Archäologische Funde aus Höxter und Corvey bereichern hochkarätige Schau in Speyer
Zahnbrecher auf dem Brückenmarkt

Höxter (WB). Der „Chirurg von der Weser“ – einer der berühmtesten deutschen Wundärzte des Mittelalters – soll im nächsten Jahr Hauptfigur eines neuen Romans werden. Zuvor jedoch trägt er den Namen Höxter und Corvey von Rheinland-Pfalz aus in die Welt: Chirurgische Instrumente, mit denen der begnadete Operateur in der 1265 zerstörten Stadt Corvey praktizierte, sind von diesem Sonntag an als Teil der hochkarätigen kulturgeschichtlichen Ausstellung „Medicus – die Macht des Wissens“ im Historischen Museum der Pfalz in Speyer zu sehen.

Samstag, 07.12.2019, 15:01 Uhr aktualisiert: 07.12.2019, 15:10 Uhr
Stadtarchäologe Andreas König und Baudezernentin Claudia Koch mit den Abbildungen der archäologischen Kostbarkeiten, die die Ausstellung in Speyer bereichern. Die Schau macht ein internationales Publikum auch mit Corvey und Höxter bekannt. Foto: Sabine Robrecht
Stadtarchäologe Andreas König und Baudezernentin Claudia Koch mit den Abbildungen der archäologischen Kostbarkeiten, die die Ausstellung in Speyer bereichern. Die Schau macht ein internationales Publikum auch mit Corvey und Höxter bekannt. Foto: Sabine Robrecht

Stadtarchäologe Andreas König und Baudezernentin Claudia Koch sind stolz und glücklich darüber, dass die chirurgischen Bestecke ebenso wie noch ältere Funde aus Höxter zu der exponierten Ausstellung gehören. „Das Historische Museum hatte mich auf das Chirurgenbesteck angesprochen“, berichtete Andreas König mit Verweis auf die medizin- und kulturgeschichtliche Bedeutung dieses 1988 von Professor Dr. Georg Stephan bei Ausgrabungen im Bereich des heutigen Sägewerksgeländes im Keller eines niedergebrannten steinernen Hinterhauses westlich der ehemaligen Corveyer Marktkirche entdeckten Instrumentariums.

Weitere Sensationsfunde

Der Stadtarchäologe erzählte den Ausstellungsmachern von zwei weiteren Sensationsfunden aus Höxter, die sogar noch älter sind: eine 2017 bei der Ausgrabung am heutigen Markt geborgene medizinische Löffelsonde aus dem 10. bis 11. Jahrhundert und zwei bei der Rathaussanierung 1991 in einem älteren Lauf der Westerbache gefundene kariöse menschliche Backenzähne, die mit einer Zange gezogen wurden. Mit ihnen „haben wir archäologisch nachgewiesen, dass auf dem Höxterschen Brückenmarkt ein Zahnbrecher gearbeitet hat“, ordnete Andreas König die beiden Zähne als einzigartigen Fund ein.

Frühe Schlaglichter auf die medizinische Versorgung

Die Löffelsonde, die noch 16 Jahre länger in der Erde schlummern sollte, wurde von einem Bader oder Wundarzt zur Begutachtung von Wunden benutzt. „Auch dieser Fund sucht aufgrund seiner frühen Datierung seinesgleichen.“ Er werfe frühe Schlaglichter auf die medizinische Versorgung im hochmittelalterlichen Fernhandelsstandort Höxter.

Davon wird die Sonde jetzt auch in Speyer erzählen. Sie und die Zähne komplettieren die Leihgaben, mit denen Höxter die Ausstellung bereichert. Das bedeutende Museum habe, so Baudezernentin Claudia Koch, 200.000 bis 250.000 Besucher im Jahr. Die Schau ziehe ein internationales Fachpublikum an, das nun auch auf Höxter und Corvey aufmerksam werde. Und: „Wir sind stolz darauf, dass wir in einer Reihe stehen mit namhaften Leihgebern wie die Uffizien in Florenz und dem Louvre in Paris.“

Von der Seine an die Weser

Apropos Paris: In der Metropole praktizierte der „Chirurg von der Weser“, dessen Name nicht bekannt ist, nach seinem Studium in Bologna (Italien) und Montpellier (Südfrankreich). Was den gebildeten und weitgereisten Spezialisten für Augenoperationen bewogen hat, von die Seine aus ins Weserbergland zu gehen, bleibt spekulativ. Professor Stephan, der die eiserne Schere, die beiden Kupfernadeln, das bei Schädel-OPs verwendete Schabeisen und das verzinnte Brenneisen zum Behandeln von Wunden und Geschwülsten gefunden hat, könnte sich durchaus persönliche Gründe vorstellen. Immerhin sei Corvey mit Höxter die damals größte Doppelstadt im oberen Weserraum gewesen und er habe hier auf ausreichend Klientel, mehrere Hospitäler und Bibliotheken, vor allem in Corvey, zurück greifen können.

„In Corvey operierte er erfolgreich den ihm verbundenen Magister Henricus an beiden Augen, der Kanoniker des Stiftes Niggenkerken war“, berichtete Andreas König. „Über die letzten Lebensjahre des vermutlich zwischen 1200 und 1215 geborenen ‚Chirurgen von der Weser‘ liegen keine historischen Nachrichten vor.

Fundstücke aus mehr als 5000 Jahren

Wenn der berühmte Wundarzt tatsächlich Romanfigur wird, hat er etwas gemeinsam mit dem (allerdings fiktiven) Namensgeber der Ausstellung zur Geschichte der Medizin in Speyer. Der Titel der Schau nimmt nämlich Bezug auf den Erfolgsroman „Der Medicus“ von Noah Gordon. Held dieser Erzählung ist Rob Cole, dessen sehnlicher Wunsch, Menschen zu heilen, ihn zu Studienreisen, bahnbrechenden Erkenntnissen und Fortschritten der Heilkunst anspornt. Die Ausstellung nutzt den literarischen Zugang, um die komplexe Entwicklung des medizinischen Fortschritts fesselnd zu vermitteln. Erstmals sind medizingeschichtliche Fundstücke aus mehr als 5000 Jahren in einem Kontext zusammengeführt.

Zu den 500 Objekten gehören die Funde aus Höxter. Im Katalog zur Ausstellung sind sie mit abgebildet. Die 2017 gefundene Sonde ist in Speyer erstmals öffentlich zugänglich. Wenn sie und die anderen Kostbarkeiten nach Ende der Schau am 21. Juni zurück kehren, „haben wir etwas Tolles mit ihnen vor“, kündigt die Baudezernentin an.

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