Do., 26.03.2020

Erzieherin und Psychologe geben Tipps für die Betreuung der Kleinen zu Hause „Kinder dürfen auch mal Langeweile haben“

Kinder brauchen viel Bewegung. Ausflüge in den Wald können für Eltern eine Alternative sein.

Kinder brauchen viel Bewegung. Ausflüge in den Wald können für Eltern eine Alternative sein. Foto: Marius Thöne

Von Alexandra Rüther

Beverungen/Höxter (WB). Auch Familien versetzt die Corona-Krise in eine Ausnahmesituation: Schulen geschlossen, Kindergärten geschlossen, alle Freizeiteinrichtungen – geschlossen. Was also machen mit den Kleinen?

„Ganz wichtig ist Bewegung“, sagt Karin Latzel. Die Beverungerin ist Erzieherin im katholischen Familienzentrum Die Brücke. Drei Kinder werden derzeit in der Einrichtung betreut, alle anderen sind zuhause. Und die wollen beschäftigt werden.

Bei dem Wetter biete es sich natürlich an, raus zu gehen, zu toben, fangen zu spielen, mit Straßenkreide zu malen. „Man kann sich jetzt auch gut auf Ostern vorbereiten“, rät die Erzieherin. Eier auspusten, Osternester backen, Hühnchen aus den Eierkartons basteln – da biete das Internet tolle Anregungen. Man solle die Kinder aber auch ruhig in die tägliche Hausarbeit mit einbinden und – ganz wichtig: „Die dürfen auch ruhig mal Langeweile haben.“

Tagesstrukturen entwickeln

Das sieht auch Uwe Bohlmann so. Der Höxteraner Psychologe sagt: „Langeweile muss man aushalten, und das wiederum muss man lernen.“ Langeweile sei auch eine Chance, für dieses Gefühl Alternativen zu finden. Größere Kinder entdecken vielleicht mal wieder ein Buch für sich. „Kleinere Kinder müssen die Grenzen eher austesten, aber meist entwickelt sich daraus etwas.“

Damit weder Kinder noch Eltern einen Lagerkoller entwickeln, sei es wichtig, die neuen Tagesstrukturen abzusprechen und in die Zukunft zu planen. Beispiel: „Man könnte gemeinsame Ausflüge unter ein Motto stellen und so eine Art Klein-Event schaffen. Der größte Abenteuerspielplatz übrigens, den es gibt, ist der Wald. Also Picknickkorb unter den Arm und raus.“

Im Haus gilt: Es gibt gemeinsame Spielzeit und es gibt Beschäftigungszeit, in der das Kind für sich ist. „Zeitgeber helfen kleineren Kindern dabei, diese Zeit einzuhalten“, sagt der Psychologe. Das kann ein Wecker sein, eine Sanduhr oder das Handy. Die gemeinsame Zeit müsse auch nicht zwingend mit Spielen verbracht werden, auch gemeinsames Aufräumen oder ähnliches komme in Frage.

Auf gegenseitige Rücksichtnahme achten

Außer Zweifel stehe, dass diese Situation für Eltern – gerade kleinerer Kinder – „hochgradig energiezehrend“ sei. Besonders für die Mütter, sind es doch nach wie vor in den meisten Fällen sie, die für die Kinder zuhause bleiben. „Jeder formuliert seine Bedürfnisse und die der Mutter stehen meist hinten an. Wenn dann noch die Existenzangst dazu kommt, dann brechen Konflikte aus, die vielleicht schon lange unter der Oberfläche schwelen, denen man sonst aber aus dem Weg gehen konnte.“

Bohlmann geht davon aus, dass Fälle von verbaler oder körperlicher Eskalation bereits steigen. Familien, die bereits vom Jugendamt unterstützt würden, könnten die installierte Entlastung (Schule, Kindergarten, Familienhilfe) jetzt nicht wahrnehmen. Hier gelte es jetzt, zunächst telefonisch in Kontakt zu bleiben.

In aller Regel sei das Gespräch über die Befindlichkeiten aller Beteiligten sehr hilfreich, so Bohlmann. „Je genauer jeder im Familiensystem vom anderen weiß, desto besser kann darauf Rücksicht genommen werden – präventive Deeskalation sozusagen.“ In den gemeinsamen Gesprächen könne auch eine Auszeit für die Familienmitglieder jeweils einzeln besprochen werden.

„Ich denke es ist immer hilfreich, mal für sich allein über bestimmte Dinge nachdenken zu können oder auch mal verantwortungsfreie Zeit zu haben.“ Das vitale Mittelmaß zu finden zwischen „Aufeinanderhocken müssen“ und dem Gefühl, sich auch noch selbst zu gehören, könne nur in Gesprächen gefunden werden.

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