Di., 08.05.2018

Umstrittene Büste soll erläutert werden – jüdische Gegenstände im neuen Kulturzentrum »Westfälischer Bauer« bleibt im Rathaus

Die Büste »Westfälischer Bauer« des Steinheimer Bildhauers Will Hanebal, die ein Porträt des Steinheimer Bauern Johannes Fricke zeigt, soll nach der Entscheidung im Steinheimer Rat auch künftig im Foyer des Rathaussaals stehen – allerdings versehen mit einer Dokumentation über Künstler und Werk.

Die Büste »Westfälischer Bauer« des Steinheimer Bildhauers Will Hanebal, die ein Porträt des Steinheimer Bauern Johannes Fricke zeigt, soll nach der Entscheidung im Steinheimer Rat auch künftig im Foyer des Rathaussaals stehen – allerdings versehen mit einer Dokumentation über Künstler und Werk. Foto: WB

Von Heinz Wilfert

Steinheim (WB). Der Rat Steinheim hat nach einer sehr sachlich geführten Diskussion am Montag seine Entscheidung zur umstrittenen Büste »Westfälischer Bauer« getroffen. Die Bronzebüste des Steinheimer Künstlers und Bildhauers Will Hanebal soll künftig wieder im Foyer des Rathaussaals stehen.

Die bisher ebenfalls im Foyer aufgestellte Vitrine mit Kultgegenständen über das ehemalige jüdische Leben in Steinheim wird zukünftig räumlich getrennt im künftigen Bildungs- und Kulturzentrum ausgestellt. Martin Reinemann (CDU) hatte eingangs der Debatte gemahnt, die Angelegenheit nicht zu skandalisieren. Die Büste soll mit ausführlichen Informationen zur Biografie Hanebals, zu seinen Werken und zur nationalsozialistischen Kulturpolitik versehen werden. Beabsichtigt ist auch, die Thematik im Geschichtsunterricht der Steinheimer Schulen zu thematisieren und aufzuarbeiten.

Offener Brief

Die Diskussion in Steinheim war nach einem offenen Brief des gebürtigen Bergheimers Dr. Thomas Bauer entflammt. Er machte auf die Ambivalenz in der Person Hanebals in seinem künstlerischen Schaffen aufmerksam – Hanebal war 1937 Mitglied der NSDAP geworden. »Stadtverwaltung und Stadtrat werden sich fragen müssen, ob eine solche Büste heute noch einen Platz haben sollte in einem deutschen Rathaus«, hatte Bauer geschrieben und das räumliche Nebeneinander von jüdischen Kultgegenständen und der Skulptur als ausgesprochen problematisch bezeichnet.

Thema nicht verschweigen

Die Stadt hatte darauf ein Gutachten an Dr. Alexandra Bloch-Pfister (Universität Münster) in Auftrag gegeben. Auf zwölf Seiten beleuchtete die Historikerin das Leben Hanebals, sein künstlerisches Schaffen, seine Mitgliedschaft in der NSDAP, und entwickelte daraus mehrere Handlungsoptionen. Während die Büste »Westfälischer Bauer« in ihrer Grundaussage wenig Ideologisches aufweise, sei die Person Hanebals differenzierter zu beurteilen, schrieb sie. Wie weit ihm seine NSDAP-Mitgliedschaft die Türen für seine zahlreichen Ausstellungsteilnahmen öffnete, sei nicht belegbar. Die Historikern sprach sich dafür aus, das Thema »NS-belastete Büste im Steinheimer Rathaus« offen anzugehen. Keine Lösung könne es sein, die Büste zu entfernen und über das Thema nicht mehr zu sprechen. Bloch-Pfister zog auch den Schluss, dass sich in jüngster Zeit die Tendenz abzeichne, NS-belastete Kunst auszustellen, zu beschreiben und zu informieren. Fachleute sehen sonst die Gefahr, dass solcher Kunst im Verborgenen eine Bedeutung zugeschrieben werde, die ihr vor allem aus kunsthistorischer Beziehung gar nicht zukomme. Die dritte Möglichkeit, die Büste an einen »Denkmalfriedhof« oder ein Museum abzugeben, wurde deshalb bei der Ratsentscheidung nicht berücksichtigt.

Büste wird dokumentiert

Mit Mehrheit sprach sich der Rat dafür aus, die Büste mit einer ausführlichen Dokumentation an ihrem bisherigen Platz zu belassen und die jüdischen Kultgegenstände im künftigen Kultur- und Bildungszentrum auszustellen. Keine Mehrheit fand sich für die von der SPD favorisierte Alternative, beide Objekte im Rathaus zu belassen – allerdings an unterschiedlichen Orten.

Das Leben von Will Hanebal

Hanebal wurde am 29. Dezember 1905 in Steinheim als Sohn des Tischlermeisters Wilhelm Hanebal geboren. Er besuchte die Rektoratsschule und absolvierte eine Lehre als Holzbildhauer beim Kunsttischler Franz Finkeldei sowie dessen Bildhauer Friedrich Schönlau. Nach Abschluss der Lehre ging er auf Wanderschaft – er war tätig in Höxter, Meschede, Hannover, Worpswede und Düsseldorf. Von 1929 an wohnte er in Düsseldorf und arbeitete in einem Atelier in Oberkassel, das nach dem Krieg von Josef Beuys übernommen wurde. Hanebal starb am 3. April 1982 in Meerbusch Büderich. Die Stadt benannte einen Platz zu seinen Ehren als Will-Hanebal-Platz.

Das künstlerische Werk

Im Kreis Wesel erhielt Hanebal 1931 den Auftrag zu einem Kriegerehrenmal im Kreis Wesel – seiner ersten Großplastik im öffentlichen Raum. Er arbeitete aber weiterhin kunstgewerblich als Holzbildhauer und fertigte Möbelschnitzereien für Steinheimer Betriebe. 1935 folgte ein Ehrenmal in Istrup, das er 1955 umgestaltete. 1936 modellierte er zwei Einzelfiguren in einem Ziererker für die Sparkasse Brakel. Der 1935 entstandene »Westfälische Bauer«, der seit 1987 – gestiftet von Ehrenbürger Heinz Becker – im Steinheimer Rathaus als Bronzeabguss steht, war sogar auf der Weltausstellung in Paris zu sehen. 1937 schuf er einen Adler als Hoheitszeichen für die Infanteriekaserne Paderborn. »Hanebal brachte als Künstler mehrere Voraussetzungen mit, die den nationalsozialistisch-ideologischen Vorgaben entgegen kamen: Er war Bildhauer, er arbeitete in Stein große Gedenk- und Mahnmale und er gestaltete ihre Aussage konkret, klar und auch in kriegsverherrlichendem Pathos«, schreibt Bloch-Pfister. Verherrlichende Darstellungen des Krieges bildeten aber keinen Schwerpunkt – wie zum Beispiel bei Arno Breker.

Politisch verlässlich?

Zwischen 1937 und 1943 beteiligte er sich an 18 Ausstellungen. Mehrere Jahre nahm er an der großen Deutschen Kunstausstellung im Haus der Kunst in München teil. Vor dem Entnazifizierungsausschuss gab er 1947 an: »Außer der Zahlung von Pflichtbeiträgen habe ich keinerlei Ämter oder Dienste in der Partei oder ihrer Gliederungen inne gehabt.« Er wurde durch den Ausschuss entlastet und als »politisch verlässlich« eingestuft. Nach dem Krieg versuchte er mit der expressiven Holzplastik »Der Gehetzte« die Gräuel des Krieges zu verarbeiten.

Dr. Bauer kritisiert den Rat

Steinheims Bürgermeister Carsten Torke (CDU) hat Beschwerdeführer Dr. Thomas Bauer die Ratsentscheidung zum Fall Hanebal mitgeteilt. Bauer antwortet und kritisiert den Rat: »Das Ergebnis der Abstimmung darf ich so auf den Punkt bringen: Die Juden (bzw. ihre Hinterlassenschaften) müssen raus aus dem Rathaus, der Parteigenosse (bzw. seine Hinterlassenschaft) hingegen darf, künftig mit einem Info-Täfelchen versehen, seinen angestammten Platz behalten im Herzstück der Steinheimer Demokratie. Das ist in der Tat eine denkwürdige Entscheidung.« Die Frage, welches Signal von einer solchen Ratsentscheidung ausgehe, werde man aufwerfen dürfen, so Bauer. »Auch die Frage, wie jüdische Einrichtungen und die Hinterbliebenen, die Sie regelmäßig zu Reichspogromnacht-Gedenkfeiern einladen, den Beschluss aufnehmen werden, wird abzuwarten sein. Aber solche Feiern ließen sich künftig vielleicht ins Kulturzentrum verlegen? Vielleicht wartet dort bereits die Vitrine? Ihren Dank für die Sensibilisierung in Sachen NS-Geschichte nehme ich gern entgegen und fasse ihn als Motivation auf, weiterhin (auch) auf diesem Gebiet zu forschen«, schreibt Dr. Bauer.

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