Sa., 09.11.2019

Tobias Ginsburg berichtet in Höxter von seinem monatelangen Undercover-Leben Ein Spion unter Reichsbürgern

Undercover in der »Reichsbürger-Szene«: Tobias Ginsburg hat angesichts von Morddrohungen sein Aussehen geändert – ein aktuelles Foto durfte in Höxter nicht gemacht werden.

Undercover in der »Reichsbürger-Szene«: Tobias Ginsburg hat angesichts von Morddrohungen sein Aussehen geändert – ein aktuelles Foto durfte in Höxter nicht gemacht werden. Foto: privat

Von Greta Wiedemeier

Höxter (WB). Der prototypische Reichsbürger? Männlich, über 50, aus dem Osten stammend und mitten in einer schweren Lebenskrise. »Von wegen«, sagt Tobias Ginsburg. Der jüdische Autor hat sich acht Monate lang undercover inmitten der »Reichsbürger-Szene« bewegt und stellte das Weltbild vieler Höxteraner bei seinem Vortrag im Jacob-Pins-Forum gehörig auf den Kopf.

Ginsburg bezeichnete es grundlegend als beruhigend, dass in Deutschland aktuell eine hohe Ablehnung gegen Extremismus jeglicher Art herrsche – »das bringt bloß nicht viel, wenn wir uns nicht auch inhaltlich damit beschäftigen, was diese Menschen eigentlich glauben«. Und genau das tat er: Er nahm 2017 am »Wochenende der offenen Tür« im »Königreich Deutschland«, einem von Peter Fitzek in Wittenberg (Sachsen-Anhalt) gegründeten Fantasiestaat, teil und lernte Bewohner und Besucher von Angesicht zu Angesicht kennen.

Morbide Neugier

»Es ist fast schon eine morbide Neugier«, erklärte er, warum er sich über Monate immer tiefer in die gefährliche Szene hineinbegab. Ginsburg berichtete von esoterisch angehauchten jungen Menschen, von planlosen aber hochintelligenten Studienabbrechern, von Politikern der AfD, die heute im Bundestag säßen, und – das sei für ihn die größte Überraschung gewesen – von »unglaublich vielen stinknormalen Leuten«, die Interesse am »Königreich Deutschland« zeigten. Bürgern mit einem geregelten Einkommen, einem Haus und einer Familie. »Da waren sogar Steuerberater dabei«, verriet er. Es seien eben nicht nur die »armen, irren Spinner vom äußersten Rand der Gesellschaft«. Und genau das sei das Gefährliche.

Wilde Verschwörungstheorien

Es war immer wieder ungläubiges Lachen zu vernehmen in den Räumen des Jacob Pins Forum – einige Begegnungen und Überzeugungen von Einzelpersonen schienen schlicht zu abstrus, um mitten in Deutschland Realität sein zu können. Allerlei wilde Verschwörungstheorien über Chem-Trails, über Chips, die Kindern bei Impfungen eingepflanzt würden und über den Personalausweis, der jeden Einzelnen zum Personal der »GmbH BRD« mache, kursierten im »Königreich« in Wittenberg. Und doch: 19.000 Reichsbürger in der Bundesrepublik Deutschland sind es offiziell. »Und da mache ich den Behörden einen Vorwurf: Das klingt, als seien es absolute Zahlen. Dabei fangen wir erst an zu zählen«, so Ginsburg. Einig seien die Reichsbürger sich vor allem in einem Punkt: Der Glaube an eine Weltverschwörung, die das deutsche Volk knechten oder sogar auslöschen möchte und an der der Staat maßgeblich beteiligt ist.

Hass-Mails und Morddrohungen

»Erschreckend« lautete wohl das Wort, dass man während und nach dem Vortrag des 33-Jährigen am häufigsten im Publikum vernahm. Denn Ginsburg nahm in Höxter kein Blatt vor den Mund. Er berichtete in deutlichen Worten detailliert von aufschlussreichen Autofahrten mit Mitgliedern der Szene, von PR-Treffen in zahlreichen großen Städten Deutschlands, von Versammlungen in winzigen Dorfkneipen und nannte auch die Namen derjenigen, die sowieso schon in der Öffentlichkeit stehen. Nachdem er seine Erfahrungen in seinem Buch »Reise ins Reich. Unter Reichsbürgern« festgehalten hatte, habe er viele Hass-Emails und auch regelmäßig Morddrohungen erhalten. »Aber je mehr Macht man diesen Leuten zugesteht, desto mehr Macht bekommen sie auch«, weiß er und warnte abschließend vor zunehmend verschwimmenden Grenzen: »Die einen tragen Anzug, die anderen lange wallende Klamotten.«

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