Sa., 19.10.2019

Es gibt sie noch: Rekruten des ersten Pionier-Jahrgangs 1961 besuchen ihre Kaserne in Höxter Kuba-Krise, Maskenball und 70 Mark Sold

Wiedersehen nach Jahrzehnten am ehemaligen Kompaniegebäude: Wehrpflichtige des Jahres 1961 am Donnerstag in der General-Weber-Kaserne in Höxter. Der Ausbilder von 1961, Gerd Süßmilch (rechts), mit seinen früheren Rekruten Udo Gemsjäger, Horst Grüne, Reinhold Busch, Reinhard Nicolaus und Josef Gude; hinten der heutige Kasernenfeldwebel Sandor Gecsei.

Wiedersehen nach Jahrzehnten am ehemaligen Kompaniegebäude: Wehrpflichtige des Jahres 1961 am Donnerstag in der General-Weber-Kaserne in Höxter. Der Ausbilder von 1961, Gerd Süßmilch (rechts), mit seinen früheren Rekruten Udo Gemsjäger, Horst Grüne, Reinhold Busch, Reinhard Nicolaus und Josef Gude; hinten der heutige Kasernenfeldwebel Sandor Gecsei. Foto: Michael Robrecht

Von Michael Robrecht

Höxter (WB). Ehemaligentreffen gibt es in Höxters General-Weber-Kaserne das Jahr über viele: Diese fünf Herren Ende 70 jedoch sind ganz besondere Gäste. Es handelt sich um frühere Wehrpflichtige von 1961. In jenem Jahr hat das neu gegründete Pionierbataillon 7 erstmals eigene Rekruten ausgebildet – und Udo Gemsjäger, Horst Grüne, Reinhold Busch, Reinhard Nicolaus und Josef Gude gehörten dazu.

»Wir sind das Oktoberquartal 1961 und haben die ersten Anfänge der Pioniere in Höxter live miterlebt«, sagt Udo Gemsjäger (78) aus Balve. Alles sei im Aufbau und Aufbruch gewesen, damals in Höxter. Die allerersten Rekruten kamen im Sommer ‘61. Jahrzehnte sind die ehemaligen Soldaten nicht an ihrer alten Wirkungsstätte gewesen. Und sie haben noch vieles parat: Namen der Kameraden und von Militärfahrzeugen, Geschichten über Kneipenabende, hübsche Schwesternschülerinnen von der Weserberglandklinik und die ständige Angst, dass aus dem Kalten Krieg ein heißer zwischen NATO und Warschauer Pakt wird.

Kurz vor dem Atomkrieg

Unvergessen ist die Kuba-Krise vom 16. bis 28. Oktober 1962: Damals stand die Welt vor einem Atomkrieg, weil die Russen auf Kuba nukleare Mittelstreckenraketen stationiert hatten und US-Präsident J.F. Kennedy den Sowjetmachthaber Nikita Chruschtschow mit einem Ultimatum unter Druck setzte. »Wir haben in jenem Herbst in Bereitschaft im Solling gelegen«, erinnert sich Reinhold Busch (78) noch genau, wie man mit mulmigem Gefühl am Radio gesessen habe. »Eine Folge war, dass der Wehrdienst wegen der Krise nicht wie geplant zwölf, sondern 18 Monate dauerte«, schildert Gerd Süßmilch (82), 1961/62 als Unteroffizier Ausbilder der fünf flotten Senioren.

Kasernenfeldwebel Sandor Gecsei berichtet über das heutige ABC-Abwehrbataillon 7, über Auslandseinsätze, darüber, dass es statt militärischen Wachposten seit 2016 in Höxter schwarz gekleidete zivile Wachen gebe und dass mehr als 50 Millionen Euro in neue Gebäude und Infrastruktur in der Kaserne investiert werde und teilweise bereits worden sei.

Jeden Sonntag beim Frühstück...

Wenn Udo Gemsjäger (78/Balve), Horst Grüne (77/Niederense-Möhnesee), Reinhold Busch (78/Paderborn), Reinhard Nicolaus (79/Enger) und Josef Gude (78/Geseke) in Begleitung ihrer Frauen vor ihrem früheren Kompaniegebäude, das in wenigen Wochen abgerissen wird, zusammen stehen, dann wird die Soldatenzeit sofort lebendig. »Jeden Sonntag beim Frühstück hört unsere Familie seit Jahren Heldenstories vom Bielenberg 1961«, lästert eine Gattin, und hat sofort die Lacher auf ihrer Seite. Jetzt könne sie endlich sehen, wie jener legendäre Berg und Höxter wirklich ausschauten.

An ihren Standort Höxter haben die Besucher überwiegend positive Erinnerungen. Udo Gemsjäger berichtet nicht nur von Bierabenden in Soldatenkneipen wie »Blaue Pflaume« an der Weserbrücke, »Bambus-Bar« im Deutschen Haus, »Reichspost« oder »Enge Weste« an der Kaserneneinfahrt, sondern auch von Mädels im »Land der Liebe« Boffzen oder von Flirts mit den jungen Schwesternschülerinnen in der WBK. »Wir haben uns mit ihnen oft mit Taschenlampen abends Zeichen zugesendet«, schwärmt Gemsjäger. »Und wer nach dem Zapfenstreich um 22 Uhr noch am leuchten war, der erhielt zur Strafe einen Wachdienst extra«, sagte der frühere »Uffz« Süßmilch.

Harter Kasernenton

70 Mark Sold habe man als Wehrpflichtiger bekommen, wissen die Männer noch. Der Kasernenton sei 1961 oft sehr hart und klar gewesen – besonders, wenn Vorgesetzte noch im 2. Weltkrieg dabei gewesen seien. »Bis heute hält die Kameradschaft. Wir treffen uns immer wieder, und fahren zu jeder Beerdigung unseres Soldatenjahrgangs«, erzählen die Besucher. Gießereileiter, Bahn-Fahrdienstleiter, VW-Kundendienstbetreuer und Projektingenieur – aus allen sei nach dem Bund etwas geworden, unterstreichen sie. Die »Reservisten« freuen sich, dass das Bataillon sie so nett empfangen habe. Höxter präsentiere sich als Standort gut aufgestellt, stellen die knapp 80-Jährigen fest.

Und wenn Soldaten den Kasernenfeldwebel militärisch grüßen, dann erfreut das die Ehemaligen. »Wehe, wenn wir damals einen Dienstgrad übersehen haben...«, lachen sie. Unvergessen sind auch die strengen Stubendurchgänge und der »Maskenball« mit Anzugsappell. Dass der erste Pionier-Bataillonskommandeur Oberstleutnant Joachim Lüdecke hieß, Kompaniechef Oberleutnant Hans-Tölke Osterthun und Spieß Josef Ditter war, das wissen die Ex-Pioniere noch. Sie sind sich sicher: »Wir kommen wieder!«

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