Trainerin Tina Drewitz stellt Wiedersehensfreude beim ersten Training heraus – viel hat sich verändert
SV Bökendorf hält beim Training Abstand

Bökendorf  (WB/üke). „Das Besondere waren die große Freude und die Emotionen, die freigesetzt worden sind. Wir konnten endlich wieder zusammen trainieren.“ Trainerin Tina Drewitz hat mit den Fußballerinnen des SV Bökendorf das Training wieder aufgenommen – fast zeitgleich mit dem Start der Geisterspiele in der Fußball-Bundesliga. Wie war es? Wo hat es angesichts der umfassenden Hygienevorschriften und Vorgaben gehapert? Beim Regionalligisten ist der Auftakt unter erschwerten Bedingungen gut gelungen. Redakteur Jürgen Drüke hat bei Tina Drewitz (34) nachgefragt. Die Ex-Bundesligaspielerin blickt zuversichtlich und mit gebotenem Abstand nach vorne.

Sonntag, 17.05.2020, 20:12 Uhr aktualisiert: 18.05.2020, 14:50 Uhr
Abstand halten und desinfizieren: Trainerin Tina Drewitz (rechts) macht Sara Brecker für das Training fit. Foto: Jürgen Drüke
Abstand halten und desinfizieren: Trainerin Tina Drewitz (rechts) macht Sara Brecker für das Training fit. Foto: Jürgen Drüke

Die erste Trainingseinheit liegt hinter dem SV Bökendorf. Wie ist diese angesichts der Vorgaben und Vorschriften verlaufen?

Tina Drewitz: „Es war alles anders und vieles ungewohnt. Das Tragen der Schutzmasken, Abstand halten, die Hygiene- und Desinfektionsvorschriften und für jede Spielerin ein eigener Ball. Die Mannschaft hat es gut angenommen. Alle Akteurinnen waren bestens vorbereitet. Die Freude auf das Wiedersehen hat für alles entschädigt. Wir waren alle sehr froh und dankbar, dass wir wieder miteinander trainieren konnten.

 

Sie haben sich bestimmt gut in die neuen Regeln eingelesen. Gab es von Ihrer Seite Bedenken oder vielleicht sogar Ängste?

Drewitz: Die Informationen waren im Vorfeld wichtig. Zudem war ich als Lehrerin bereits im Thema. Die Schülerinnen und Schüler meiner Berufsschulklasse am Berufskolleg des Kreises Höxter in Brakel habe ich bereits an das schulische Hygiene-Konzept herangeführt. So war ich gut geschult und vorbereitet. An der Schule hat das bereits alles sehr gut funktioniert. Die SVB-Spielerinnen haben dem in nichts nachgestanden.

 

Sind bei der ersten Einheit alle Spielerinnen dabei gewesen?

Drewitz: 15 Akteurinnen waren vor Ort. Einige haben sich abgemeldet. Es waren alles nachvollziehbare Gründe. Beispielsweise, wenn sich in der Familie ein Mitglied aus einer sogenannten Risikogruppe befindet. Das Training ist selbstverständlich freiwillig und sehr gut angenommen worden. Die Vorfreude war bereits im Vorfeld immens groß. Wir sehen es als großes Glück, dass wir nun wieder trainieren können. Der Körperkontakt ist noch ausgeschlossen. Deshalb konnte es noch kein Trainingsspiel geben. Am 30. Mai sollen sich die Bestimmungen lockern. Wir warten es ab.

 

Wie ist das Training abgelaufen und wo haben Sie Probleme ausgemacht?

Drewitz: Vor der Übungseinheit stand die Erklärung der Vorschriften auf dem Plan. Die Spender mit den Desinfektionsmitteln lagen parat und waren aufgestellt. Die Umkleideräume durften und dürfen noch nicht genutzt werden. Duschen ist nicht erlaubt. In der kalten Jahreszeit wäre unter diesen Bedingungen kein Training möglich. Die Spielerinnen müssen schließlich auch noch einige Kilometer nach Hause fahren. In dieser Jahreszeit geht das. Wir haben die ersten Schritte gemacht. Unser Training war eine kleine Krafteinheit bei strengster Einhaltung der Abstandsregeln. Die Übungseinheiten haben wir in drei Fünfer-Gruppen durchgeführt. Jede Spielerin hatte ihren Ball, der jeweils mehrmals desinfiziert worden ist. Dribblings standen auf dem Plan. Natürlich hätte jede Spielerin auch schon wieder gerne gespielt.

 

Die Bundesliga ist mit den Geisterspielen gestartet. Haben Sie sich darauf gefreut?

Drewitz: So richtig gefreut habe ich mich nicht. Wenn die Fans nicht ins Stadion dürfen, dann fehlt das Wichtigste, denn Fußball sind Emotionen und Lebensfreude. Ich musste fast darauf gestoßen werden, dass das Revierderby Borussia Dortmund gegen Schalke 04 auf dem Spielplan stand. Das sind Spiele, die mich als Fan von Borussia Dortmund eigentlich immer elektrisieren. Jetzt ist eben alles anders. Die Borussen haben 4:0 gewonnen. Trotzdem, Dortmund gegen Schalke 04 ohne ein ausverkauftes Stadion – das ist schon sehr surreal. Bei den Spielen im Profifußball geht es darum, dass die Vereine überleben. Die Fernsehgelder garantieren die Existenz. Dabei ist die Schraube längst überdreht. Hoffentlich wird heruntergefahren und der Amateurfußball wieder mit ins Boot genommen. In Zeiten von Corona wird vieles zutage gefördert, was unser Leben vorher bestimmt hat: Es fehlten zu oft Maß und Mitte. Schnelligkeit stand vor Gründlichkeit. Stress und Hektik haben den Alltag bestimmt. Gut, dass wir nun runterfahren und darüber nachdenken konnten, was wirklich wichtig ist. Ich telefoniere nun fast jeden Abend per Videochat mit meiner besten Freundin in Dortmund. Darauf freue ich mich jedes Mal riesig. Familie, Freunde und Bekannte sind wichtig. Das werden sicherlich viele Menschen in dieser Zeit erkennen.

 

Der Sport steht nun zu Recht im Hintergrund. Trotzdem werden Sie den „Tag X“ im Hinterkopf haben. Was glauben Sie, wann der Start in die Saison 2020/21 erfolgen wird?

Drewitz: Wenn die Ansteckungen sich in überschaubaren Grenzen halten, wenn das Virus beherrschbar bleibt und es hoffentlich keine zweite Welle geben wird, dann gehe ich von einem Start Anfang September aus – vielleicht am Samstag, 6. September. Vorher liegen noch die Sommerferien und wird es wie vor jeder Saison eine etwa sechswöchige Vorbereitung geben. Aktuell denke ich wie die meisten im Fußball nur von Woche zu Woche. Es kann sich täglich etwas verändern. Es ist schön, dass wir nun zumindest wieder trainieren können. Die kleinen Schritte auf dem Weg zurück in die Normalität, die wir vielleicht erst in einem Jahr erreichen, bestimmt das Jahr 2020. Es hat sich gezeigt, wie wichtig das Miteinander im Leben generell ist. Das letzte Meisterschaftsspiel haben wir mit dem SV Bökendorf am 1. März bestritten. Wenige Wochen später war das Leben in der Welt stillgelegt. Wir sind froh, dass wir uns wieder sehen durften.

 

Der SV Bökendorf stellt den Kader für die nächste Saison zusammen. Wie geht es voran?

Drewitz: Wir stehen mit einigen guten Spielerinen in Kontakt. Dabei ist es nicht entscheidend, wie alt oder jung jemand ist. Die Leistung und das Potenzial sind ausschlaggebend. Wir leben im Kreis Höxter und haben sicherlich nicht die Voraussetzungen wie sie im Ruhrgebiet oder Rheinland vorherrschen. In unserer Region gibt es einige vielversprechende Talente. Den B-Juniorinnenen-Bereich haben wir dabei im Visier. Wir stehen in guten Gesprächen. Sicherlich wird, wenn es die Bestimmungen wieder erlauben, auch noch das ein oder andere Probetraining stattfinden. Von unserem aktuellen Kader haben 15 Spielerinnen zugesagt. Das ist eine gute Zahl. Kristin Multhaup ist aus Neuseeland zurückgekehrt. Lea Künemund hat nach ihrem Kreuzbandriss am vergangenen Freitag unter den veränderten Bedingungen erstmals wieder trainiert. Wir wollen mit einem Kader von 20 Spielerinnen, plus zwei Torhüterinnen in die Spielzeit gehen.

 

Der SV Bökendorf steht vor der dritten Regionalliga-Saison. Wie beurteilen Sie das Liga-Level?

Drewitz: Das körperbetonte Spiel ist sehr ausgeprägt. Deshalb ist neben den fußballerischen Möglichkeiten die Fitness ganz wichtig. Der Sprung von der Westfalen- in die Regionalliga ist schon sehr groß. Sicherlich ist es für einen kleinen Verein wie den SVB und ein Dorf von nicht einmal 800 Einwohnern etwas Besonderes in der dritthöchsten Spielklasse des deutschen Frauenfußballs dabei zu sein. Wir freuen uns mehr denn je auf die Regionnaliga.

Ein Kommentar von Jürgen Drüke

Von einem Start in die Saison sind die Regionalligaspielerinnen des SV Bökendorf noch weit entfernt. Die Hoffnung liegt auf Anfang September. Der Anfang ist mit dem ersten Training unter völlig veränderten Bedingungen gemacht.

Sie haben sich wieder. Das war die wichtigste Botschaft. Große Freude, Emotionen und das Lachen in den Gesichtern der Akteurinnen bedeuten viel mehr als drei Punkte. Selbst die schier unendlich erscheinenden Auflagen, die Hygiene- und Desinfektionsvorschriften konnten die gute Stimmung nicht trüben. Sie sind mehr denn je ein Team. Daran änderte auch der Abstand im Training nichts.

Der Ball rollte noch verhalten. Doch sie werden sich nun wieder regelmäßig treffen. Dabei sind sie trotz des Shutdowns und der Abstandsregeln nicht nur beim SV Bökendorf enger zusammengerückt. Ausgerechnet in Zeiten von Corona, in denen eine der schönsten Nebensachen der Welt kaum eine Rolle spielt, werden Wir-Gefühl und Teamgeist immens gestärkt.

Regionalligist SV Bökendorf geht voran und macht allen anderen Mannschaften Mut und Hoffnung. Das ist ein großer Sieg in schlechten Zeiten: Corona schweißt Menschen und Teams zusammen.

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