Fr., 28.12.2018

Familie Risse lebt sieben Monate nach der Flut noch immer mit Spuren der Zerstörung »Wir denken jeden Tag an jene Nacht«

Ludwig und Caroline Risse stehen in der Garage vor einigen Möbeln aus dem Wohnzimmer. Was davon nach der folgenschweren Überflutung des Hauses noch zu verwenden ist, wissen sie nicht genau. Ein Gutachter war noch nicht vor Ort.

Ludwig und Caroline Risse stehen in der Garage vor einigen Möbeln aus dem Wohnzimmer. Was davon nach der folgenschweren Überflutung des Hauses noch zu verwenden ist, wissen sie nicht genau. Ein Gutachter war noch nicht vor Ort. Foto: Dennis Pape

Von Dennis Pape

Marienmünster (WB). Der Weihnachtstisch besteht aus einer Bierzeltgarnitur mit zwei Bänken, der Wohnzimmerboden aus blankem Estrich: Auch sieben Monate nach der verheerenden Flut im Haus der Risses in Bredenborn sind die Spuren noch immer deutlich zu erkennen. Vater Ludwig und seine beiden Töchter blicken auf ein bewegtes Jahr 2018 zurück – in dem sie auch viel Unterstützung aus der Dorfgemeinschaft erfahren haben.

»Es fällt sehr schwer, einmal für gewisse Momente nicht an jene verhängnisvolle Nacht zu denken, in der Teile unseres Hauses zerstört wurden«, erzählt Ludwig Risse. Seine Tochter Caroline (21) pflichtet ihm bei: »Manchmal vergisst man es für einen kurzen Moment, wenn man etwas im Haus sucht. Und dann fällt einem schnell wieder ein: Das gibt es ja gar nicht mehr.«

Wann kommt der Gutachter?

Bereits seit sieben Monaten kann der leidenschaftliche Handwerker Ludwig Risse nicht mit der Renovierung seines Hauses beginnen – er wartet immer noch auf den Besuch eines Gutachters.

Einen Tag vor Weihnachten lag dann für ihn so etwas wie die »frohe Botschaft« im Briefkasten: »Das Landgericht Paderborn hat mir mitgeteilt, dass jetzt wohl endlich ein Gutachter beauftragt werde. Wir hoffen alle, dass das Warten bald ein Ende hat«, sagt er. Risse, der keine Elementarschutzversicherung hat, verklagt wie berichtet die Stadt Marienmünster, weil diese einen Graben zwischen einem Feld und seinem Garten nicht ordnungsgemäß freigehalten habe – von diesem Feld kamen die Wassermassen, verwüsteten das Erdgeschoss und standen bis zu zwei Meter hoch im Keller der Familie.

»Dieser Brief gibt mir die Hoffnung, dass die Klage nicht abgewiesen worden ist und etwas passiert«, sagt Risse.

Überall Schlamm

Das Ausmaß der Verwüstung wird bei einem Gang durch das Haus im Bredenborner Südring überall deutlich – besonders aber im Keller. Dort klebt seit der Nacht des 29. Mai noch immer der mittlerweile getrocknete Schlamm an Rohren, Steckdosen, Wänden und sogar an der etwas mehr als zwei Meter hohen Decke. Fliesen sind von den Wänden gefallen, selbst schwerste Öltanks von der Kraft der Flut verschoben worden.

»Allein im Keller müssen sich nach meinen Berechnungen etwa 190.000 Liter Wasser befunden haben«, betont Ludwig Risse. Auch in der Garage gibt es weitere Zeichen der Zerstörung – hier werden unter anderem völlig verdreckte und zum Teil zerstörte Möbel gelagert. Der Großteil ist jedoch längst auf dem Müll – vieles war nicht mehr zu retten.

»Eine Matratze musste mit sechs Mann aus dem Keller getragen werden, weil sie sich komplett mit Wasser vollgesaugt hatte«, sagt Caroline Risse: »Ich bin nach der Flut mit Stiefeln im Schlamm stecken geblieben. Nichts von den Dingen aus dem Keller war mehr zu erkennen.« Die Familie lebt sieben Monate nach dem Unglück immer noch zum großen Teil zusammen im Obergeschoss.

Hilfe von vielen Seiten

Wenn Ludwig Risse und seine Töchter zurückdenken an das Jahr 2018, dann denken sie nicht nur an die massiven Flutschäden an und im Haus, sondern auch an eine große Hilfsbereitschaft in der Ortschaft Bredenborn und darüber hinaus. Viele Nachbarn hatten bereits in der Nacht der Flut, in der Ludwig Risse zur Kur in Sankt-Peter-Ording weilte, zusammen mit der Feuerwehr bereits das Wasser aus dem Haus entfernt – zum Teil mit Schneeschiebern.

Auch in den Folgetagen waren viele Bredenborner an den Aufräumarbeiten beteiligt. »Zum Duschen und Waschen sind wir tagelang zu Nachbarn gegangen«, erzählt Caroline Risse. Besonders bemerkenswert auch: Aus der Idee eines Straßenfestes zugunsten der Flutopfer entwickelte sich ein bestens besuchtes Dorffest.

»Dort hat mich sogar eine Frau aus Beverungen angesprochen. Sie habe aus dem WESTFALEN-BLATT von unserem Schicksal erfahren und wollte etwas Spenden. Ich habe mehr als einmal Tränen in den Augen gehabt, angesichts der vielen Menschen, die uns unterstützt haben und immer noch unter die Arme greifen«, sagt Ludwig Risse: Wir sind dafür einfach nur extrem dankbar.«

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