Mi., 20.11.2019

Spurensuche neben der Glashütte Boffzen Archäologen graben Dorf aus - Perl verkauft Forsthof

Boffzens Bürgermeister Christian Perl hat den ehemaligen Forsthof an die Glashütte verkauft. Er wird das Haupthaus mit den klassizistischen Säulen, dessen genaues Alter unbekannt ist, demnächst mit seiner Familie verlassen.

Boffzens Bürgermeister Christian Perl hat den ehemaligen Forsthof an die Glashütte verkauft. Er wird das Haupthaus mit den klassizistischen Säulen, dessen genaues Alter unbekannt ist, demnächst mit seiner Familie verlassen. Foto: Michael Robrecht

Von Michael Robrecht

Höxter/Boffzen (WB). Es gibt sie noch, diese spannenden Orte, die stumme Zeugen eines weitgehend unbekannten Stücks Zeitgeschichte sind. Der Erweiterungsbau der Glashütte Noelle & von Campe in Boffzen hat Veränderungen für den historischen Forsthof im Brückfeld und für die mittelalterliche Ortswüstung Esezzen zur Folge. Archäologen haben mit Grabungen auf dem Erweiterungsareal begonnen.

Der Brückfeld-Wartturm steht an einem der östlichsten Zipfel des Höxteraner Stadtgebietes und war über Jahrhunderte Beobachtungsposten und Grenzstation zwischen den Territorien Corvey und Braunschweig. Vor 200 Jahren verlief hier die Grenze zwischen dem Königreich Preußen und dem Herzogtum Braunschweig – und heute zwischen NRW und Niedersachsen. Grenzsteine, Wassergräben und Gebäude erinnern an die Zeit, wo hier die einzige von Kutschen befahrbare Straße entlang führte. Grenznah auf Boffzener Gebiet liegt der alte Grenzgasthof, der später zum Forsthof und danach zu privaten Wohngebäuden der Familien Wittrock/Perl wurde. Hier sind am Hauptgebäude mit den vier klassizistischen Säulen, die an ein Herrenhausportal erinnern, die Pferde gewechselt worden; Reisende übernachteten.

Direkt am Gehöft liegt das Feld, auf dem eine Fachfirma zurzeit im Auftrag des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege nach Befunden des im 8. Jahrhundert gegründeten Dorfes Esezzen suchen. »Die Grabung wird als bedeutend eingestuft«, sagte am Dienstag Bezirksarchäologe Friedrich-Wilhelm Wulf. Erste Ergebnisse würden – je nach Wetter – noch dieses Jahr erwartet. Hintergrund für die Spurensicherung ist der Neubau einer weiteren Glasfabrik ab 2020. Prof. Hans-Georg Stephan, der schon die 1265 untergegangene Stadt Corvey ausgegraben hat, schreibt in seinem Buch »Der Solling im Mittelalter«, dass Esezzen an einem Bach auf 90 Metern Höhe gelegen habe. 1350 habe sich dieser Ort unweit der heutigen Noelle-Hallen sowie der Bahnlinie befunden. Auf einem 70 mal 23 Meter großen Acker sind 1992 bei früheren Untersuchungen frühmittelalterliche Kupferkeramik, Drehscheibenware aus der Karolingerzeit und Steinzeug aus dem 13. Jahrhundert lokalisiert worden. Weitere Funde erhofft sich das Grabungsteam bei der aktuellen Kampagne. Wie weit der Ort über Bahndamm und Ex-Forsthof hinausragte, das soll geklärt werden. Auf dem Dorfgelände ist vor Jahren sogar ein Grubenhaus lokalisiert worden. ­Diffuse Spuren, so Prof. Stephan, deuteten zudem auf Wohnplätze aus der jüngeren Bronze- und Eisenzeit hin. Urkundliche Nachrichten über Esezzen seien spärlich. So sei im Corveyer Lehnregister von 1350 erstmals von Esezzen nahe am Landwehrturm die Rede.

Das Esezzen-Areal sowie der Forsthof mit Grundstück und die Lagerhallen, Werkstätten und Unterstände des früheren Bauunternehmens Karl Wittrock seien an die Glashütte verkauft worden, die Ausgleichsflächen für ihren Neubau benötige. Das berichtete der bisherige Forsthofeigentümer, Boffzens Bürgermeister Christian Perl. Er habe bis 2021 Zeit, auszuziehen. Einige Mieter des Hauses von 1902 und des aus dem 18. Jahrhundert stammenden mit Sollingsandstein gedeckten Haupthauses mit Scheune seien schon ausgezogen. Die versteckt liegende Anlage sei nicht denkmalgeschützt. Das Denkmalamt in Hannover weist alle Hobbyarchäologen darauf hin, dass die Grabungsstelle nicht betreten werden darf und keine Fundstücke mitgenommen werden dürfen.

Grenzübergang am Turm der Wackerhahnschen

Wer hat diesen über Jahrhunderte wichtigen Grenzübergang Corvey-Braunschweig alles passiert? Das frühere Gasthaus im alten Forsthof der Familie Perl erinnert an jene Zeit, als Postkutschen und Reisegespanne am östlichen Weserufer unterwegs waren. Schloss Fürstenberg und Weserberglandstädte wie Höxter sorgten nicht nur wegen der Weserbrücken- und Fährstelle Höxter für regen Reiseverkehr. Die Stadt Höxter konnte, so heißt es in Heinrich Rüthings Buch über die Landwehren im Corveyer Land, ihr Brückfeld gegen alle Begehrlichkeiten der Braunschweiger Grenznachbarn verteidigen. Zwei alte Grenzsteine markieren immer noch die Grenze an der Brückfeldwarte von 1446, der Wilhelm Raabe in seiner Erzählung »Hastenbeck« (1898) ein bekanntes literarisches Denkmal gesetzt hat. Erzählt wird die Geschichte vom invaliden Schweizerhauptmann Balthasar Uttenberger und von der greisen Wackerhahnschen. Die Wackerhahnsche – das ist die Witwe Frau Wackerhahn, ehedem Sollingsförsterin. Die greise Marketenderin, früher das schönste Mädchen in Boffzen, wohnte im spätmittelalterlichen Brückfeldturm mit Grenzschranke. Die etwas sonderliche Dame, die 1768 stirbt, hat nicht mit den anderen Bürgern »nach Menschenart leben wollen und – können«.

Es gibt sogar eine Fürstenberger Porzellanfigur mit dem Motiv der geheimnisvollen Turmbewohnerin.

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