Sa., 12.10.2019

Andrang in Fahrradwerkstatt für Flüchtlinge: 1000 Reparaturen und 450 Räder ausgegeben Höxteraner Helfer sind gute »Radgeber«

Sie haben den Durchblick und bringen ihr Rad-Wissen ein (von links): Josef Niegel, Michael Fliegel und Hans-Werner Drühe.

Sie haben den Durchblick und bringen ihr Rad-Wissen ein (von links): Josef Niegel, Michael Fliegel und Hans-Werner Drühe.

Von Michael Robrecht

Höxter (WB). »Begegnung beim Schrauben« – so könnte man das Projekt »Fahrradwerkstatt« in Höxter nennen, das schon vier Jahre erfolgreich läuft. Engagierte Höxteraner haben mächtig was in Bewegung gesetzt. Sie sind gute »Radgeber« für viele Flüchtlinge und machen mit den Geflüchteten alte Fahrräder wieder flott.

Die fleißigen Radmonteure sorgen für die Mobilität bedürftiger Menschen aus aller Welt – und unterstützen auch die Integration in Höxter. Vor allem geflüchtete Menschen nehmen die Fahrradwerkstatt gern in Anspruch, legen mit den verkehrssicher hergerichteten Rädern auch längere Wege – etwa zwischen Unterkunft, Rathaus und Sprachkurs – zurück.

Der elfjährige Abubeker greift unter Anleitung in der Höxteraner Fahrradwerkstatt selbst zum Schraubenzieher, um die Klingel an seinem Rad zu befestigen. Auf sein sportliches Fahrrad ist das Flüchtlingskind mächtig stolz – der Junge hat es geschenkt bekommen. Foto: Iding

Eine kleine provisorische Fahrradwerkstatt in einer baufälligen Garage für die Flüchtlinge in der Stadt Höxter hatten Hans-Werner Drühe und Josef Niegel gemeinsam mit Josef Lutter von der Stadt zuerst hinter der Flüchtlingsunterkunft in der Lütmarser Straße im Oktober 2015 eingerichtet.

Hier wurden unter dem organisatorischen Dach des Flüchtlingshilfevereins »Welcome« Geflüchtete vor Ort angeleitet, gebrauchte und von den Höxteranern gespendete Fahrräder zu reparieren und fahrtüchtig zu machen.

Bedarf bei Geflüchteten

Hans-Werner Drühe und Josef Niegel erinnern sich: »Der Bedarf an Fahrrädern war groß und ebenso die Freude, wenn ein repariertes verkehrssicheres Fahrrad ausgegeben werden konnte. Eine der Grundideen war, dass die Flüchtlinge bei der Instandsetzung aktiv mithelfen konnten und somit die Handhabung der recht einfachen Werkzeuge erlernen konnten.«

Finanziell unterstützt wurde die Werkstatt anfangs von der Caritas Höxter und dem Erzbistum Paderborn. Spenden der Höxteraner Bürger trugen ebenfalls dazu bei, Ersatzteile wie zum Beispiel Klingel, Beleuchtungszubehör, Schläuche, Mäntel, Schmiermittel, Züge für Bremsen und Schaltungen sowie Bremsklötze zu beschaffen. Natürlich werden nicht reparable Fahrräder »ausgeschlachtet« und die brauchbaren Teile wiederverwendet. »Mit Beginn der kalten Jahreszeit war das Arbeiten in der zugigen Garage nicht mehr möglich. Ein Höxteraner Bürger stellte daraufhin ebenerdige Räume mit ausreichender Beleuchtung kostenlos zur Verfügung. Ein herzliches Dankeschön an dieser Stelle, das auch für die ehrenamtlichen Mitarbeiter gilt«, erklärte Josef Niegel Die alten Unterkünfte wurden im Zuge der Neubebauung mit den drei Flüchtlingshäusern und dem Hallenbad an der Lütmarser Straße abgerissen, natürlich auch die Behelfswerkstatt. Dann kam der Umzug in die neue Innenstadt-Werkstatt in der Heilig-Geist-Straße.

Das Startteam der Fahrradwerkstatt erhielt kompetente Hilfe durch den Fachmann, Michael Fliegel, und den geschickten Amateurschrauber Michael Gast. Mit Hilfe der Fördermittel des Bundesprogramms Ländliche Entwicklung und der Fachkompetenz von Fliegel konnten Reparaturständer, eine Zentrierhalterung und zwei Arbeitsbänke angeschafft werden, denn das Arbeiten auf dem Fußboden war für die älteren ehrenamtlichen Mitarbeiter nicht länger zumutbar. Einen gebrauchten Montageständer spendete noch ein Wehrdener Bürger.

»Die Mitarbeiter freuen sich über rege Annahme der Werkstatt, zumal die Reparatureffizienz mit dem Fachwissen von Michael Fliegel deutlich gestiegen ist. Alle Fahrräder verlassen die Werkstatt verkehrssicher, doch eine Garantie für die teilweise betagten Drahtesel kann nicht gewährleistet werden«, berichtet Josef Niegel. Kinderfahrräder können in der Regel durch Spendengeld des Kinderschutzbundes mit Sturzhelmen ausgegeben werden.

Bei der Ausgabe der Fahrräder wird immer ein Flyer des ADAC mit den Verkehrsregeln für Radfahrer in vierfacher Sprache ausgegeben: Französisch, Englisch, Arabisch und Deutsch. Die Namen und Adressen der neuen Besitzer werden erfasst, und sie erhalten ein neues Schloss. Für Fahrrad und Schloss wird ein Betrag von zehn Euro erhoben. Dafür werden wieder Ersatzteile und Verschleißmaterial gekauft. Bemerkenswert sind die Zahlen an Fahrrädern, die ausgegeben und repariert wurden: »Bisher sind 450 abgegeben und zusätzlich 800 bis 1000 Reparaturen ausgeführt worden«, schildert Josef Niegel.

Es gibt Hilfsgelder

Reparaturen fallen häufig bei den betagten Rädern an, zumal sie in der Regel ungeschützt jeder Witterung ausgesetzt sind, was zu Rost- und Korrosionsschäden an den beweglichen Teilen führt. Kontinuierliche finanzielle Unterstützung bekommt die Fahrradwerkstatt durch das KI des Kreises mit den »KOMM AN«-Geldern. Über die großartige, zuverlässige Zusammenarbeit über Jahre bedankt sich die Hilfsinitiative sehr.

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