Einblick in den Alltag eines Erntehelfers in Höxter: Zur Arbeit gehört nicht nur das Pflücken auf dem Erdbeerfeld
So werden in Corona-Zeiten Erdbeeren gepflückt

Höxter (WB). Wenn die Sonne langsam am Horizont erscheint, herrscht auf den fünf Erdbeerfeldern der Familie Wittrock rund um Höxter schon reger Betrieb: 80 Erntehelfer haben dort von fünf Uhr in der Früh an alle Hände voll zu tun – zur Hochsaison werden bis zu 15 Tonnen der roten Früchte an einem Tag geerntet.

Dienstag, 26.05.2020, 12:16 Uhr aktualisiert: 26.05.2020, 12:18 Uhr
Erdbeerernte in Zeiten von Corona: 20 Erntehelfer dürfen aktuell gemeinsam auf einem Feld pflücken. Jaroslaw Przeszlo ist vor kurzem zum „Springer“ aufgestiegen: Weil er alle Ecken des Betriebes kennt, packt er immer dort mit an, wo gerade Hilfe benötigt wird.

„Aktuell sind es rund vier Tonnen“, erklärt Marion Wittrock. Der Mitinhaberin von „Wittrock Obstplantagen“ ist es wichtig, gute Bedingungen für die überwiegend osteuropäischen Arbeiter zu schaffen. Gerade in diesem Jahr ist das nicht immer

Unternehmerin Marion Wittrock.

Unternehmerin Marion Wittrock. Foto: Greta Wiedermeier

einfach: Viele Richtlinien seien schwer umzusetzen. Wenn beispielsweise nur noch in Kleingruppen auf fünf verschiedenen Feldern gepflückt wird, bringe das einen enormen organisatorischen Aufwand mit sich. Nach ihrer Ankunft dürfen die Erntehelfer das Betriebsgelände zudem für 14 Tage nicht verlassen – für die Lebensmittelversorgung ist in dieser Zeit extra eine Mitarbeiterin abgestellt.

Gepflückt wird mit Mundschutz. Sobald die Temperaturen ansteigen, möchten Marion und Karin Wittrock ihren Helfern die Maske lieber ersparen: Dann soll nur jede zweite Reihe besetzt und der Mindestabstand so gewahrt werden. Handschuhe sind nicht vorgeschrieben und für die Pflücker auch keine Option: Sonst geht das Gefühl für die perfekte Erdbeere in den Händen verloren.

Es wird auch mal genascht

Normalerweise leben all diejenigen, die nur für die Erntemonate nach Deutschland kommen, gemeinsam in einer Unterkunft in Höxter. Nun wurde zusätzlich eine frühere Unterkunft in Albaxen reaktiviert. Die etwa 20 ukrainischen Studenten, die in den nächsten Tagen noch ankommen, werden ebenfalls separat untergebracht: „Sie wohnen in der Jugendherberge in Fürstenberg“, verrät Wittrock.

Jaroslaw Przeszlo arbeitet seit gut zehn Jahren in Höxter.

Jaroslaw Przeszlo arbeitet seit gut zehn Jahren in Höxter. Foto: Greta Wiedemeier

Nicht so der 27-jährige Jaroslaw Przeszlo: Er arbeitet schon lange auf den Obstplantagen und lebt gemeinsam mit seinem Bruder mittlerweile ganzjährig in einer eigenen Wohnung in Höxter. Mit 18 Jahren hat er seine Karriere begonnen und hat, wie auch der Großteil seiner polnischen Familie, auf den Höxteraner Obstplantagen angefangen.

An seine ersten Tage erinnert Przeszlo sich noch gut: „Am Anfang habe ich immer zu wenig gepflückt.“ Fünf Kilo Erdbeeren gehören in eine Kiste – das Abschätzen fällt ihm heute spielend leicht und er weiß genau, worauf es außerdem ankommt: Die grüne „Krone“ der Erdbeeren muss komplett erhalten bleiben und der Stiel möglichst kurz sein, um die anderen Früchte nicht zu beschädigen. Keine Schneckenlöcher und keine Druckstellen. Verformte

Die grüne „Krone“ der Erdbeeren muss komplett erhalten bleiben

Die grüne „Krone“ der Erdbeeren muss komplett erhalten bleiben Foto: Greta Wiedemeier

Erdbeeren gehören in eine Extra-Schale. „Erdbeeren sind eben keine Kartoffeln“, sagt Marion Wittrock schmunzelnd und erklärt, dass die roten Früchte extrem empfindlich seien. Weggeschmissen wird hier kaum eine Beere: Diejenigen, die nicht der Norm entsprechen, werden als „zweite Wahl“ verkauft, die Exemplare mit Druckstellen können immer noch eingefroren und als Industrieware an den Mann gebracht werden. „Die Ungenießbaren oder Fauligen kommen aber selbstverständlich weg“, so Wittrock.

Jaroslaw Przeszlo pflückt seit einigen Jahren kaum noch selbst: Er kennt den Betriebsablauf mittlerweile so gut, dass er als „Springer“ im Einsatz ist. Er beliefert Verkaufsstände, kontrolliert und wiegt die Kisten, weist die Helfer in ihre Reihen ein und hilft auch bei den anderen Obstsorten aus. Zwischendurch wird auch gerne mal die ein oder andere Beere selbst genascht: „Das wird man auch nicht leid”, gibt der junge Erwachsene lachend zu.

Schüler helfen aus

Etwas anders sieht der Alltag direkt im Betrieb an der Albaxer Straße aus: Hier sind etwa 15 Schüler, Studenten und weitere Aushilfen, die ihrem Hauptjob aktuell nur in

Felix Bunge wäre eigentlich im Auslandsjahr in Neuseeland. Stattdessen ist er nun auf den Plantagen von Familie Wittrock beschäftigt.

Felix Bunge wäre eigentlich im Auslandsjahr in Neuseeland. Stattdessen ist er nun auf den Plantagen von Familie Wittrock beschäftigt. Foto: Greta Wiedemeier

Kurzarbeit nachgehen können, beschäftigt. Sie bestücken die großen Holzkisten mit leeren Schälchen – mit den Erdbeeren selbst kommen sie im Regelfall gar nicht in Kontakt.

In den letzten Jahren tummelten sich höchstens eine Handvoll Schüler auf dem Betrieb. Doch jetzt musste man umplanen: Die ausländischen Erntehelfer konnten nicht wie gewohnt schon im April einreisen, so dass auch die Aushilfen einige Tage auf den Feldern verbrachten. „Wir haben Unkraut gehackt und die Erdbeeren ab- und morgens wieder aufgedeckt“, erklärt Felix Bunge. Der 19-Jährige wäre zur Zeit eigentlich Tausende Kilometer entfernt: „Wir mussten unser Auslandsjahr in Neuseeland abbrechen“, sagt er und weist auf seinen Reisepartner Jakob Keßenich, mit dem er nun gemeinsam zum wiederholten Mal auf den Plantagen aushilft. Die Schüler haben keine festen Arbeitszeiten: Sie werden über den Nachrichtendienst „Whats­App“ informiert, wenn es viel zu tun gibt und können dann frei entscheiden, ob und wie lange sie kommen.

Anstrengende Feldarbeit

Auf den Feldern wird stets bis zum frühen Nachmittag gearbeitet. In der Hochsaison in Akkordarbeit – auf diese Weise können die Helfer ihren regulären Mindestlohn um mehrere Euro pro Stunde aufstocken. „Da darf dann auch kein Minderjähriger eingesetzt werden“, erklärt Wittrock. Sie weiß, wie anstrengend die Feldarbeit sein kann. „Die Rumänen, Polen und Ukrainer haben aber zumeist auch einen anderen Grund zum Arbeiten als die deutschen Aushilfen. Sie schicken das Geld oft direkt zu ihren Familien“, weiß Wittrock. Die ersten polnischen Studenten, die einst auf die Plantagen gekommen waren, hätten von ihren zwei Monaten Erntearbeit ihr ganzes folgendes Studienjahr finanziert.

Heute erfahren die meisten Saisonkräfte durch Mundpropaganda von der Arbeitsmöglichkeit in Höxter. „Auf Agenturen greifen wir kaum noch zurück. Viele davon zocken leider sowohl die Arbeiter als auch uns als Betrieb ab“, sagt die junge Chefin.

Kommt Marion Wittrock zur Kontrolle aufs Feld, hat sie immer einen lustigen Spruch auf Lager, bringt Lollis oder Bonbons mit. „Ich möchte, dass die Leute gerne hier sind und auch gerne pflücken“, sagt sie.

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