Ovenhäuser chatten mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier
Digitale Reise ins Schloss Bellevue

Ovenhausen/Berlin (WB). Wer am Freitag an der Ovenhäuser Klönstube vorbeikam, staunte nicht schlecht: Ein großer Übertragungswagen war aufgebaut, zwei Transporter direkt nebenan. Aus gutem Grund: Am Vormittag fand anlässlich des Digitaltags 2020 eine öffentliche Live-Schaltung zum Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier statt, in der vier Ovenhäuser von ihren Erfahrungen mit der Dorf-App und dem Projekt „Smart Country Side“ berichten konnten.

Freitag, 19.06.2020, 21:00 Uhr
Andreas Otto (von links), Agnes Klocke, Hans-Werner Gorzolka und Martina Voss haben mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in einem Livechat gesprochen. Foto: Greta Wiedemeier
Andreas Otto (von links), Agnes Klocke, Hans-Werner Gorzolka und Martina Voss haben mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in einem Livechat gesprochen. Foto: Greta Wiedemeier

Agnes Klocke, Andreas Otto, Martina Voss und Hans-Werner Gorzolka wurden vom Bundespräsidialamt ausgewählt und haben sich gemeinsam mit den anderen Ehrenamtlichen in der Klönstube über mehrere Wochen gut vorbereitet. „Wir wurden ja schon häufiger zu den Projekten befragt und gefilmt, aber Routine wird das nie”, berichtete Martina Werdehausen, Teamleitung der Caritas-Konferenz, kurz vor Beginn des Videochats. Mikros wurden angesteckt, der Ton überprüft und eine Sitzordnung festgelegt. Die Aufregung im Raum war deutlich zu spüren. Dann ging es nach einem kurzen Vorgespräch mit dem Bundespräsidenten los – Liveschalte nach Berlin, Schloss Bellevue.

Verbundenheit

Steinmeier begrüßte die Vertreter der Digitalen Dörfer Ovenhausen und Betzdorf (Rheinland-Pfalz), die im Chat ebenfalls zugeschaltet waren, und betonte in seiner Ansprache: „Heute, am Digitaltag, sind wir per Videokonferenz miteinander vernetzt, weil wir uns räumlich noch fern bleiben müssen. Ja, das Virus hält uns nach wie vor auf Abstand. Die vergangenen drei Monate aber haben gezeigt: Unsere Verbundenheit in diesem Land, die haben wir uns zum Glück bewahrt. Uns miteinander vernetzen, um verbunden zu bleiben – diese Erfahrung haben wir während der Pandemie besonders intensiv gemacht.“

Dies sei auch ein Verdienst der vielen Projekte und Initiativen, die trotz physischen Stillstands „tolle Ideen gemeinsam auf die Startrampe gesetzt haben“. Digital sei unentbehrlich. „Diese Krise hat uns schmerzhaft bewusst gemacht, wie sehr wir den direkten, persönlichen und unmittelbaren Kontakt mit anderen Menschen brauchen. Aber was wären wir ohne wenigstens die digitalen Kontakte gewesen in diesen langen Wochen auf Abstand? Digitales Rüstzeug gehört zu unserem Leben, und kaum jemand mehr will es missen“, so Steinmeier, der auch einräumte, dass die Krise viele digitale Defizite schonungslos ausgeleuchtet habe – besonders in den Schulen und in der öffentlichen Verwaltung sowie beim gerechten Zugang zur digitalen Grundversorgung.

Das echte Leben

Digitalisierung sei menschgemacht – „und sie sollte uns menschlicher machen“, so der Bundespräsident: „Daran müssen wir unseren Weg durch die digitale Moderne messen. Je freiheitlicher, je menschlicher wir ihn beschreiten, umso mehr werden wir dabei als Gesellschaft aneinander wachsen: rücksichtsvoll und solidarisch, mündig und nahbar.“ Deshalb sollten beim Digitaltag die Digitalisierung im echten Leben, im zwischenmenschlichen Alltag in den Fokus gerückt werden – und damit auch die „DorfFunk-App“ und die Klönstube im beschaulichen Ovenhausen.

Im Folgenden erwies sich Steinmeier als eleganter Gesprächsführer und Moderator, der es auch den Vertretern aus Ovenhausen immer wieder ermöglichte, ihr Vorzeigeprojekt als Digitales Dorf deutschlandweit vorzustellen. Martina Voss von der Caritaskonferenz erläuterte im Gespräch mit dem Bundespräsidenten („Ovenhausen ist digital und trotzdem menschlich“) beispielsweise: „Die Klönstube ist als sozialer Treffpunkt seit Ostern geschlossen – in der Corona-Zeit hat die Digitalisierung dafür noch einmal einen Schub bekommen. Wir verhelfen gerne allen zu digitaler Teilhabe.“

Kirche stellt sich neuen Trends

Und auf Steinmeiers Frage, warum sich in Ovenhausen ausgerechnet die Kirchengemeinde für digitale Angebote verantwortlich fühlt, sagte Kirchenvorstand und Kreisheimatpfleger Hans-Werner Gorzolka: „Uns war bewusst, dass viele Ortschaften allein auf die Dorf-App setzen – wir wollten mit dem Konzept ‚Sorgendes Dorf‘ mit Kirche und Caritas noch einen weiteren Schwerpunkt setzen. Deshalb ist es folgerichtig, dass diese beiden auch die Internetseite des Ortes und den Dorffunk mit prägen. Kirche muss sich neuen Trends stellen.“ Gorzolka erläuterte auch, dass es viele kleine Bausteine benötige, um Digitalisierung zu etablieren – und „nicht nur eine große Nummer“. Dafür habe es eine breite ehrenamtliche Unterstützung aller Vereine und auch von Gewerbetreibenden gegeben. „Im April hatte unser Dorffunk, mit dem alle auf dem Laufenden gehalten werden sollen, 60 Teilnehmer – heute sind es 520, mit denen wir alle Familien in Ovenhausen erreichen.“

Andreas Otto erläuterte als Vereinsvertreter, dass die Vorstände im Dorf in der Anfangszeit von Corona mit vielen Freiwilligen schnell ein digitales Hilfenetzwerk aufgebaut haben. Das wiederum kam auch bei Agnes Klocke bestens an, wie sie im Chat betonte: „Die digitale Entwicklung stärkt die Dorfgemeinschaft. Über das ‚Sorgende Dorf‘ können jederzeit Hilfe in Form von Rat und Tat angeboten werden.“ Laut der Chatteilnehmer seien durch die Digitalisierung auch viele neue Freiwillige zum Ehrenamt gekommen – davon würden letztendlich auch die Vereine profitieren. Steinmeier bezeichnete die Entwicklung als „einmalig“.

Programm am Nachmittag

Nach dem Gespräch mit dem Bundespräsidenten war für die Ehrenamtlichen in der Klönstube noch nicht Schluss: Am Nachmittag wurden nicht nur so genannte „Erzählgeschichten” aufgezeichnet – zusätzlich gab es auch noch eine Videokonferenz mit zehn externen Gästen wie den Digitalexperten von Eversen und Ovenhausen, einer Studentin und der Vorsitzenden des Diözesanvorstands der Caritas-Konferenzen Deutschlands. Bis in die Abendstunden wurde munter diskutiert über Digitales und praktische, tatsächlich umsetzbare Beispiele vor Ort.

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