100 Jahre Erholungsheim auf Norderney – Klipper kämpft sich aus der Corona Krise
Wo Höxter ans Meer grenzt

Höxter/Norderney(WB). Wussten Sie schon, dass der Kreis Höxter beinahe direkt ans Meer grenzt? Das hat – zum Glück – noch nichts mit dem Klimawandel zu tun. Vom Haus Klipper auf Norderney sind es nur ein paar Schritte bis an die Nordsee. Vor 100 Jahren kaufte der damalige Kreis Warburg das Erholungsheim, um hier bedürftige Kinder und Kranke aus Ostwestfalen „zur Wiederherstellung und Kräftigung der Gesundheit unterzubringen“. Vorausgegangen war eine Sammlung in der Bevölkerung. Heute benötigt das Haus Klipper erneut Hilfe. In seiner Sitzung am Dienstag hat der Kreis- und Finanzausschuss des Kreises Höxter den Antrag des Betreibers „Outlaw“ zur Stundung der Pachtbeiträge bis zum Jahresende beschlossen.

Donnerstag, 18.06.2020, 08:17 Uhr aktualisiert: 18.06.2020, 08:20 Uhr
2013 wurde das Gäste- und Jugendhaus Klipper durch einen modernen Neubau mit 164 Betten ersetzt. Inzwischen ist die Einrichtung zu einem guten Teil wieder besucht. Für die nächsten Wochen hofft Hausleiter Froitzheim auf weitere Lockerungen. Foto: Schmitz
2013 wurde das Gäste- und Jugendhaus Klipper durch einen modernen Neubau mit 164 Betten ersetzt. Inzwischen ist die Einrichtung zu einem guten Teil wieder besucht. Für die nächsten Wochen hofft Hausleiter Froitzheim auf weitere Lockerungen. Foto: Schmitz

Pachtbeiträge stunden

Grund für den Antrag ist natürlich die Corona-Krise, die dem Beherbergungsbetrieb, wie allen Einrichtungen in dieser Branche, erhebliche Verluste beschert hat. Seit 2005 betreibt die Kinder- und Jugendhilfe „Outlaw“ das Heim unter dem Namen Haus Klipper, 2013 wurde das große Gäste- und Jugendhaus gemeinsam mit dem Kreis Höxter neu gebaut. Am 18. März kam dann der Lockdown. „Innerhalb von wenigen Tagen mussten alle Gäste die Insel verlassen, danach hätte man auf der Hauptstraße um sich schießen können und keinen getroffen“, erinnert sich Hans Josef Froitzheim an die dramatische Zeit vor einigen Wochen.

Er ist seit fünf Jahren Leiter des Hauses Klipper auf Norderney und freut sich, dass die schlimmsten Tage (vorerst) vorüber sind. „Alle 22 Mitarbeiter sind in Kurzarbeit. Mir blieb lange nichts anderes, als die Tiefkühltruhen und Kühlschränke zu kontrollieren und alle 72 Stunden überall im Haus das Wasser laufen zu lassen, damit sich keine Legionellen bilden“, berichtet Froitzheim. Seit zwei Wochen sei zunächst eine Belegung des Hotels von 60 Prozent, später von 80 Prozent wieder möglich gewesen. Froitzheim: „Im Moment sind vor allem die Ferienwohnungen und das Hotel im Betrieb. Im Jugendhaus haben wir nur wenige Gäste.“

Seit die Urlauber nicht mehr mindestens sechs Übernachtungen vorweisen müssen, um nach Norderney zu kommen, seien die ersten Familien auch über das Wochenende wieder im Klipper. Inzwischen dürfen wieder Gäste kommen, die nur eine Übernachtung auf der Insel gebucht haben, Tagestouristen, für viele Insulaner ein durchaus lohnendes Geschäft, sind aber weiter nicht erlaubt. „Auf Norderney haben sich zwei Menschen mit Corona infiziert, wir sind aber schon lange wieder auf Null – und das soll auch so bleiben“, unterstützt Hans Josef Froitzheim die Vorsichtsmaßnahmen.

Noch Platz für Familien

Für die Betreiber von Haus Klipper hat sich die Arbeit stark verändert. Bei Gruppen müsse man weiter vorsichtig sein, Buffet und gemeinsames Abendessen werden aus Hygieneschutzmaßnahmen weiterhin nicht angeboten. „Ich habe die Sitzplätze mit roten und grünen Punkten markiert, um den Sicherheitsabstand zu gewährleisten“, so Froitzheim. Gruppen, Sportvereine und Sprachschulen hätten ihren Aufenthalt im Sommer bereits abgesagt. „Für Familien haben wir aber noch Platz“, sagt der Kölner Froitzheim, der sich vor einigen Jahren für Norderney als Lebensmittelpunkt entschieden hat.

Durch Verwandtschaft unter den Insulanern konnte er hier ein Eigenheim erwerben. Seit neun Jahren arbeitet Froitzheim im Haus Klipper, seit fünf Jahren ist er der Leiter der Einrichtung. „Die Insel hat so viel zu bieten“, schwärmt Hans Josef Froitzheim: Das Badehaus (zur Zeit allerdings geschlossen), das Badehaus-Museum, viele tolle Restaurants und natürlich der große Sandstrand. Und: Hier ist einfach ein bisschen mehr los, als auf den anderen Ostfriesischen Inseln, schließlich ist Norderney die zweitgrößte, und mit immerhin mehr als 6000 Einwohnern die Bevölkerungsreichste.

Hoffen auf den Herbst

Radwandern, forschen, Kajak fahren oder wattwandern können die Gäste auch vom Haus Klipper aus – wenn denn alle Beschränkungen wieder aufgehoben sind. „Wir hoffen einfach auf das Ende des Sommers“, sagt Froitzheim. Schon Ende Juni sollen wohl weitere Beschränkungen fallen. Der Hausleiter nimmt bereits neue Buchungen entgegen: „Für 2021 sieht es super aus.“

Wenig Interesse im Kreis

Wie viele Urlauber aus dem Kreis Höxter dann unter den Gästen sind, steht noch nicht fest. Allerdings, bedauert Hausleiter Froitzheim, kämen abseits von Schulklassen kaum Familien oder Gruppen aus dieser Region in das Haus Klipper.

Vor sieben Jahren hat unter anderem auch der Kreis Höxter fünf Millionen Euro in den Neubau investiert. Noch heute gibt es Vergünstigungen für Gäste aus dem Kreis Höxter. Jugendgruppen, Schulklassen und Inhaber von Ehrenamtskarten erhalten einen Nachlass von zehn Prozent auf die regulär geltenden Preise. Zusätzlich gewährt der Kreis bei Jugendfahrten Zuschüsse zwischen 4,20 und 6,20 Euro pro Person und Tag (je nach Gruppengröße). Dennoch haben hiesige Freunde der Nordsee das Haus noch kaum für sich entdeckt.

Nachdem der Kreis Warburg vor 100 Jahren das Haus „Damenpfad 37“ erworben hatte, wurde es bald wieder verkauft (zu klein) und statt dessen eine ehemalige Dampf-Wäscherei gekauft. Hier, an der Jann-Berghaus-Straße 40, steht auch das heutige Haus Klipper. Nach einer wechselhaften Geschichte, zu der neben der Gebietsreform 1975 auch der Mord an der Heimleiterin Schwester Christa Porsil (1977) gehörte, hat der Kreis schon 1978 die Bewirtschaftung des Heimes aufgegeben.

Entscheidung für Norderney

Hans Josef Froitzheim hat seine Entscheidung für Norderney trotz Corona-Krise und Inselräumung nicht bereut: „Köln ist wunderschön, aber hier schwinge ich mich morgens auf das Fahrrad und bin in zwei Minuten bei der Arbeit, an einem Ort, wo andere Urlaub machen.“

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