Buch von Sabine und Wolfram Schwieder über das „Immaterielle Kulturerbe“ – Flechthecke als „grüner Wall“ – Ausstellung in Berlin geplant
Flechthandwerk kommt zu neuen Ehren

Nieheim/Ostfildern -

Das „Museum Europäischer Kulturen“ der Staatlichen Museen zu Berlin bereitet eine besondere Ausstellung vor, die auch Bezug zu Nieheim hat. „In der Bundeshauptstadt dreht sich bald alles um das Flechthandwerk“, verrät Ulrich Pieper dem WESTFALEN-BLATT. Die Nieheimer werden mit ihren Aktivitäten auch in einem neuen Buch erwähnt.

Dienstag, 04.05.2021, 05:37 Uhr aktualisiert: 04.05.2021, 05:40 Uhr
„Knotenreich“: Die Nieheimer Flechthecke als Naturhecke gewinnt als Alternative zum Drahtzaun wieder an Bedeutung.
„Knotenreich“: Die Nieheimer Flechthecke als Naturhecke gewinnt als Alternative zum Drahtzaun wieder an Bedeutung. Foto: Harald Iding

Das Ausstellungsprojekt sei mindestens auf eine Dauer von zwei Jahren angelegt (2022 bis 2024). Pieper freut sich, dass die Nieheimer Flechthecke dort „im Modell und Bild“ thematisiert werden soll. Und es gibt eine weitere Neuigkeit rund um das Thema „Nieheimer Flechthecke“. Die wird nämlich in einem Extra-Beitrag im neuen Werk der Buchautoren Sabine und Wolfram Schwieder aus Ostfildern (Baden-Württemberg) als Musterbeispiel für Nachhaltigkeit gewürdigt. Unter dem Titel „Zukunftsprojekt Tradition. Das Immaterielle Kulturerbe in Deutschland nach der Konvention der UNESCO“ liegt das druckfrische Ergebnis von zwei Jahren intensiver Recherche und vielen Gesprächen mit Projektteilnehmern vor. Auf 280 Seiten bekommt man einen sehr guten Einblick in das, was sich hinter der Bezeichnung „Immaterielles Kulturerbe“ verbirgt.

Die Autoren Sabine und Wolfram Schwieder: „Damit es ein Thema in das bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes schafft, ist sehr viel Einsatz erforderlich. Es sind Menschen beteiligt, die sich als Einzelpersonen oder in einer Gruppe intensiv für ein Projekt einsetzen – und schlüssig darstellen können, warum gerade dieses ganz besonders wichtig ist. Was uns persönlich über die Begegnung mit engagierten Gesprächspartnern hinaus an diesem Thema gereizt hat, ist die immense Bandbreite.“ Dabei gehe es immer wieder um Traditionen.

So heißt es in ihrem Vorwort: „Was hat die Hebamme mit einem Töpfer gemeinsam? Was verbindet den Orgelbau mit der Falknerei? Warum geht eine Handwerkerin drei Jahre lang auf Wanderschaft und weshalb macht die Geigerin in einer Bluegrass-Band Amateurmusik? Was verbindet den Dirigenten eines Jugendorchesters mit dem Kuhhirten auf einem Berg im Allgäu? Sie alle beschäftigen sich mit Traditionen, die ebenso in die Vergangenheit reichen wie in die Zukunft. Sie beweisen, dass Überliefertes nicht altbacken, ja vorsintflutlich sein muss – sondern im Gegenteil sehr lebendig sein kann.“

Die Autoren laden ein zu einer unterhaltsamen Reise durch Deutschland – auf den Spuren des „Immateriellen Kulturerbes“. Durch das neue Buch (ISBN 978-3-95504-996-6, Halbleinen, 280 Seiten, im Kunth-Verlag zum Preis von 34,95 Euro erschienen) sollen Leser Spaß daran bekommen, das Land und all die Menschen, die sich für dieses wichtige Erbe einsetzen, näher kennenzulernen.

Insgesamt 40 ausgewählte Themen werden in Bild und Wort vorgestellt. Die Bandbreite reicht vom Reetdachdecker-Handwerk, über die Falknerei, der ostfriesischen Teekultur bis hin zur Nieheimer Flechthecke, die unter der Überschrift „Knoten um Knoten, aber kein Stacheldraht“ auf mehreren Seiten vorgestellt wird. Da wird Ulrich Pieper vom Heimatverein Nieheim mit den Worten zitiert: „Die Bienen und ihr Sterben sind ein großes Thema, aber die Flechthecke ist wenig medientauglich.“ Das will der Naturfreund auf jeden Fall ändern – und freut sich auch im Namen seiner Mitstreiter, dass die Flechthecken nun bundesweit weiter an Bedeutung gewinnen.

Die Autoren kommen ins Schwärmen, wenn es um die Beschreibung der hiesigen Region geht: „Rund um das romantische Örtchen im oberen Weserbergland, das im Übrigen als heilklimatischer Ort anerkannt und für seine Käseherstellung berühmt ist, liegt eine hügelige Landschaft. Auf der einen Seite das Eggegebirge und der südliche Teutoburger Wald, auf der anderen Seite die Weser. Diese Gegend ist besser geeignet für Viehzucht und Milchwirtschaft als für den Ackerbau. So hat sich die Flechttechnik – 1650 erstmals nachgewiesen – hier länger erhalten als anderswo.“ Pieper vermutet sogar: „Flechthecken gab es schon zur Römerzeit!“ Und worin liegt der Erfolg dieser traditionsreichen Technik? Pieper findet schnell die passende Antwort: „Es ist die einfachste Art, Wiesen einzugrenzen oder das Vieh von den Ackerflächen fernzuhalten.« Grundlage für die lebende Hecke seien meist einreihig gepflanzte Haselsträucher, manchmal auch Weißdorn, Schwarzdorn, Holunder oder sogar Wildrosen. Viel Hintergrundwissen wird dem Leser neben der szenischen Darstellung in dem kurzweiligen Buch gleich mitgeliert: „Die bereits bestehenden, oft verwilderten Hecken werden zunächst vorbereitet, indem das dicke Holz herausgeschlagen wird und man für eine gleichförmige Höhe von etwa 1,50 Meter sorgt. Lediglich einige stärkere Stöcke bleiben stehen und dienen der Hecke als stabilisierende Pfosten.“

Geflochten werde dann mit dünnen, einjährigen Ruten der Kopfweiden, die so früh im Wachstum noch sehr elastisch sind. »Mit ganz dünnen Weiden können Sie sich die Schuhe zubinden«, verrät Pieper. Das Interesse der Jugend an dieser alten Technik nehme zu, lobt der Nieheimer. Denn mit der Einführung des Stacheldrahtes im 20. Jahrhundert wurden die Flechthecken durch Draht und später mobile Elektrozäune vielerorts ersetzt. Das Wissen um die Technik des Heckenflechtens geriet in Vergessenheit. Heute wissen nur wenige um diese grünen Wälle. »In Deutschland ist die Nieheimer Flechthecke die einzige, die noch lebt.« Das sei Naturschutz pur: „Allerlei Getier findet in der Nieheimer Heckenlandschaft Schutz und Futter.“ Der Kulturerbestatus könnte da viel Positives bewirken, zeigen sich auch die Buchautoren beeindruckt.

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