Do., 12.09.2019

Pins-Gesellschaft auf den Spuren der verschleppten 41 Höxteraner jüdischen Glaubens in Riga Gestorben, nur weil sie Juden waren

27 Höxteraner haben die Gedenkstätten in Riga (Hauptstadt von Lettland) besucht. Emotionaler Höhepunkt war für alle Teilnehmer der Besuch der Gedenkstätte Bikernieki bei Riga. 5000 Steine, aus Granit gehauen, erinnern an die etwa 20.000 Juden, 10.000 russischen Kriegsgefangenen und 5.000 Widerstandskämpfer.

27 Höxteraner haben die Gedenkstätten in Riga (Hauptstadt von Lettland) besucht. Emotionaler Höhepunkt war für alle Teilnehmer der Besuch der Gedenkstätte Bikernieki bei Riga. 5000 Steine, aus Granit gehauen, erinnern an die etwa 20.000 Juden, 10.000 russischen Kriegsgefangenen und 5.000 Widerstandskämpfer. Foto: Pins-Gesellschaft

Höxter/Riga (WB). Bewegende Momente haben die Teilnehmer der Studienfahrt »Auf den Spuren der Höxteraner Juden nach Riga« im Baltikum erlebt. Es war bereits die neunte Studienfahrt, die von der Jacob-Pins-Gesellschaft zur Geschichte der Juden angeboten wurde. Bärbel Werzmirzowsky schildert die Eindrücke.

41 Juden aus Höxter, Fürstenau und Ovenhausen sind am 13. Dezember 1941 über die Sammelstelle Bielefeld in das Ghetto der lettischen Hauptstadt Riga deportiert worden. Es waren Menschen wie die 72-jährige Berta Himmelstern, die gemeinsam mit ihrer Tochter Regina Simson, deren Ehemann Siegfried Simson und den vier Kindern Ruth (8 Jahre), Werner (7), Henriette (5) und Günter (4), alle wohnhaft Westerbachstraße 12 in Höxter, die Fahrt in den Tod antrat. Ida und Dr. Leo Pins, die Eltern von Jacob Pins, der Arzt Dr. Richard Frankenberg und seine Frau Anna gehörten ebenfalls zu denen, die wenige Tage vorher einen schriftlichen Deportationsbescheid erhalten hatten.

Aus Fürstenau waren der Viehhändler David Löwenstein, seine Frau Bernhardine und die beiden Kinder Kläre (14) und Helmut (10) mit in dem Zug, der die Juden am 10. Dezember vom Bahnhof in der Corveyer Allee nach Bielefeld in ein Sammellager brachte. Sich ihrer zu erinnern, die fern von ihrem Zuhause in Massengräbern verscharrt wurden, war das Anliegen der 27-köpfigen Reisegruppe aus Höxter.

25.000 nach Riga verschleppt

Zum historischen Hintergrund: Nachdem Stalins Truppen 1940/41 Lettland besetzt hatten – etwa 50.000 Letten, Esten und Litauer wurden als politische Häftlinge nach Sibirien deportiert–, folgten ihnen nach kurzen Kampfhandlungen Ende Juni 1941 die Soldaten der deutschen Wehrmacht als Besatzer. Noch im Juli 1941 wurden etwa 30.000 lettische Juden in ein umzäuntes Ghetto im Stadtteil »Moskauer Vorstadt« zusammengetrieben und in zwei Aktionen Ende November/Anfang Dezember im Wald von Rumbula von Wehrmachtssoldaten und ihren lettischen Helfern unter dem Kommando des SS- und Polizeiführers Friedrich Jeckeln erschossen. Dann begannen die Transporte deutscher Juden nach Riga, insgesamt etwa 25.000 wurden in das »Reichsjudenghetto« verschleppt, etwa 1100 überlebten.

Das Programm

Zunächst gab es das übliche touristische Programm für die Reisegruppe aus Höxter: Informationen zur Geschichte Lettlands, einen Stadtrundgang zu den Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt Riga, später einen Besuch des Badeortes Jurmala an der Ostsee.

Im Zentrum der Reise aber standen Besuche des Ghetto-Museums, der jüdischen Gemeinde, der Gedenkstätten Bikernieki, des KZ Kaiserwald, der Massengräber im Wald von Rumbula, des Bahnhofs Skirotava, der Jugendstil-Synagoge in der Altstadt.

Von Bielefeld nach Riga

Der Bahnhof von Skirotava einige Kilometer von Riga entfernt, war das Deportationsziel der rund 1.000 Juden aus dem Raum Bielefeld, die am 16. Dezember 1941 bei eisigem Winterwetter dort eintrafen. Den Alten und Kindern wurde empfohlen, auf einem Lkw zum Ghetto zu fahren, das Gepäck sollte ebenfalls dorthin transportiert werden – weder Menschen noch Koffer kamen jemals dort an.

Im Ghetto wurden den Juden des Transports aus Bielefeld die Wohnungen der kurz zuvor im Wald von Rumbula ermordeten lettischen Juden zugewiesen. Dr. Frankenberg und seine Frau sowie Dr. Leo Pins und seine Frau Ida Pins bezogen mit zwei anderen Familien im selben Haus eine Wohnung. Die vierköpfige Familie Löwenstein aus Fürstenau wohnte mit der ebenfalls vierköpfigen Familie des Schüttdorfer Bruders und zwei Ehepaaren aus der Familie zusammen.

Über die Zustände im Ghetto schreibt der Überlebende Gustav Uhlmann am 29. Oktober 1945 aus dem Flüchtlingslager Holsbybrunn in Schweden an Laura Sander, eine Cousine von Ida Pins: »Die ersten 14 Tage haben wir keine Verpflegung bekommen und mussten davon leben, was wir in den Wohnungen vorgefunden haben. Es sind gleich viele gestorben: Frau Himmelstern, Bukofzer, das Kind von Bukofzer…. Simson ist erschossen worden. Im Ghetto mussten alle arbeiten. Dr. Pins hat bei der Reichsbahn gearbeitet und Frau Pins in der Kleiderkammer. 1943 sind dieselben bei der Reichsbahn bei Riga kaserniert worden und 1944 im Juli mit einer Aktion wie auch mein Bruder Norbert aus Ovenhausen mit Frau fortgekommen. Leider dahin, wo kein Wiederkehren möglich ist. Auch Dr. Frankenberg und Frau Regine Simson mit vier Kindern…«

Im Ghetto-Museum entdecken die Höxteraner auf einer langen Gedenkmauer mit den Namen von 25.000 europäischen Juden auch die der aus Höxter deportierten.

1943 befahl Reichsführer-SS Himmler die Auflösung der Ghettos im Baltikum. Die Bewohner wurden in Konzentrationslager verlegt oder direkt ermordet. Im Rigaer Villenvorort Kaiserwald entstand das gleichnamige Konzentrationslager, in das die noch arbeitsfähigen Männer und Frauen gebracht wurden, darunter auch aus Fürstenau Helmut Löwenstein, sein Vater, seine Mutter Bernhardine und Schwester Kläre. Der Vater erkrankte schwer und starb bald darauf, Mutter und Schwester starben nach einer weiteren Verlegung 1944 im KZ Stutthof bei Danzig. Helmut Löwenstein überlebte, der 14-Jährige kehrte nach Fürstenau zurück. Er lebt heute in Florida und besuchte im vergangenen Jahr mit seinen Töchtern Höxter und Fürstenau.

Emotionaler Höhepunkt war für alle Teilnehmer der Besuch der Gedenkstätte Bikernieki bei Riga. 5000 Steine, aus Granit gehauen, erinnern an die etwa 20.000 Juden, 10.000 russischen Kriegsgefangenen und 5.000 Widerstandskämpfer, die im Kiefernwald von der SS und lettischen Hilfskräften erschossen und in 50 Massengräbern verscharrt wurden. Auch Dr. Frankenberg und das Ehepaar Pins sind dort ermordet worden.

2001 wurde die Gedenkstätte auf Initiative des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge und des Riga-Komitees eingeweiht. Das Riga-Komitee ist ein Zusammenschluss von 60 Städten in Deutschland und Österreich (Wien), aus denen Juden nach Riga deportiert wurden.

41 Namen verlesen

Die Höxteraner Besucher fanden im Stelenlabyrinth die Granitplatte mit der Inschrift »Bielefeld«. Fritz Ostkämper, der seit Jahrzehnten die Biografien der Höxteraner Juden erforscht, berichtete über ihr Schicksal – von der Ankunft am Bahnhof Skirotava, den Verhältnissen im Ghetto bis zum elenden Tod. Bärbel Werzmirzowsky verlas die 41 Namen der am 13. Dezember 1941 nach Riga Deportierten. Da Besucher jüdischer Friedhöfe nicht Blumen, sondern kleine Steine auf den Gräbern ablegen, hatten die Teilnehmer der Fahrt Weserkieselsteine, beschriftet mit den Namen der ermordeten Juden aus Höxter, Fürstenau und Ovenhausen mitgebracht. Es war ein würdiges und sehr bewegendes Gedenken an die Menschen, die »gute Bürger waren, die niemand etwas getan hatten und die sterben mussten, nur weil sie Juden waren.« (Zitat Elsa Pins).

Fotostrecke unter www.westfalen-blatt.de

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