Ausländische Erntehelfer von Grenzschließungen betroffen – Betriebe suchen Alternativen
Wer pflückt die Erdbeeren?

Höxter/Steinheim/Willebadessen (WB). Frühling: Die Temperaturen steigen, die Vögel zwitschern, die Blumen sprießen. An diesem Bild kann auch das Coronavirus nichts ändern. Doch auch auf dem Teller macht sich in der Regel der Frühling bemerkbar: Erdbeeren und Spargel haben Saison. Und hier kommt das Coronavirus dann doch ins Spiel. Viele Landwirte stehen vor der Frage, wie Erdbeeren und Spargel geerntet werden sollen. Ausländischen Erntehelfern ist es momentan kaum möglich, nach Deutschland einzureisen. Auch Betriebe im Kreis Höxter sind auf die Hilfskräfte angewiesen – und beschäftigen sich mit Alternativen.

Mittwoch, 25.03.2020, 06:27 Uhr aktualisiert: 25.03.2020, 06:30 Uhr
Felder zum Selbstpflücken öffnen, auf die Einreise ausländischer Erntehelfer hoffen oder im Umfeld nach Freiwilligen suchen, die wegen des Coronavirus gerade ihren Job nicht aufsuchen können: Für die Erdbeerernte müssen sich Betriebe etwas überlegen. Foto: dpa
Felder zum Selbstpflücken öffnen, auf die Einreise ausländischer Erntehelfer hoffen oder im Umfeld nach Freiwilligen suchen, die wegen des Coronavirus gerade ihren Job nicht aufsuchen können: Für die Erdbeerernte müssen sich Betriebe etwas überlegen. Foto: dpa

Biolandhof Engemann aus Eissen

Optimistisch blickt Klaus Engemann, Geschäftsführer des Biolandhofs Engemann in Willebadessen-Eissen, auf die Erdbeerernte. 20 Mitarbeiter seien im landwirtschaftlichen Bereich über das ganze Jahr tätig. Im Sommer kämen bis zu zwölf hinzu, die die Ernte von Erdbeeren und Himbeeren unterstützen. In der Regel handele es sich um polnische Studenten. Los geht es Ende Mai. „Grundsätzlich glaube ich, dass die Helfer bis dahin wieder reisen können“, sagt Engemann. Fraglich sei aber, ob sie nach Deutschland reisen wollen.

Jobbörse für Erntehelfer

Freiwillige Erntehelfer und Landwirte zusammenbringen: Das ist das Ziel der Jobbörse, die der Westfälisch-Lippische-Landwirtschaftsverband wegen der Corona-Krise gestartet hat. Antonius Tillmann, Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes Höxter: „Aufgrund der zahlreichen Medienberichte haben sich in den vergangenen Tagen zunehmend Menschen gemeldet, die wegen der Coronavirus-Krise derzeit keine Arbeit haben und den Landwirten helfen möchten.“ Helfen können zum Beispiel Studierende, Selbstständige und Kleinunternehmer. Sie können kurzfristig, das heißt ohne Sozialabgaben, für bis zu drei Monate beschäftigt werden. Auch für Minijobber, also 450-Euro-Kräfte, bietet eine Beschäftigung in der Landwirtschaft eine Möglichkeit für einen Hinzuverdienst. Die Aufgaben können vom Pflanzen, Ernten und Wiegen bis hin zu logistischen Tätigkeiten reichen.

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Sollte es nicht möglich sein, ausländische Erntehelfer zu beschäftigen, hat sich Engemann schon diverse Plan-B-Lösungen überlegt. So sei es denkbar, dass sich Freiwillige melden, die aufgrund des Virus in ihrem Beruf gerade nicht beschäftigt werden können. „Letzte Woche hatte ich zwei Anrufe von Personen, die uns unterstützen wollten – ohne, dass wir dazu etwas veröffentlicht haben.“

Aufgrund dieser Solidarität sei er davon überzeugt, dass er im Falle eines Falles Unterstützung aus Deutschland bekommt. „Vielleicht sind die Leute dann nicht bereit, von 5 bis 16 Uhr zu arbeiten, aber wenn 20 Leute vier bis fünf Stunden auf dem Feld sind, ist das auch gut.“

Sollten sich keine Freiwilligen finden, hat Engemann einen anderen Plan: „Dann können wir noch mehr Produkte zur Selbsternte anbieten.“ Ob dieses Modell auch für andere Obst- und Gemüsesorten möglich ist, müsse getestet werden. „Wir werden unsere Gemüseproduktion erst einmal so durchführen, wie geplant.“ Erntehelfer über Vermittlungsplattformen zu finden, wie sie nun der Westfälisch-Lippische-Landwirtschaftsverband (WLV) ins Leben gerufen hat (Infokasten), darüber habe Engemann noch nicht nachgedacht. Zunächst wolle er das Netzwerk seiner Kontakte nutzen.

Wittrock Obstplantagen aus Höxter

80 Erntehelfer aus Polen, der Ukraine und Rumänien erwartet Marion Wittrock zur Erdbeerernte in Höxter. Die Erdbeerpflanzen sind bereits im vergangenen Jahr in die Erde gesetzt worden, weniger Pflanzen anzubauen ist für sie keine Option. Stattdessen hofft sie auf die Unterstützung des Landesverbands Obstbau Westfalen-Lippe beziehungsweise der Landwirtschaftskammer. Hier bemühe man sich darum, Erntehelfer nach Deutschland zu holen. „Die Rumänen möchten kommen. Aber sie können auf dem Landweg nicht kommen.“ Deswegen wolle man Flugzeuge chartern, mit denen die Helfer eingeflogen werden sollen.

Etwa die Hälfte der Erntehelfer auf ihren Plantagen seien gelernte Kräfte – für Marion Wittrock ein wichtiger Faktor. „Es ist wirklich anstrengend, in bodennaher Position zu arbeiten“, sagt sie. Aber die ausländischen Erntehelfer seien auf das Geld angewiesen und wollten arbeiten, erklärt die Mitinhaberin von „Wittrock Obstplantagen“. Sollte die Akquise nicht funktionieren, werde sie sich in der Umgebung nach Freiwilligen umhören.

Doch in den vergangenen 15 Jahren habe sie häufig schlechte Erfahrungen mit deutschen Aushilfen gemacht. „Wenn, dann suchen sie einen Job auf Dauer. Häufig haben sie sich einfach nicht mehr gemeldet.“ Für Wittrock ein untragbarer Zustand: „Alle Bauern müssen sich darauf verlassen, dass die Leute da sind.“ Erntehelfer benötige sie etwa ab Mitte April. Ab August werde die Zahl für die Ernte von Zwetschgen und Äpfel auf 30 bis 40 reduziert.

Stövers Erdbeer-Plantagen aus Ottenhausen

„Wir sind auf ausländische Erntehelfer unbedingt angewiesen“, sagt Alexandra Hellweg, Assistentin der Geschäftsführung von Stövers Erdbeer-Plantagen in Steinheim-Ottenhausen. Ende April würden 60 Erntehelfer aus Polen, Rumänien und der Ukraine für die Ernte benötigt. „Wir hoffen, dass es sich bis dahin entspannt hat.“ Sollte dies nicht der Fall sein, müsse man über das Selbstpflücken nachdenken.

Branchenfremde Personen, die aufgrund des Coronavirus Lust und Zeit hätten zu helfen, seien willkommen. „Aber es ist schwierig. Die Wenigsten sind bereit, sich auf das Feld zu knien“, weiß Hellweg. Denkbar sei auch, Angebote wie die Jobbörse des WLV zu nutzen, um Freiwillige anzuwerben. Noch sei man guter Hoffnung, dass die ausländischen Helfer einreisen dürften.

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