Eva Mattes wirkte sehr glaubhaft als Radikal-Emanze mit dem Claire-Waldoff-Song »Raus mit den Männern aus dem Reichstag«. Texte unter anderem von Karl Kraus, Georg Kaiser, Georg Heym, Klaus Mann und auch Bertolt Brecht illustrierten die Hoffnungen auf einen Neuanfang nach der Novemberrevolution 1918 und dem Abdanken Kaiser Wilhelms II. und vor allem deren Enttäuschung.

Der Text einer Rede von Gottfried Benn über die Rolle der Intellektuellen im »neuen« Führerstaat, gehalten 1933 nach der Machtergreifung Adolf Hitlers, in der der Arzt und Lyriker von der »Züchtung eines Neuen Menschen« spricht, ließen einem das Blut in den Adern frieren.

Der Abend endete mit einem von Ulrich Noethen gesungenen Lied nach dem Brecht-Poem »Erinnerung an Marie A.« (»An jenem Tag im blauen Mond September…«). Mit stürmischen Standing Ovations in dem ausverkauften Schafstall des Kulturgutes Holzhausen bedankte sich das begeisterte Publikum bei den Künstlern.

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