Di., 20.08.2019

In Höxter haben in zehn Jahren 71 Betriebe geschlossen Die Dorfkneipe stirbt

Kneipen, Eisdielen und Gaststätten haben einen schweren Stand. In den vergangenen zehn Jahren sind 71 davon im Kreis Höxter geschlossen worden. Dehoga-Kreisvorsitzender Joachim Avenarius führt das unter anderem auf hohe Kosten zurück.

Kneipen, Eisdielen und Gaststätten haben einen schweren Stand. In den vergangenen zehn Jahren sind 71 davon im Kreis Höxter geschlossen worden. Dehoga-Kreisvorsitzender Joachim Avenarius führt das unter anderem auf hohe Kosten zurück. Foto: dpa

Von Angelina Zander

Höxter (WB). Dorfkneipen müssen sich positionieren. Dieser Meinung ist Joachim Avenarius, Vorsitzender Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) im Kreis Höxter. Die Entwicklung ist eindeutig: In den vergangenen zehn Jahren ist im Kreis jede vierte Gaststätte, Eisdiele oder Kneipe geschlossen worden.

Das ist einer Mitteilung der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) zu entnehmen, die sich wiederum auf Zahlen des Statistischen Landesamtes beruft. Demnach gibt es im Kreis Höxter nun noch 189 gastronomische Betriebe. Die »alarmierende Entwicklung« führt Avenarius vor allem auf den finanziellen Aspekt zurück. »Der Beruf an sich macht vielen Spaß«, hält er fest.

»Aber wenn ich als Angestellter mehr verdiene als als Chef, ist das ein Problem.« Statt selbst eine Gas­tronomie zu eröffnen, würde dann häufiger eine Anstellung bevorzugt werden. Gerade in der kleineren Dorfkneipe würden die Umsätze nicht ausreichen, um davon zu leben.

Hohe Kosten belasten kleine Kneipen

Auch der Mindestlohn spiele eine Rolle. Aber: »Es gibt viele Dinge, die Geld kosten: GEMA, GEZ, Gebühren für Kontrollen.« Hinzu komme gerade in kleineren Städten das Problem, dass Stammtische und Vereine die Lokale für ihre Treffen nutzen. Unter den Teilnehmern seien gelegentlich auch Personen, die dabei nicht für Umsatz sorgen.

Aber auch ein gesetzliches Problem macht den Betrieben laut Avenarius das Leben schwer. So bezahle man für einen Verzehr von Speisen, der im Haus und mit Service passiert, 19 Prozent Mehrwertsteuer, während Außer-Haus- Verzehr mit nur sieben Prozent besteuert werde. Daher verdiene ein Wirt mehr Geld, wenn er seine Speisen beispielsweise zum Mitnehmen anbiete. Auch das Gesetz zum Rauchverbot habe zu einem Umsatzrückgang geführt.

Eine Patent-Lösung gegen das Kneipensterben hat Avenarius nicht. Aber er äußert eine Vermutung, wie es in Zukunft weitergehen könnte: »Die Dorfkneipe wird sich in Richtung Freizeitgastronomie entwickeln.« Ohnehin würde sich vieles auf den Abend konzentrieren, nur selten gingen Menschen nachmittags in ein Restaurant, um zu essen.

Alleinstellungsmerkmale für Kneipen

»Die Dorfkneipen müssen einen Unique Selling Point haben.« Das bedeutet, dass sie entscheiden müssen, mit welchem Alleinstellungsmerkmal sie die Gäste anlocken wollen. Und dabei ginge es nicht nur um Besucher aus dem Dorf. Die Gäste seien heute bereit, für eine Erlebnisgastronomie eine weitere Strecke auf sich zu nehmen. Somit müssten die Betriebe auch ein Publikum außerhalb ihres Ortes ansprechen können.

Das könne beispielsweise gelingen, indem sich ein Betrieb auf die Musik am Abend konzentriert, während ein anderer das Essen stärker in den Fokus nimmt. Am Ende müsse aber jeder für sich selbst entscheiden, wie er seine Kneipe oder seine Gaststätte zukunftsfähig ausrichten könne.

Die Gewerkschaft NGG Detmold-Paderborn führt in ihrer Mitteilung zusätzlich an, dass die Löhne und Arbeitsbedingungen in der Gastronomie-Branche verbessert werden sollten, um Fachkräftemangel vorzubeugen. Mit einem Tarifvertrag, der NRW-weit für alle Restaurants und Gaststätten gilt, habe man hier »einen wichtigen Schritt« gemacht.

Portraits zweier Gastro-Einsteiger

Obwohl es gastronomische Betriebe derzeit nicht gerade einfach haben, wagen immer wieder Menschen den Schritt in die Selbstständigkeit. Zwei haben es direkt in Höxter gewagt. Udo Schwarz hat im Alter von 67 Jahren den »Holzwurm« übernommen, Felicitas Wilke (34) hat das Café Heimisch übernommen.

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