Fr., 11.10.2019

Manöver »Rösselsprung« vor 50 Jahren mit 66.000 Soldaten – Wende 1989 beendet Großübungen in Höxter Herbstmanöver: Aufmarschgebiet Kreis Höxter

Bei den Großmanövern im Kreis Höxter sind tausende Soldaten aus allen NATO-Staaten eingesetzt worden. Die größte Übung ist vor genau 50 Jahren im Weserbergland gelaufen. Diese Szene ist typisch für ein Manöver: Antreten vor den Fahrzeugen.

Bei den Großmanövern im Kreis Höxter sind tausende Soldaten aus allen NATO-Staaten eingesetzt worden. Die größte Übung ist vor genau 50 Jahren im Weserbergland gelaufen. Diese Szene ist typisch für ein Manöver: Antreten vor den Fahrzeugen. Foto: M. Robrecht

Von Michael Robrecht

Höxter (WB). In den Jahrzehnten des Kalten Krieges von den 1950er Jahren bis 1989 haben sich die Bundeswehr und ihre NATO-Verbündeten mit großräumigen Manövern auf den Verteidigungsfall vorbereitet. Das Gedenkjahr »30 Jahre Mauerfall und Wende« erinnert die Menschen in diesen Wochen daran, dass mit Ende der Ost-West-Konfrontation 1989/90 auch die Zeit der großen Herbstübungen der West-Alliierten und der 500.000-Mann-Bundeswehr im Kreis Höxter vorüber war.

Jahrzehnte haben die Bürger zwischen Egge und Weser regelmäßig Dutzende großer Manöver, damit verbundene Straßenschäden und sehr viele Tiefflieger erdulden müssen. Vor genau 50 Jahren, im Herbst 1969, lag der Kreis Höxter im Zentrum der Heerschau »Großer Rösselsprung«. 66.000 Soldaten nahmen an der gewaltigen Großübung teil, erinnern sich viele ehemaligen Soldaten und Bürger noch genau. Das Finale war die Panzerschlacht am Desenberg bei Warburg mit 400 Panzern. Vier Kriegsbrücken über die Weser bei Höxter und Wehrden wurden gebaut. »In vielen Orten zwischen Egge, Weser und Diemel lag tagelang Militär. Auch wir Höxteraner Pioniere waren bei dem Manöver alle im Einsatz«, erinnert sich Volkmar Költzsch aus Höxter, Vorsitzender des Bundeswehrverbandes und lange Berufssoldat, noch genau.

Vier Kriegs-Weserbrücken

Die Bürger der Weserorte verfolgten live und oft nachts die Kriegsbrückenschläge, als hunderte Fahrzeuge die Weser über Pontonbrücken passierten. Oft warfen nächtliche Truppenverlegungen die Menschen aus den Betten, zum Beispiel rollende Panzerverbände in Höxters engen Altstadtstraßen. An der Weser wurde geprobt, weil der Fluss die erste entscheidende Nato-Verteidigungslinie nach Überwindung des Sollings durch sowjetische und NVA-Truppen im Ernstfall hätte sein können. Sowjet- und DDR-Armeen standen hochgerüstet nahe des Raumes Göttingen-Duderstadt zum Angriff aus Osten bereit und wären schnell an der Hauptkampflinie Weser gewesen.

Im Herbst 1969 lief nun im Kreis Höxter und den umliegenden Regionen das gewaltigste aller NATO-Manöver, »Der große Rösselsprung«. Dabei handelte es sich laut Historiker um die umfangreichste Herbstübung seit Bestehen der Bundeswehr. In Nordhessen und besonders in den Kreisen Höxter/Warburg und Paderborn übten 66.000 Mann mit 15480 Fahrzeugen die Abwehr eines roten Angriffs von Osten im direkten Vorstoß auf das Ruhrgebiet. 104 Hubschrauber, 100 Kampfjets und 30 Transportmaschinen waren im Einsatz.

Was hinter der Grenze zum Warschauer Pakt nur eine Autostunde entfernt an Militärmaterial für eine erste Angriffswelle zur Weser lagerte, wurde erst nach 1989 vielen wirklich klar. Dem Szenario nach waren beim Manöver 1969 Truppen des Warschauer Paktes von Hannover in Niedersachsen bis zur die Fulda-Senke in Nordhessen einmarschiert, die Hauptstreitmacht sollte durch das Weserbergland in Richtung Ruhrgebiet vorstoßen. Die »rote« 7. Panzergrenadierdivision sollte angreifen, die »blaue« 2. Panzergrenadierdivision mit den NATO-Verbündeten die Heimat verteidigen. Und weil die 7. Division das weiße springende Pferd der Niedersachsen als Wappen führte, wurde das Manöver »Großer Rösselsprung« genannt.

Bundeskanzler zu Besuch

Die Bundeswehr wurde durch eine belgische Infanterie-Brigade und ein Fallschirmjäger-Bataillon unterstützt. Die Franzosen schickten ein Artillerie-Bataillon, während die amerikanischen NATO-Brüder Panzeraufklärer und je ein Bataillon Infanterie und Artillerie beisteuerten. Die Militärfahrzeuge fuhren im Herbst 1969 durch jedes noch so kleine Dorf im Kreis. Vom »Rösselsprung«-Manöver gibt es eine DVD mit einer viel beachteten TV-Manöver-Reportage des ZDF-Fernsehkorrespondenten Peter von Zahn – mit Besuch des Bundespräsidenten Gustav Heinemann am 13. September 1969 im ostwestfälischen Manövergebiet bei Schloss Schweckhausen. CDU-Verteidigungsminister Gerhard Schröder begleitete ihn.

Auch Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger (CDU) kam Mitte September 1969 in Begleitung von Staatssekretär Karl Günther von Hase, Generalmajor Heinz Günther Guderian und Generalinspekteur General Ulrich de Maizière ins Manövergebiet. Er gab in Mengeringhausen unweit von Warburg eine Pressekonferenz.

Für die Öffentlichkeit wurde seit den 1950er Jahren bis Anfang der 90er die große Anzahl der im Lande stationierten Nato-Streitkräfte vor allem während der Manöver sichtbar. Aus heutiger Perspektive scheint es kaum noch vorstellbar, welche Massen an Militär durch die Landschaft rollten.

Panzer in den Städten

Die Bevölkerung zwischen Egge, Diemel und Weser hatte regelmäßig mit allerlei Einschränkungen in den Herbstwochen zu rechnen. Es gab Lärmbelästigungen durch Land- und Luftfahrzeuge sowie beim Abfeuern von Manövermunition. Auch nachts sind viele Truppenbewegungen und Gefechte erfolgt, erinnern sich besonders die Anwohner von Ortsdurchfahrten im Kreis an jene Herbstnächte, wo Panzerbataillone und Lastwagen-Kolonnen durch die oft sehr engen Straßen fuhren und die Panzer-Ungetüme die Tassen in den Schränken erzittern ließen.

 

Eine riesige Waffenkammer

30 Jahre Mauerfall: Kreis Höxter Jahrzehnte geprägt von Militäranlagen

In Höxter lagen in Zeiten des Kalten Krieges das Pionierbataillon 7 (1960 bis 1993), die Panzerpionierkompanie 210 sowie Material für eine Reserve-Einheit (Pionierbataillon 150) im Depot. 1000 Bundeswehr-Dienstposten gab es zeitweise. Es wurden drei Truppenübungsplätze (Bielenbergplatz, Lüchtringer Heide, Wasserplatz) und ein Munitionsdepot am Taubenborn betrieben.

In Brakel war eine belgische Kaserne mit gut 750 Mann (Artilleriebataillon 43A) angesiedelt. Die Soldaten betreuten den Hawk-Raketen-Gürtel der NATO in großen Stellungen auf den Berghöhen bei Rheder, Tietelsen, Bosseborn, in der Egge bei Willebadessen und in Hausheide (Bad Driburg). Die britische Rheinarmee betrieb ihr riesiges Munitionsdepot mit 35 Bunkern auf dem Bilster Berg bei Nieheim (heute Fahrzeugteststrecke).

In Borgentreich wurde die deutsche Luftwaffenkaserne (700 Mann) mit der Radarstellung Auenhausen betrieben. In Dössel befand sich eine Kaserne mit Ausbildungskompanie und Übungsgelände für Panzergrenadiere. Die Bundeswehr unterhielt ferner ein Munitions-Depot im Masterholz bei Bredenborn. Es existierten US-Militäreinrichtungen und Sender auf dem Köterberg sowie eine holländische Raketenstellung auf dem Velmerstot (Egge). Niederländer hatten einen Standort im nahen Blomberg. Ein US-Depot bei Fürstenberg, die Pionierkaserne Holzminden und die Rhinearmy in Paderborn waren in der Region ansässig.

Die Wehrpflichtigen aus dem Kreis wurden oft in die Kasernen Höxter, Augustdorf, Borgentreich und Holzminden eingezogen. In Höxter gab es das Verteidigungskreis-Kommando 353.

Viele Straßen waren für Militär ausgebaut worden. Höxter war eine der sieben Tiefflugzonen in Westdeutschland. An den Bahnhöfen gab es oft Verladerampen für Panzer und Lkw. Flugplätze in Höxter und Warburg konnten auch militärisch genutzt werden.

 

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