Mi., 04.09.2019

Erste Teile der restaurierten Barockorgel kehren in die Abteikirche Corvey bei Höxter zurück Technischer Einbau hat begonnen

Von Sabine Robrecht

Höxter (WB). Vor drei Jahren ist sie verstummt. Jetzt hat zumindest schon mal der technische Einbau begonnen: In Corveys ehemaliger Abteikirche ist die bedeutende historische Springladen-Orgel dabei, nach Abschluss der umfassenden Restaurierung an ihren angestammten, exponierten Platz zurückzukehren. Bis auf die Bleipfeifen bauen Fachleute der niederländischen Firma Flentrop Orgelbouw seit Montag sämtliche Orgelteile ein.

»Auf diesen Tag haben wir lange gewartet. Man sieht, dass wieder etwas getan wird«, betont Heinz-Hermann Doninger, Vorsitzender des Fördervereins »Chorus« zur Rettung der Barockorgel. Er und seine Mitstreiter haben knapp 315.000 Euro Spendensummen für dieses herausragende Projekt akquiriert. Auf 350.000 Euro werden sie insgesamt kommen. Außerdem hat der Verein einen 300.000-Euro-Zuschuss der NRW-Stiftung eingeworben und beantragt. Die Kirchengemeinde St. Stephanus und Vitus würdigt das großartige Engagement: »Ohne den Förderverein wäre dieses herausragende Projekt nicht zu stemmen«, betonen Pfarrdechant Dr. Hans-Bernd Krismanek und der Baubeauftragte des Erzbistums für Corvey, Franz-Josef Beine.

Die Freude darüber, dass Orgelbauer Paul Winkelmeijer und seine zwei Mitarbeiter die teils restaurierten und teils rekonstruierten Windladen und andere Elemente fachgerecht und mit Herzblut einbauen, kann das Kopfzerbrechen des Kirchenvorstands und des Fördervereins nicht zerstreuen. Denn der Wiedereinbau der Orgel war eigentlich schon 2018 vorgesehen. Die Beteiligten schoben diese Planung zunächst um ein Jahr nach hinten.

Kostenübersicht

Die Kosten für die Orgelrestaurierung belaufen sich einschließlich der Zusatzkosten für die Verzögerungen aktuell auf rund 961.700 Euro. Diese Summe ist sichergestellt durch 137.400 Euro Bundeszuschuss für die Rekonstruktion und Restaurierung der Windladen, 300.000 Euro Zuschuss von der NRW-Stiftung, 209.600 Euro vom Erzbistum Paderborn und 314.700 Euro vom Förderverein »Chorus«. Außerhalb des Förderprogramms des Bundes und der NRW-Stiftung fallen zusätzliche Kosten von 240.000 Euro an, von denen 160.000 Euro das Erzbistum und 80.000 Euro die Kirchengemeinde und der Förderverein übernehmen. Diese Kosten entstehen unter anderem für die aufwändige Tragkonstruktion und das Gehäuse für die Balganlage im Dachraum über dem Kirchenschiff. Zudem muss ein Zugang zum Dachraum für Materialanlieferungen geschaffen werden. Das Architekturbüro Albert Henne schreibt die bauseitigen Leistungen gerade aus.

Grund sind, so Franz-Josef Beine, »die sich verzögernden Abstimmungen mit den Denkmalbehörden – insbesondere dem Westfälischen Amt für Denkmalpflege – betreffend den Einbau einer Glastrennwand im Erdgeschoss zwischen dem karolingischen Westwerk und dem barocken Kirchenschiff sowie die im Bundes-Förderprogramm ›Nationale Projekte des Städtebaus‹ vorgesehenen weiteren baulichen und restauratorischen Maßnahmen«. Die Vorhaben im Welterbe-Westwerk und in der Abteikirche sind naturgemäß mit Staub und Verschmutzung verbunden. Und das ist Gift für die Orgelpfeifen. Daher müssen alle Baumaßnahmen abgeschlossen sein, ehe die Bleipfeifen eingebaut werden können.

Verzögerung bringt Mehrkosten mit sich

Aus dem neuen Zeitplan mit Stichtag September 2019 für den Abschluss des Orgel-Projekts wurde dann aber wieder nichts. Denn die vor etwa einem Jahr beantragte denkmalrechtliche Erlaubnis zum Einbau der Glaswand liegt immer noch nicht vor. »Das Westfälische Amt für Denkmalpflege hat das Benehmen bislang noch nicht hergestellt.« Deshalb könne die Stadt als Untere Denkmalbehörde kein grünes Licht geben. »Zudem wurden die beantragten denkmalrechtlichen Erlaubnisse, die weitere bauliche und restauratorische Maßnahmen des Förderprogramms des Bundes betreffen, jeweils mit Auflagen verbunden, die noch im Detail mit dem Westfälischen Amt für Denkmalpflege zu klären sind«, erläutert Franz-Josef Beine. Die erste Verzögerung brachte schon Mehrkosten von 30.800 Euro brutto mit sich. Für den erneuten Aufschub gehen die Beteiligten auf ein Jahr gerechnet von 27.600 Euro brutto aus.

Vor dem Hintergrund der unkalkulierbaren Situation hat die Orgelbaufirma Flentrop aus dem niederländischen Zaandam, die das Instrument restauriert hat, Ende Juni vorgeschlagen, mit dem technischen Einbau jetzt schon zu starten und die Orgelteile dann vor Verschmutzung zu schützen. Die Pfeifen kommen nach Abschluss der restauratorischen Maßnahmen in Westwerk und Kirche. »Die beteiligten Vertreter der Kirchengemeinde und des Erzbistums Paderborn werden alle notwendigen Anstrengungen unternehmen, um dieses exponierte Orgelprojekt im Jahr 2020 endgültig zum Abschluss zu bringen«, blickt Franz-Josef Beine nach vorne.

Zustand der Orgel war desolat

Dann endet eine lange Geschichte, die 2008 damit begonnen hatte, dass Jörg Kraemer, Orgelbeauftragter des Erzbistums Paderborn, auf die Notwendigkeit einer denkmalgerechten Restaurierung und Rekonstruktion dieses bedeutenden Instruments hingewies. Er untersuchte die Schneider-Orgel von 1681 mit weiteren Sachverständigen intensiv. Ihr Zustand war desolat. »Das Instrument war kaum noch spielbar«, blickt Kraemer zurück. »Bei der Restaurierung geht es nicht um Ästhetizismus, sondern im Kern um den Erhalt dieses Denkmals«, bekräftigt er.

Fachwelt wird Corvey besuchen

Jörg Kraemer war der letzte, der die Springladen-Orgel vor dem Ausbau und Transport zur Werkstatt in Zaandam im September 2016 hat erklingen lassen. Die Premiere nach der Rückkehr möchte er aber nicht bestreiten. Kraemer geht davon aus, dass Corvey nach der Wiedereinweihung der Orgel einen höheren Besucherzustrom haben wird. »Die Fachwelt und interessierte Laien haben wieder einen weiteren Zielpunkt für ihre Orgelreisen. Wir reden hier durchaus in internationalem Maßstab. Für das Welterbe Corvey ist es ein zusätzliches Bonbon, eine mustergültig restaurierte Orgel zu haben.« 20.000 Orgelbauer-Arbeitsstunden stecken in dem exponierten Projekt.

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