Sa., 16.05.2020

Vor 75 Jahren: Lehrstollensystem 1945 bei Kriegsende aufgegeben – Youtube-Film aus dem Berg sorgt für Aufmerksamkeit Geheimnisse des Bielenberges: neues Stollen-Video

Blick in den Stollen im Bielenberg: Ein Kamerateam ist verbotenerweise vor einigen Monaten in den Berg gestiegen und hat diese Lost-Places-Aufnahmen gemacht. Über Hunderte Meter ziehen sich die Gänge durch den Felsen. Der Bielenberg ist wie ein Schweizer Käse durchlöchert.

Blick in den Stollen im Bielenberg: Ein Kamerateam ist verbotenerweise vor einigen Monaten in den Berg gestiegen und hat diese Lost-Places-Aufnahmen gemacht. Über Hunderte Meter ziehen sich die Gänge durch den Felsen. Der Bielenberg ist wie ein Schweizer Käse durchlöchert.

Von Michael Robrecht

Höxter (WB). Vor genau 75 Jahren sind Hunderte Meter Stollen im Bielenberg bei Höxter bei Kriegsende von der Wehrmacht aufgegeben worden. Seit 1945 wird um die Steinbrüche des heutigen Bundeswehr-Übungsplatzes viel Seemannsgarn gesponnen. Wurden wirklich nur Übungstunnel in den Felsen gehauen? Waren dort im Zweiten Weltkrieg wertvolle Güter eingelagert? Sind noch einige der zum Teil raumhohen Bergstollen verschlossen, und was verbirgt sich möglicherweise hinter Geröll und Sprengfallen?

Stollenvideo auf Youtube

Obwohl die Bundeswehr die Bielenberg-Stollen seit 1986 für Menschen komplett unzugänglich gemacht hat, gelang es so genannten Bunker-Gängern immer mal wieder, trotzdem in den Berg hinein zu steigen. In Höxter findet zurzeit – nicht zuletzt wegen des 75. Jahrestages des Kriegendes 1945 – ein neues Video auf Youtube Beachtung, in dem Unbekannte die Stollen gefilmt haben. Der für Heimatgeschichtsfreunde interessante Film „Der Geheimweg zur Bunkeranlage“ ist 2019 entstanden.

Die Spur führt zu einem Stefan H. (Hypnohilke TV), der Lost Places-Videos postet. Zu geheimnisvollen Klängen arbeitet sich der Filmemacher durch die mannshohen Gänge in der Bielenberg-Unterwelt. Eingestiegen sein müssen der oder die Stollenabenteurer verbotenerweise durch einen eigentlich verschlossenen Eingang im südlichen Bielenberg-Steinbruch oder durch einen anderen völlig unbekannten Zugang. Wie sie das geschafft haben, bleibt ihr Geheimnis. Wie die Interneteinträge belegen, sorgt der „schwarze Kanal“ mit seinen Aufnahmen beim Publikum durchaus für einen Wow-Effekt. Zu dem 32-Minuten Streifen gehören zu Beginn auch Szenen aus Höxters Kanalisation. Unter der B64-Entlastungsstraße im Bollerbachtal drehte ein Kameramann.

Seit Jahren gibt es eine Bewegung, die so genannte „Lost Places“ aufstöbert. Dazu zählen auch die Tunnelfilmer vom Bielenberg. Der geheime Weg zur Stollenanlage durch Kanalisation, Versorgungstunnel und Stollensystem zeigen eine verbotenes Stück Alt-Höxter.

„Mir ist es nach langer Recherchearbeit und Insidertipps gelungen, einen Eingang durch Regenwasserkanalisation und Versorgungstunnel in den Stollen zu finden. Da ich hier aber nicht zu viel bekannt geben möchte, sind Videomaterial und Informationen so präpariert, dass ein Auffinden des Eingangs nicht so leicht möglich ist“, schreibt der Videofilmer, der sogar Sicherheitshinweise veröffentlicht, stolz. Er könne den Bielenberg nur empfehlen, gibt er weiter zum Besten.

Die Verantwortlichen des ABC-Abwehrbataillons 7 in Höxter haben den bisher durch ein Eisengitter verschlossenen relativ bekannten Bergeingang auf halber Felswandhöhe im Südsteinbruch neu gesichert. Nur ein Flugeinlass für Fledermäuse und ein schachtähnliches, für Menschen nicht durchkriechbares Luftloch wurden am Hang einbetoniert.

Zudem hat die Bundeswehr um den gesamten Übungsplatz neue Hinweis- und Verbotsschilder aufgestellt, die darauf hinweisen, wann Spaziergänger die Bielenberg-Steinbrüche, den Wald am Übungsdorf und die Berghänge betreten dürfen. Die Stollen sind Sperrzone, obwohl dort immer mal wieder Filmchen gedreht worden sind. Die Bundeswehr wies durch mehrere Pressemitteilungen auf die Sperrzeiten in ihren Anlagen hin.

Die Gänge haben wenig mit Bergbau zu tun. Der Bielenberg besteht aus Muschelkalk. Von 1868 bis 1932 wurde das Gestein von zwei großen Zementfabriken abgebaut und verarbeitet. Die Fabrik Schmidt lag an der Brenkhäuser Straße/Triftweg, die andere an der Lütmarser Straße (Eichwaldsche Fabrik, heute Firma Micus). Eine Seilbahn am Südhang und eine Kleinbahn (Kleinzüge) transportierten das Gestein ab, das als Zement in Europa und bis nach Amerika verkauft wurde.

Danach diente der Steinbruch als Übungsgelände für in Höxter stationierte Truppen: Reichswehr und Pioniereinheiten der Wehrmacht, insbesondere eine Versuchseinheit, die dort Sprengungen und verschiedene Gerätschaften testete, nutzten den Bielenberg. Die kaiserliche Armee wohl auch schon. Von den Stollengängen gab es sogar Lageplanzeichnungen aus den 1940er Jahren.

„Es wurden zu Übungszwecken Stollen angelegt. Mehr nicht“, berichteten ehemalige Pioniere dem WB immer wieder. Das System von Lehrstollen mit Leitungen, Stahlträgern, Holzverschalungen und Holzkonstruktionen im südlichen Berg sei mehr als 500 Meter auf verschiedenen Ebenen lang und bis Mitte der 1980er Jahre sogar zugänglich sowie mit zwei Metern Kopfhöhe und einigen Metern Breite gut begehbar gewesen.

Alte Stollen verschlossen

Im Steinbruch Richtung Lütmarsen habe es einen hallengroßen Stollen gegeben, der mit Lastwagen zu befahren gewesen sein soll, überlieferten Zeitzeugen aus Höxter und Lütmarsen. Die Einfahrten seien mit Geröll zugeschüttet und heute noch sichtbar. Ernst zu nehmende Höxteraner wissen davon zu berichten, dass kurz vor Kriegsende beim Anrücken der Alliierten Material aus den Großstollen mit Lkw nächtelang an- oder abgefahren worden sein soll. Konkretere Spuren und Belege dafür gibt es nicht.

Dr. Burkhard Beinlich (Leiter Landschaftsstation Kreis Höxter) berichtete dem WB schon vor Jahren von Sondengängern, die im Bielenberg auf Spurensuche gehen würden. „Besonders im Steinbruch Richtung Höxter sind die Schatzsucher aktiv und wollen immer wieder die gesperrten Einstiege nutzen, um in den Berg zu kommen“, sagte der Naturschützer. Da die Bergsicherheit wegen loser Felsen nicht gegeben sei, rate er allen davon ab, ins Berginnere zu krabbeln. Das WB ist übrigens immer interessiert an neuen Informationen über die Bielenberg-Stollen.

Viele Geschichten über das Stollensystem

Über die Stollen im Bielenberg wird seit Jahrzehnten viel erzählt. Es gibt noch viele ältere Höxteraner, die „im Berg“ die Tunnelgänge selbst besichtigt haben, darunter der Autor dieses Berichtes. Bis 1986 waren sie teilweise sogar frei zugänglich.

Beim Westfalen-Blatt meldete sich schon vor Jahren Hans-Jürgen Meyer aus Moers, der in Höxter einst in der Goethestraße aufgewachsen ist und später 35 Jahre als Bergmann gearbeitet hat. Er konnte die Ausstattung der Bielenberg-Stollen im Süd-Steinbruch genau beschreiben und berichtete von einem „Tag der offenen Tür“ in der Kaserne und auf dem Militärgelände (Tag der Wehrmacht 1943 oder 1944). Er habe die langen beleuchteten, mit Holz gesicherten Stollen damals besichtigen dürfen. Pioniere hätten als Mineure den Streckenvortrieb vorgeführt.

„So eine Anlage für Pioniere ist deutschlandweit einzigartig“, meint Stadtarchäologe Andreas König zur Lehrstollen-Musteranlage unter dem KWG, in der Soldaten den Bau einer artilleriefesten Stellung an der Front erlernen sollten. Das galt auch für die Steinbruchstollen. Und gerne wird eine Geschichte immer wieder an Höxteraner Stammtischen kolportiert: Hoch oben im Bielenberg, im großen Stollen, im Tontauben-Steinbruch, liege das „Bernsteinzimmer“ im Berg – oder vielleicht seit 1945 mit Sprengfallen gesicherte Kunstwerke...

Video: https://www.youtube.com/watch?v=WMrJxQsv2J0

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