Fr., 08.03.2019

Nieheim: »Perspektiven«-Gründerin Margarete von der Borch verstorben Vorbild für gelebte Menschlichkeit

Eine Momentaufnahme mit Margarete von der Borch und behinderten Kindern im russischen St. Petersburg – sie spiegelt die Freude auf beiden Seiten wider.

Eine Momentaufnahme mit Margarete von der Borch und behinderten Kindern im russischen St. Petersburg – sie spiegelt die Freude auf beiden Seiten wider. Foto: Verein »Perspektiven«

Von Harald Iding

Nieheim/Berlin/St. Petersburg (WB). Nach schwerer Krankheit ist am Donnerstag, 7. März, Margarete von der Borch im Alter von 53 Jahren im Kreise ihrer Familie auf Gut Holzhausen verstorben. Die Trauer ist groß. Die Mutter einer 14-jährigen Tochter hatte mit der Gründung des Vereins »Perspektiven« vor 27 Jahren viel für behinderte Menschen und Straßenkinder in St. Petersburg bewegt. Dafür erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen.

Von Anfang ist es ihr Ziel gewesen, über die Vereinsarbeit und mit einem engagierten Helferteam eine nachhaltige Verbesserung der Lebenssituation von Kindern und jungen Erwachsenen mit Behinderungen sowie Kindern und Jugendlichen aus sozialen Risikogruppen in und um St. Petersburg zu erreichen.

Träger der Arbeit für Menschen mit Behinderungen ist der russische Partnerverein »Perspektivy«, der 1999 in Sankt Petersburg gegründet wurde. Seitdem wird gemeinsam versucht, die bescheidene Lebenssituation im staatlichen Kinderheim Pawlowsk von Kindern mit schweren körperlichen und geistigen Behinderungen zu verbessern.

»Im Alter von 18 Jahren werden sie in Erwachsenenheime verlegt, wo sie als die Schwächsten natürlich am wenigsten bekommen«, sagte Margarete von der Borch anlässlich der 20-Jahr-Feier des Vereins vor sieben Jahren. »Um die Jugendlichen dennoch weiter betreuen zu können, weiteten wir unser Engagement im Jahr 2000 auf ein Internat in Peterhof aus.«

Spenden tragen Projekt

Neben projektbezogenen Zuwendungen durch Stiftungen wird die Arbeit von »Perspektiven« allein von Spenden getragen. »Wir brauchen für unsere Arbeit jeden Cent«, warb Margarete von der Borch immer wieder um Unterstützung. Und die war auch im Kreis Höxter groß. Alle haben sich hinter dieses vorbildliche ehrenamtliche Engagement gestellt und den Verein tatkräftig unterstützt – von Schulkindern, die Sponsorenläufe organisierten bis zu Betriebsfeiern und Jubiläen.

So richtete beispielsweise der Nieheimer Maschinenbauer Ruberg vor zwei Jahren eine große Benefizveranstaltung aus, wo dem Verein am Ende stolze 22.543 Euro übergeben werden konnten. »An Tagen wie diesen, wünscht man sich Unendlichkeit« – damit beschrieb Margarete von der Borch in Anlehnung an einen bekannten Songtext ihr Gefühl, als sie erfuhr, dass bei der Benefizveranstaltung dieser hohe Betrag zusammengekommen war.

Feier mit Eintrag ins »Goldene Buch« der Stadt Nieheim 2007 (hier mit dem früheren Nieheimer Bürgermeister Johannes Kröling). Foto: Harald Iding

Der Verein gehört dem Paritätischen Wohlfahrtsverband NRW an. Gabriele Popp-Linder, die viele Jahre Vorsitzende des Kinderschutzbundes Höxter war, lobte zum 50. Geburtstag der Vereinsgründerin: »Margarete von der Borch ist ein herzensguter Mensch. Sie gibt denen Hoffnung, die auf Hilfe setzen!«

2011 durfte die Initiatorin Margarete von der Borch gemeinsam mit ihrem Vorstandskollegen Thomas Seifert in Berlin den Preis »Goldene Victoria für soziales Engagement« entgegen nehmen. Der Verband der Zeitungsverleger (VDZ) als Interessenvertretung von mehr als 3000 Zeitschriften hatte während einer Feierstunde im Beisein des Bundespräsidenten dem gemeinnützigen Verein »Perspektiven« diese hohe Anerkennung ausgesprochen.

»Goldene Victoria« als Preis

Die Jury ehrte damit »den selbstlosen Einsatz des Vereins für sozial und körperlich benachteiligte Kinder und Jugendliche in St. Petersburg.« Wolfgang Fürstner (VDZ) betonte in seiner Laudatio: »Es bedarf einer Menge Kraft und Einsatz, auch Überwindungskraft, um diesen Menschen zu helfen. Das russische Sozialsystem ist mit dem deutschen nicht vergleichbar. Paradoxerweise ist die Unterstützung von Seiten des Staates um so kleiner, je schwerer die Behinderung ist. Daher ist die Arbeit des Vereins unschätzbar wertvoll – für die Kinder und Jugendlichen selber, aber auch für die russische Gesellschaft. Das ist ein bewundernswerter Einsatz für die Menschlichkeit!«

Kinderheim in Pawlowsk

Margarete von der Borch sagte damals nach der Verleihung: »Als wir zum ersten Mal dieses Kinderheim in Pawlowsk besuchten, hatten wir keine Vorstellung von dem, was sich daraus entwickeln würde. Wir wollten aber nicht hinnehmen, dass die Kinder ausschließlich in ihren Betten lagen und behinderte Kinder nicht zur Schule gehen durften. Wir haben es schließlich geschafft. Einige unserer schwer behinderten Kinder gehen in die Schule – und es sollen noch viel mehr werden!«

Die Stadt Nieheim sprach ihr 2007 öffentlich Lob und Anerkennung aus. »Diese Auszeichnung in meiner Heimatstadt zu erhalten, das hat schon eine ganz besondere Qualität und macht mich sehr stolz«, verriet sie damals dem WESTFALEN-BLATT.

Hilfsprojekt statt Studium

Nach einem Moskaubesuch im Jahre 1988 und der Auswertung von Nachrichten über ein russisches Straßenkinderprojekt in St. Petersburg, das von der Borch mit Freunden aus Berlin unbedingt unterstützen wollte, rückte Margarete von der Borch ihr damaliges Jurastudium an die zweite Stelle und stellte die Hilfe für russische Kinder, die in Not geraten sind und vielfach auf den Straßen von St. Petersburg leben mussten und immer noch müssen, an die erste Stelle ihres Lebens.

Wie am Donnerstag von der Familie von der Borch zu erfahren war, wird die Beerdigung wahrscheinlich am Wochenende 23/24. März erfolgen.

Persönliche Worte von Harald Iding

In der ersten Reihe zu stehen, das lag der stets bescheidenen Margarete von der Borch so gar nicht. Dafür rückte sie lieber die Probleme und Sorgen hilfsbedürftiger Kinder in der russischen Metropole weit nach vorn in den Fokus der Öffentlichkeit.

Als Journalist lernte ich die junge Adelige aus Nieheim-Holzhausen vor mehr als 25 Jahren das erste Mal beruflich kennen – und ließ mich von ihrer Empathie für andere Menschen sofort mitreißen.

Die erschütternden Bilder, die sie mir von den Straßenkids und behinderten Kindern zeigte, die in staatlichen Heimen von St. Petersburg erschreckend unwürdig untergebracht waren, sind mir nicht mehr aus dem Sinn gegangen. Und ich verstand sofort, was sie so sehr bewegte und warum sie ihre ganze Energie und Zeit für andere aufbrachte. Dieses Leid wollte sie mit ganzer Kraft und den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln unbedingt beenden – und das möglichst dauerhaft.

Mit jeder Aktion, die sie für »ihre« Kinder und jungen Erwachsenen in St. Petersburg im Laufe der Jahre organisierte, stieg auch im Kreis Höxter die Begeisterung für das soziale Projekt. Diese starke wie mitfühlende Frau, die aus einer der ältesten Adelsfamilien Westfalens stammt, hat in ihrem Leben nicht nur den Verein ­»Perspektiven« vor mehr als einem Vierteljahrhundert gegründet, sondern auch vielen behinderten Menschen eine neue, echte Lebensperspektive gegeben. Die Kinder und Jugendlichen haben sie als »Engel von St. Petersburg« geliebt und geschätzt. Margarete von der Borch ist viel zu früh verstorben. Ihre Botschaft der Nächstenliebe – sie wird uns allen bleiben, trotz des Schmerzes.

 

 

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