Hille-Wochenende: Pierre Georges Pouthier stellt Hanns von Gumppenberg und seine Literaturparodien vor
Kameradschaftlich auf die Schulter geklopft

Marienmünster (WB). Er ist gewissermaßen ein Mann der ersten Stunde: Pierre Georges Pouthier hat beim Hille-Wochenende am Samstag eine Sammlung von Vorträgen vorgestellt, die er in den vergangenen Jahrzehnten in diesem Kreis gehalten hat. Das Buch ist eine immense Bereicherung der Hille-Literatur, weil – wie der Mitbegründer der Hille-Gesellschaft, Helmut Birkelbach, einmal meinte – Pouthier „sprachlich-interpretatorisch den tiefsten Zugang zur Lyrik Peter Hilles“ gefunden habe.

Mittwoch, 16.09.2020, 01:32 Uhr aktualisiert: 16.09.2020, 02:00 Uhr
Mann der ersten Stunde: Pierre G. Pouthier mit seiner jetzt erschienen Sammlung von Studien zu Werk und Persönlichkeit Peter Hilles. Foto: Wolfgang Braun
Mann der ersten Stunde: Pierre G. Pouthier mit seiner jetzt erschienen Sammlung von Studien zu Werk und Persönlichkeit Peter Hilles. Foto: Wolfgang Braun

Diese sprachliche Sensibilität bewies er auch in seinem Vortrag am Samstag, in dem er auf den heute fast unbekannten Literatur-Parodisten Hanns von Gumppenberg und sein „Teutsches Dichterroß in allen Gangarten vorgeritten“ hinwies. Der 1928 verstorbene Autor, Theaterkritiker und Kabarettist – er war auch in München Mitbegründer der legendären „Elf Scharfrichter“ – hatte in seiner Parodiesammlung, die auch heute noch erhältlich ist, sich Hilles sehr pathetisches 123-Zeilen- Gedicht „Die Brautseele“ aufs Korn genommen. Im Gegensatz zu vielen anderen, zum Teil recht boshaften Parodien zumeist namhafter Lyrikerinnen und Lyriker, darunter auch Else Lasker-Schüler, Rilke, Hofmannsthal, oder Heine, klopfe Gumppenberg Hille „eher kameradschaftlich auf die Schulter“. In der Parodie „Mädchen im Frühling“ führt er die Stileigenheiten des Dichters wie seinen emphatischen Grundton, sein Hang zum überzogenen Pathos und zu Wortneuerfindungen vor.

In dankbarer Verbundenheit

„Gumppenberg hat Hilles Diktion sehr genau gekannt“, meinte der Referent. Er ist sich sicher, dass die beiden sich auch persönlich begegnet waren: Gumppenberg sei wohl auch im Berliner „Cabaret zum Peter Hille“ aufgetreten. Sie seien sich auch im „Friedrichshagener Dichterkreis“ begegnet.

Die kameradschaftliche Kritik habe offenbar gefruchtet. Denn Peter Hille habe in seinem Roman „Die Hassenburg“ das Gedicht „Brautseele“ wieder aufgenommen und es auf 15 Zeilen gekürzt. Andere Autoren seien aber unter Umständen beleidigt gewesen, als sie sich in dem „Teutschen Dichterross“ regelrecht verspottet gefühlt hätten.

Nach seinem Vortrag las Pouthier aus seinem im Ch. Möllmann-Verlag erschienen 288 Seiten starken Buch: „Programm habe ich nicht. Die Welt hat auch keins. Studien zu Werk und Persönlichkeit des Dichters Peter Hille“, so das Vorwort. Es ist Helmut Birkelbach „in dankbarer Verbundenheit auch über den Tod hinaus“ gewidmet.

Zeit der Heldendämmerung

Dem Heroischen im geschichtlichen Wandel war der Vortrag von Hans-Hermann Jansen gewidmet. In diesem „Versuch von Beethoven über Hölderlin bis zu Hille und Brecht“ unternahm der Hausherr der Kulturstiftung Marienmünster, bei der die Tagung coronabedingt stattfand, einen Parforceritt durch literarische aber auch bildnerische Zeugnisse, die das Heldische thematisieren. Jansen nannte unsere Zeit nicht ohne Genugtuung eine Zeit der „Heldendämmerung“. Denn schon Brecht habe gesagt: „Unglücklich ist die Zeit, die Helden nötig hat.“

Pouthier regte in der Diskussion an, eine Tagung dazu zu verwenden, einen Blick auf die negativen Helden in Hilles dramatischem Werk zu werfen. Der Vorsitzende der Gesellschaft, Michael Kienecker, untersuchte in seinem Referat die philosophischen Verbindungen zwischen Hegel und Hölderlin, deren beider 250. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird, und schlug von dieser Basis aus eine Brücke zu Hille, der am Freitag vor genau 166 Jahren in Erwitzen geboren worden war. Er zeigte auf, wie stark Hölderlin Hegel beeinflusst hatte. Sie hatten zusammen mit Schelling in Tübinger Stift studiert und dort heftig mit der französischen Revolution sympathisiert. Hölderlins Denken, das auf die Versöhnung der Gegensätze – auch von Subjekt und Objekt – ausgerichtet war und das er in der erst 1961 entdeckten Schrift „Seyn, Urtheil und Modalität“ entfaltet hatte, findet sich in Hegels Philosophie wieder. Dessen Methode der Dialektik sei auf die Versöhnung der Gegensätze, auf Synthese, angelegt. Zwar werde der Name Hegel bei Hille nur zwei Mal erwähnt, doch der Dichter bewege sich in einer Gedankenwelt, die Hegel und Hölderlin entwickelt hätten und deren zentraler Begriff die Schönheit sei.

Ausstellung eröffnet

Eröffnet wurde die Tagung mit einem gut besuchten Rezitations- und Konzertabend, der in seinem musikalischen Teil Beethoven gewidmet war. Jazz-Improvisationen zu Hölderlin und Beethoven mit dem Georg-Rox-Trio wechselten sich ab mit Darbietungen des Streicherensembles Quartetto Risonanze, das das Klavierquartett von Ludwig van Beethoven spielte. Eröffnet wurde auch eine Ausstellung mit Fotografien von Gerhild Mignat zur handschriftlichen Annäherungen von Kindern und Jugendlichen an Hölderlin.

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