Fall Lügde: Wurden Aktenseiten nur wegen der besseren Lesbarkeit ausgetauscht?
Ermittlungen im Jugendamt Höxter

Höxter (WB) -

Die Staatsanwaltschaft Paderborn hat Vorermittlungen gegen eine Mitarbeiterin des Jugendamts Höxter eingeleitet. Das bestätigte Oberstaatsanwalt Marco Wibbe am Donnerstag. Es solle geklärt werden, ob eine Akte in unzulässiger Weise verändert wurde.

Freitag, 12.02.2021, 03:00 Uhr aktualisiert: 12.02.2021, 07:30 Uhr
Einer der Wohnwagen von Andreas V., dem Sexualverbrecher aus Lügde.
Einer der Wohnwagen von Andreas V., dem Sexualverbrecher aus Lügde. Foto: Althoff

Das Jugendamt hatte sich vor Jahren um eine alleinerziehende Mutter und ihre kleine Tochter gekümmert. Vater ist ein Mann, der wegen Kindesmissbrauchs in Haft gesessen hatte. Er machte seine Tochter mit Mario S. bekannt, einem der Haupttäter im Fall Lügde. Das Mädchen verbrachte viel Zeit mit Mario S. auf dem Campingplatz und übernachtete auch dort.

2015, als das Mächen sieben war, meldete sich seine Grundschullehrerin beim Jugendamt Höxter. Sie gab an, die Schülerin, sonst „ein Sonnenschein“, habe seit den Osterferien einen starren Blick. Sie habe rotgeränderte Augen, der Po tue ihre weh, es jucke im Intimbereich, und sie wolle sich für den Schwimmunterricht nicht mehr ausziehen.

Das Jugendamt ließ das Kind von einem Arzt untersuchen, der nichts fand, und sagte der Mutter, sie solle ihre Tochter nicht mehr zu Mario S. lassen. Ob die sich daran hielt, kontrollierte niemand. Inzwischen steht fest, dass das Mädchen ein Opfer von Mario S. war.

In der vergangenen Woche befragte der Parlamentarische Untersuchungsausschuss zum Fall Lügde die Jugendamtsmitarbeiterin, die für das Mädchen zuständig war. Dabei ging es auch um die Frage der Aktenführung. Die Frau sagte, wegen besserer Lesbarkeit habe sie handschriftliche Notizen in der Akte des Mädchens später abgetippt und ausgetauscht – ohne den Inhalt zu verändern. Ob das so war – Andreas Bialas, Obmann der SPD im Ausschuss, hat Zweifel, zumal die handschriftlichen Unterlagen nicht mit in der Akte sind. „Die Frau sagte, sie habe nie etwas in die Akte eingefügt. Wir haben aber ein Schriftstück gefunden, das sie im Februar 2019 geschrieben hat, nachdem der Fall Lügde bekanntgeworden war, und das sich auf Vorgänge im Jahr 2017 bezieht.“ In dem Papier mit dem handschriftlichen Zusatz „aus dem Gedächtnis“ wird versucht zu erklären, warum das Amt 2017 die Familienhilfe im Fall des Mädchens eingestellt hatte.

Der Hinweis der Lehrerin war nicht der einzige, der das Jugendamt erreicht hatte. Andreas Bialas: „Nach den dramatischen Schilderungen der Lehrerin hätte man einen Trauma-Experten hinzuziehen müssen.“ Und auch die Frage, ob man die Polizei einschalte, hätte geprüft werden müssen. „Wenn der Verdacht besteht, dass ein Kind vergewaltigt wurde – welche anderen Interessen kann es dann noch geben, außer das Kind zu schützen und weiteren Missbrauch zu verhindern?“

Während im Fall Lügde gegen Mitarbeiter der Jugendämter Lippe und Hameln-Pyrmont 2019 ermittelt worden war (alle Verfahren sind eingestellt), gab es solche Ermittlungen in Höxter nie. Die Mitarbeiter des dortigen Jugendamts waren von der Staatsanwaltschaft Detmold nur als Zeugen befragt worden.

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