Vieles ist wieder möglich – aber für Gesangvereine im Kreis Höxter herrscht weiter Kontaktverbot
Singen ist ansteckend

Kreis Höxter/Steinheim(WB). Glückhormone werden ausgeschüttet, der Körper engagiert sich wie beim Sport, Emotionen werden geweckt, der Geist ist hoch konzentriert. Singen ist anstecken, sagt man. Leider, muss in diesen Corona-Tagen wohl hinzu gefügt werden. Denn obwohl ab heute zahlreiche Corona-Beschränkungen aufgehoben oder zumindest gelockert sind, gilt das nicht für Gesangvereine.

Montag, 15.06.2020, 11:05 Uhr aktualisiert: 15.06.2020, 12:00 Uhr
Ute Pägel (rechts) und Helena Mansfeld haben ihren Humor nicht verloren. Für die begeisterte Chorsängerin und ihre Dirigentin sind die Corona-Wochen ohne Proben und Auftritte aber eine harte Zeit. „Wir hoffen auf 2021“, hat Helena Mansfeld die Saison mit dem Konzertchor Vocale bereits abgehakt. Foto: Ralf Brakemeier
Ute Pägel (rechts) und Helena Mansfeld haben ihren Humor nicht verloren. Für die begeisterte Chorsängerin und ihre Dirigentin sind die Corona-Wochen ohne Proben und Auftritte aber eine harte Zeit. „Wir hoffen auf 2021“, hat Helena Mansfeld die Saison mit dem Konzertchor Vocale bereits abgehakt. Foto: Ralf Brakemeier

Das kräftige Singen in der Gruppe erzeugt eine große Menge feinster Wassertröpfchen, die inzwischen bekannten Aerosole, in denen sich Viren schnell von Mensch zu Mensch verbreiten können. Auch für den Steinheimer Konzertchor Vocale gilt daher bis auf Weiteres: keine gemeinsamen Übungsabende und keine Konzertauftritte.

„Seit den Osterferien treffen wir uns wieder regelmäßig zu den üblichen Probenzeiten. Allerdings nur bei einem Zoom-Meeting“, sagt Helena Mansfeld. Die Chorleiterin ist auch als selbstständige Musiklehrerin für Gesang und Klavier von den Einschränkungen wegen der Corona-Epidemie besonders betroffen. „An der Musikschule geht der Unterricht inzwischen weiter – an zwei Klavieren und beim Gesang mit sechs Meter Abstand“, beschreibt Mansfeld den neuen Alltag. Die Probenräume werden viel gelüftet. Körperkontakt, gerade beim Singen manchmal von Vorteil, findet nicht statt. Schlimmer träfen die Einschränkungen Profimusiker, die auf Konzerte und andere Auftritte angewiesen seien, weiß die Steinheimerin aus dem eigenen Bekanntenkreis.

82-Jährige macht mit

Etwa die Hälfte der 40 Vocale-Sängerinnen und -Sänger nimmt regelmäßig an den Online-Proben teil. Dazu gehört auch die mit 82 Jahren älteste Chorsängerin, die sich von den Enkeln die Technik hat einrichten und erklären lassen. „Gemeinsames Singen ist aber kaum möglich, das gibt ein heilloses Chaos“, bedauert auch Ute Pägel, Sprecherin des Chores. Helena Mansfeld leitet vom heimischen Musikraum aus am E-Piano die Proben. So können alle Chormitglieder ihr Spiel und ihren Gesang hören. Mansfeld arbeitet mit zwei Mikros, mit Kopfhörer und Laptop. Bei den Sängern reicht ein Smartphone für die Teilnahme. Sie stehen dann im eigenen Wohnzimmer und müssen jeder für sich singen. „Da muss man die eigene Stimme schon mögen und keinen leicht genervten Ehepartner haben“, lacht Mansfeld. Mit ihrem Kirchenchor aus Wöbbel hätten Online-Proben wegen der zu schlechten Internetverbindungen nicht funktioniert. Der Vorteil am Einzelsingen: Keiner kann sich im Chor „verstecken“, keiner einen falschen Ton auf den Nebensänger schieben. „Nach Corona sind wir dann um Klassen besser“, scherzt die Chorleiterin. „Spaß macht das natürlich nur begrenzt. Uns geht es aber auch um den Zusammenhalt, dass wir uns mal wieder sehen und austauschen können. Dann gibt es bei der ersten echten Probe nicht ganz so viel zu schwatzen“, ergänzt Ute Pägel.

Alle Auftritte abgesagt

Für 2020 hat der Konzertchor Vocale alle Auftritte bereits abgesagt. Die Sängerinnen und Sänger hatten gemeinsam mit ihrer Chorleiterin begonnen, zwei Konzerte zum Thema „Nacht“ in Steinheim und Nieheim vorzubereiten. Das wird nun auf 2021 verschoben. „Zwischendurch sollten die Beschränkungen beim Singen schon einmal gelockert werden. Das wurde dann aber schnell wieder zurück genommen“, berichtet Mansfeld. Beim Kammerton A zum Beispiel, erklärt sie, bewege sich die Atemluft mit 440 Schwingungen pro Sekunde. Untersuchungen hätten gezeigt, dass das Singen besonders feine Aerosole freisetzt, die sich dann lange in der Umgebungsluft aufhalten, bevor sie absinken und für andere Menschen ungefährlich werden. So sei das Singen eben auch hier deutlich ansteckender, als das Musizieren mit Instrumenten. Deshalb wird das Vocale-Ensemble ab heute wieder Sport in der Halle und im Freien machen, größere Familienfeiern oder eine Bar besuchen oder im Park grillen können. Eine Chorprobe außerhalb des virtuellen Raumes bleibt aber, zumindest in den nächsten Wochen, nicht möglich.

Zusammenhalt ist groß

Mit dem gemeinsamen Abendlied endet gegen 21.15 Uhr die Zoom-Probe von Vocale. „Das ist ein sehr emotionaler Moment,“ sagt Ute Pägel. Der Zusammenhalt im Chor sei aber groß, ist sich die Sprecherin sicher, dass die Mitglieder gestärkt aus dieser Zeit kommen werden. Helena Mansfeld: „Das wird auch vorübergehen. Wir schauen nach vorne.“ Ute Pägel ist sicher: „Wir werden dann die erste gemeinsame Probe im Martin Luther-Zentrum erst richtig zu schätzen wissen. Dann werden bei manchen Sängerinnen auch ein paar Tränen fließen.“

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