Mutmach-Challenge: Kliniken und Polizei sollen nachträglich für Corona-Tanz zahlen – Kritik auch aus Kreis Höxter
Hospitalvereinigung nimmt „Jerusalema“-Video aus dem Netz

Höxter (WB) -

Ärzte, Pflegerinnen, Feuerwehrleute und Polizisten tanzen zu dem Hit „Jerusalema“ von DJ Master KG aus Südafrika gegen den Corona-Frust an. Auch im Kreis Höxter. Doch eine in den sozialen Medien bundesweit viel verbreitete und mutmachende Idee wird für viele Tänzer nun zu einem teuren Problem: Medienriese Warner Music fordert plötzlich nachträglich Lizenzgebühren für die Nutzung des Liedes. Skandal oder juristisch berechtigte Urheberforderung?

Dienstag, 16.02.2021, 13:34 Uhr aktualisiert: 16.02.2021, 18:40 Uhr
Viele Krankenhaus-Kollegen haben eigentlich frei gehabt und sind extra für den Tanz gekommen: „Wir tanzen zusammen, wir halten zusammen – das zu erleben, ist in Corona-Zeiten, in denen Treffen außerhalb der Arbeit nahezu unmöglich sind, wichtig.“
Viele Krankenhaus-Kollegen haben eigentlich frei gehabt und sind extra für den Tanz gekommen: „Wir tanzen zusammen, wir halten zusammen – das zu erleben, ist in Corona-Zeiten, in denen Treffen außerhalb der Arbeit nahezu unmöglich sind, wichtig.“ Foto: KHWE

Das Magazin “Focus“ hatte den Versand von Rechnungen am Wochenende öffentlich gemacht. Seitdem sind Aufregung und Empörung groß. Von wegen Solidarität in schweren Zeiten für soziale Berufe: Es soll abkassiert werden, so der Vorwurf an Medienmulti Warner. Erste Rechnungsschreiben von 5000 Euro plus X sollen in Umlauf sein.

Die Geldforderungen haben auch die Medienverantwortlichen der Katholischen Hospitalvereinigung Weser-Egge (KHWE) im Kreis Höxter aufgeschreckt: Die KHWE hatte sich im November an der „Jerusalema-Challenge“ beteiligt, einen viralen Hit gelandet und viel Zuspruch für den Zusammenhalt in schweren Zeiten erhalten. 131.000 Aufrufe bei Facebook, Tausende Likes und Hunderte lobende Kommentare für die KHWE und deren tanzendes Personal gab es. Einen ähnlichen Erfolg erlebten in der Region auch die Berufsbildenden Schulen in Holzminden und das St.-Vincenz-Krankenhaus Paderborn, die weitere „Jerusalema“-Tanzvideos veröffentlicht hatten.

Die Katholische Hospitalvereinigung Weser-Egge hat sich an der Jerusalema-Challenge beteiligt und so einen viralen Hit gelandet.

Die Katholische Hospitalvereinigung Weser-Egge hat sich an der Jerusalema-Challenge beteiligt und so einen viralen Hit gelandet. Foto: KHWE

Die KHWE hat mit Blick auf Warner sofortige Konsequenzen gezogen. KHWE-Sprecherin Isabell Waschkies: „Wir haben hinsichtlich unserer Teilnahme an der Jerusalema-Challenge bisher keine Post von Warner Music erhalten. Bislang haben wir auch keine Notwendigkeit darin gesehen, diesen Fall juristisch überprüfen zu lassen. Auch wir sind im hohen Maße irritiert darüber, dass das Unternehmen nun nachträglich Lizenzgebühren für die Nutzung des Liedes verlangen will. Schließlich hatte der Künstler selbst dazu aufgerufen, zu seinem Lied zu tanzen und Videos davon in den sozialen Medien zu verbreiten.“

Waschkies weiter: „Nun aber unter anderem Pflegefachkräften, Ärzten und anderen Krankenhaus-Mitarbeitern vorzuwerfen, sie hätten sich davon einen kommerziellen Nutzen versprochen, ist unfair und nicht nachvollziehbar. Wir, und damit spreche ich stellvertretend für alle teilgenommenen Tänzer der KHWE, wollten gerade in Zeiten wie diesen für einen Augenblick den Alltagsstress und die Pandemie vergessen. Wir tanzten gemeinsam, wir klatschten gemeinsam, wir lachten gemeinsam – das zu erleben in einer Zeit, in der Treffen außerhalb der Arbeit unmöglich sind, war ein tolles Gefühl, das uns glücklicherweise niemand mehr nehmen kann.“ Um etwaigen rechtlichen Auseinandersetzungen aus dem Weg zu gehen, haben sich die Verantwortlichen der Hospitalvereinigung dazu entschlossen, das Video aus den Social-Media-Kanälen zu entfernen.

 

Was ist „Jerusalema“?

Der Song „Jerusalema“ ist eine Gute-Laune-Hymne, die bei YouTube allein für das Video über 339 Millionen Views zählt, in den deutschen Charts bis auf Platz drei kletterte und bei TikTok mit 150 Millionen Views durch die Decke geht – vorangetrieben durch Tanzvideos aus der ganzen Welt, die unter den Hashtags #jerusalema, #jerusalemachallenge und #jerusalemadance abrufbar sind.

Und gerade diese vielen Tanzvideos, die den Song erst richtig groß machten, sollen für die Tänzer jetzt empfindliche Konsequenzen haben, was viele, wie im Kreis Höxter, wütend macht. Der Konzern Warner Music, bei dem der Interpret Master KG, unter Vertrag steht, soll laut „Focus Online“ weiter munter Briefe an Organisationen und Unternehmen verschicken, um so richtig Nutzungsgebühren einzutreiben. Gegenüber Medien meinte Warner Music: „Wir lieben die Tatsache, dass die Fans hinter ‚Jerusalema‘ stehen. Aber wenn Organisationen in Deutschland den Song nutzen, um sich selbst zu promoten, sollten sie sich eine Lizenz sichern.“

Über die Nachricht von der Geldforderung diskutiert ganz Deutschland: Der Empfängerkreis dürfte groß werden. Denn nicht alle Krankenschwestern, Pfleger, Ärzte, Postboten, Verkäuferinnen und Politiker machen die beträchtlichen finanzielle Forderungen öffentlich. Dass die Ansprüche von Warner ernst zu nehmen sind, zeigt die Reaktion des NRW-Innenministeriums: Die Behörde unter Führung von Minister Herbert Reul (CDU) hat die Forderungen für viele Polizeidienststellen in NRW bereits beglichen.

Im November waren sich KHWE-Geschäftsführer Christian Jostes und Isabell Waschkies schnell einig, ein eigenes Motivationsvideo zu veröffentlichen. Die KHWE hatte alle 2800 Mitarbeiter angefragt, ob sie mitmachen würden. 300 Mitarbeiter waren sofort Feuer und Flamme. Als Schauplätze zu sehen sind Helikopter-Landeplätze, Empfangshallen, Behandlungsräume und OP-Säle.

Kommentar

Grundsätzlich ist es zurzeit wichtiger denn je, dass Künstler für ihre Musik bezahlt werden, wenn sie von Dritten genutzt wird. DJ Master KG aus Südafrika führte bei seinem „Jerusalema“-Song aber etwas anderes im Schilde: Er wollte die Challenge, die Videodrehs, das Gemeinsame in Corona-Zeiten und viel PR. Aber was juckt den Konzern Warner und seine gerissenen Anwälte, was sein kleiner Künstler will, wenn viel Geld lockt. Abzocke ist das. Und warum kommt die Rechnung ein halbes Jahr nach Beginn des Hypes? Die Corona-Zeit treibt üble Blüten. Dies ist so ein Fall, der nicht sein muss. Er schadet übrigens auch den Künstlern. Michael Robrecht

 

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