Fr., 16.08.2019

Vorsitzender der »Jacob Pins Gesellschaft« reist zum Bürgerfest ins Schloss Bellevue Bundespräsident lädt Ostkämper ein

Fritz Ostkämper sitzt im »Forum Jacob Pins«: Vor rund einem Jahr traf er am Forum Harry Lowenstein, den letzten Holocaust-Überlebenden aus Höxter, wieder. Ostkämper beschäftigt sich seit Jahren mit dem Holocaust und seinen Folgen – und spricht sich aus für den Frieden und gegen den Hass.

Fritz Ostkämper sitzt im »Forum Jacob Pins«: Vor rund einem Jahr traf er am Forum Harry Lowenstein, den letzten Holocaust-Überlebenden aus Höxter, wieder. Ostkämper beschäftigt sich seit Jahren mit dem Holocaust und seinen Folgen – und spricht sich aus für den Frieden und gegen den Hass. Foto: Roman Winkelhahn

Von Roman Winkelhahn

Höxter (WB). Für sein Engagement in der Aufarbeitung der jüdischen Geschichte Höxters ist Fritz Ostkämper vom Bundespräsidenten nach Berlin eingeladen worden. Im Gespräch mit dem WESTFALEN-BLATT erzählt er von Antisemitismus in der heutigen Zeit, Demos in Höxter und Hausverbot für Holocaust-Leugner.

»Es soll jeder nach seiner Facon glücklich werden«, sagte bereits Friedrich der Große – und diese weisen Worte hat sich auch Fritz Ostkämper zum Motto gemacht. Der 72-jährige Höxteraner ist Vorsitzender der »Jacob Pins Gesellschaft« und beschäftigte sich bereits als Lehrer am König-Wilhelm-Gymnasium (KWG) mit dem Schicksal jüdischer Bürger in Höxter zur Zeit der NS-Diktatur.

Am Freitag, 30. August, wird Fritz Ostkämper mit seiner Frau zum Bürgerfest nach Berlin reisen, denn Frank-Walter Steinmeier hat ihn ins Schloss Bellevue eingeladen. 4000 Ehrenamtler aus ganz Deutschland werden an dieser Veranstaltung teilnehmen. Er werde dort »stellvertretend für die Arbeit des Forums und die Arbeit aller anderer Menschen an allen möglichen Orten« sein, erklärt Ostkämper. Bereits seit Jahren setzt er sich mit dem Holocaust und seinen Folgen auseinander – und spricht sich aus für den Frieden und gegen den Hass.

Kein jüdisches Leben mehr in Höxter

»Was sind Juden?«, fragt sich Ostkämper. »Nur eine andere Religion.« Er sitzt im Saal des Jacob-Pins-Forums, umringt von mystischen Bildern des jüdischen Malers, dem das Museum gewidmet ist. »Ob ein Jude eine Kippa trägt, eine Muslima ein Kopftuch oder eine Nonne ihren Habit – es ist völlig egal, wie jemand sich zeigt.«

Leider sei es schwer, in Höxter und in der Umgebung noch jüdisches Leben zu zeigen. Nur drei der damals etwa 80 deportierten Juden seien nach der NS-Herrschaft nach Höxter zurückgekehrt. Dann gingen sie jedoch alle in die USA. »Es gibt hier seit 50 Jahren kein jüdisches Leben mehr«, weiß er. Die nächsten Gemeinden gebe es in Paderborn, Hameln und Göttingen.

Offenem Antisemitismus begegne Ostkämper mit großem Unverständnis. Dass beispielsweise vor wenigen Tagen eine Rabbiner-Familie in Berlin bespuckt wurde, das könne er nicht verstehen. Menschen wie die zwei Männer aus Alice Weidels (AfD) Wahlkreis, die im KZ Sachsenhausen die Existenz der Gaskammern bezweifelten, würden vom »Hausherrn« des Pins-Forums ein Hausverbot bekommen: »Ihr habt hier nichts zu suchen!«, würde ihnen Ostkämper sagen.

Angst vor diesen jüngsten Entwicklungen habe der 72-Jährige jedoch nicht: »Meinen Optimismus ziehe ich daraus, dass es bereits damals Organisationen und Parteien gab, die inzwischen verboten sind. Ich hoffe, dass Menschen wie die Identitären oder Björn Höcke nie wieder eine Chance bekommen, zu dominieren.«

Demos schon vor knapp 30 Jahren

Der Einladung vom Bundespräsidenten misst Fritz Ostkämper einen hohen symbolischen Wert bei: »Es zeigt, dass die Ablehnung von Ausgrenzung ein Grundprinzip der Bundesrepublik ist.« Er könne durchaus vieles kritisieren – beispielsweise dass die Aufarbeitung des Holocaust so lange gedauert hat; dass unter Adenauer noch viele ehemalige NSDAP-Funktionäre in Machtpositionen gelangten oder dass Deutschland seit Joschka Fischer wieder an Kriegen beteiligt ist. Mit der Arbeit des Bundespräsidenten als moralische Autorität in Deutschland sei Ostkämper jedoch zufrieden: »Manchmal wünsche ich mir von ihm schärfere Äußerungen. Steinmeier schwebt etwas über allem, anders als zum Beispiel Willy Brandt damals.«

Fritz Ostkämper ist auch stolz auf Höxters Umgang mit Hass und Diskriminierung: »Es hat schon in den 1990ern Demos gegen Fremdenfeindlichkeit in Höxter gegeben«, erinnert er sich. »Ich war damals derjenige, der die Anmeldungen bei der Polizei vorgenommen hat.« Die erste Ausstellung über jüdisches Leben in Höxter habe es in den 1980er Jahren in der Marienkirche gegeben. Doch die Stadt sei damals noch nicht sehr zugänglich gewesen und habe den Zugang zu manchen Dingen abgelehnt.

Viele Ehrenamtliche im Forum aktiv

Im Pins-Forum arbeiten rund 30 ehrenamtliche Helfer, die Gesellschaft hat etwa 330 Mitglieder, die meisten von ihnen leben in Höxter. »Diese Tatsache ist ein Zeichen dafür, dass das Bewusstsein für die Erinnerung da ist«, erklärt Ostkämper. »Manche Leute kommen für die Kunst, manche für die Architektur und einige lesen sich in den Biografien der Höxteraner Juden fest. Ich wünsche mir, dass das Forum weiterhin blüht und gedeiht. Wir werden alle älter, daher ist es wichtig, Nachfolger für unsere Arbeit zu finden«, sagt der 72-Jährige. Vor allem für ältere Menschen könne die ehrenamtliche Arbeit zu einem erfüllenden Lebensinhalt werden.

Mit Blick auf das Bürgerfest in Berlin sagt Ostkämper: »Ob ich wahrgenommen werde, weiß ich nicht.« Immerhin werden tausende Ehrenamtler in Bellevue anwesend sein. »Ein Gastgeschenk werde ich auf jeden Fall dabei haben, vielleicht ein Buch hier aus dem Forum«, verrät der Vorsitzende der »Jacob Pins Gesellschaft«. Für die Einladung des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier möchte sich Ostkämper außerdem noch auf andere Weise revanchieren. Was er dafür zu Steinmeier sagen wird, weiß er schon: »Wenn Sie mal wieder in Brakelsiek bei ihrer Mutter sind, dann kommen Sie doch einfach mal vorbei.«

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