Do., 12.09.2019

Landgericht teilt Urteil zum Verfahren gegen Klinikum Kassel mit – Familie Soyak prüft Berufung Tod des kleinen Malik: Klage abgewiesen

Der kleine Malik musste 2013 sterben.

Der kleine Malik musste 2013 sterben. Foto: privat

Von Dennis Pape

Lauenförde/Kassel (WB). »Wir wollen endlich wissen, wer verantwortlich ist für den Tod unseres Kindes«, sagt Yildiray Soyak, der seinen damals zweijährigen Sohn Malik 2013 angesichts eines zu späten Krankentransportes verloren hat. Ende Juni wurde Soyaks Zivilklage gegen das Klinikum Kassel sowie einen 48-jährigen Oberarzt vor dem Landgericht Kassel verhandelt – jetzt ist das Urteil ergangen: Die Klage ist abgewiesen worden.

Akute Lebensgefahr

Hintergrund: Malik war am 15. Oktober 2013 mit Übelkeit, Schwindel und Kopfschmerzen ins St.-Ansgar-Krankenhaus in Höxter gebracht worden. Dort gingen die Ärzte zunächst von einem Magen-Darm-Infekt aus. Erst als am nächsten Morgen gegen 8 Uhr ein Krampfanfall auftrat, wurde ein MRT veranlasst. Um 8.55 Uhr waren die Eltern informiert worden, dass eine Schwellung im Hirn festgestellt worden sei und Malik in einer Spezialklinik operiert werden müsse. Obwohl akute Lebensgefahr angesichts gestiegenen Hirndruckes bestand, wurde der Junge jedoch erst am Nachmittag ins 70 Kilometer entfernte Kassel gefahren, wo er um 16.50 Uhr operiert wurde – zu spät, er verstarb.

Warum hat sich Transport verzögert

Ungeklärt ist auch fast sechs Jahre nach dem Tod des kleinen Jungen, warum sich der Transport in die Spezialklinik nach der Diagnose »Druck im Hirn« um acht Stunden hinausgezögert hatte. Das Amtsgericht Höxter hatte ein Verfahren wegen fahrlässiger Tötung gegen zwei Ärzte des St.-Ansgar-Krankenhauses gegen eine Geldauflage im November 2017 eingestellt.

Suche nach Verantwortlichen

Bei der Verhandlung im Juni dieses Jahres stand in Kassel wiederum die Frage im Raum, wer dafür verantwortlich ist, dass Malik 2013 zu spät mit einem Intensiv-Mobil ins Klinikum gebracht worden ist – lag der Fehler in Kassel oder wurde er im Ansgar-Krankenhaus in Höxter begangen? Ein 48-jährige Kasseler Oberarzt sollte laut Anklage den Krankentransport des Jungen aus Höxter nach Kassel organisiert, jedoch nicht auf die Dringlichkeit hingewiesen haben. Das benötigte Intensiv-Mobil ist angesichts eines anderen Einsatzes deshalb erst eineinhalb Stunden später ausgerückt, wurde auf der Strecke zurückgerufen und musste später dann doch erneut nach Höxter fahren, um den Jungen abzuholen.

Vertragliche Situation im Blickpunkt

Rechtsanwältin Anneke Fasterding vertrat die Familie Soyak als Kläger und erläuterte am Donnerstag das 17-seitige schriftliche Urteil auf Anfrage des WESTFALEN-BLATTES: »Das Gericht hat die Klage gegen Kassel abgewiesen, weil es in erster Linie die vertragliche Situation zwischen dem Kläger und dem Klinikum analysiert hat. Aus dem Urteil geht hervor, dass es lediglich einen Vertrag zwischen dem St.-Ansgar-Krankenhaus und der Familie Soyak gegeben hat. Da Malik in Höxter aufgenommen und behandelt worden ist und Kassel aus Sicht des Gerichtes lediglich von Höxter um Hilfe gebeten worden ist, könne auch nur ein Anspruch gegen das St. Ansgar erhoben werden.«

Berufungsverfahren wird geprüft

Das Gericht weist in seinem Urteil aber auch eindeutig auf Missverständnisse im Klinikum Kassel hin. »Das steht leider nur am Rande. Lediglich das Ansgar-Krankenhaus hätte unter Umständen die Möglichkeit, Regressforderungen gegen das Klinikum in Kassel zu stellen«, erläuterte Anneke Fasterding. Sie betonte auch, dass eine Zivilklage gegen das Krankenhaus in Höxter folgen werde, das – im Gegensatz zu Kassel – bislang noch auf eine Verjährung des Falls verzichtet hat. Zunächst werde aber ein Berufungsverfahren gegen Kassel geprüft.

Kommentare

Man muss sich schämen...

Der Schaden (Tod eines Menschen, eines Kindes) ist eingetreten. Soweit keine Zweifel. Schuldhaftes Verhalten liegt vor, von wem und wann und wo nun auch immer. Kausal war dieses auch für den Tod des kleinen Jungen.

Rettungswagen von der aufnehmenden Klinik (in Kassel) angefordert? Ungewöhnlich. Wie auch immer. Die Ärzte, die den Kleinen vor Ort (Höxter) behandelten, hätten handeln können. Wenn nach 30 Min. kein Transportmittel dort ist, muss nachgehakt werden usw. Naja, das Verfahren gegen diese Ärzte wurde ja bereits eingestellt.

Man muss sich schon schämen. Niemand will in unserer Gesellschaft mehr Verantwortung für irgendwas übernehmen. Eltern, die Fürchterliches erfahren mussten, warten jahrelang auf Aufklärung...die es vielleicht niemals geben wird. Wie gesagt, man muss sich schon schämen!

1 Kommentare

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