Erste Gemeinwohl-Kommune in NRW – Ziel ist ein gutes Leben für alle
Steinheim stellt die Weichen

Steinheim (WB). Die Idee gibt es schon seit eineinhalb Jahren: Mit dem einstimmigen Ratsbeschluss vom Montag geht Steinheim als erste Stadt in Nordrhein-Westfalen den Weg zur Gemeinwohl-Kommune. »Damit wollen wir in Steinheim eine Vorreiterfunktion übernehmen«, sagt Bürgermeister Carsten Torke.

Freitag, 11.05.2018, 15:28 Uhr aktualisiert: 11.05.2018, 15:30 Uhr
Setzen sich für eine bessere Welt ein (von links): Annegret Binder, Bürgermeister Carsten Torke und Wirtschaftsförderer Ralf Kleine stellen den Weg zur Gemeinwohl-Kommune vor. Foto: Brakemeier
Setzen sich für eine bessere Welt ein (von links): Annegret Binder, Bürgermeister Carsten Torke und Wirtschaftsförderer Ralf Kleine stellen den Weg zur Gemeinwohl-Kommune vor. Foto: Brakemeier

Die Idee hinter der Gemeinwohl-Ökonomie, wie sie der Österreicher Christian Felber entwickelt hat, ist einfach, aber sehr kompliziert in der Umsetzung. Das Prinzip: Nicht mehr das Geld, sondern das Wohl aller Menschen ist der Antrieb für die Wirtschaft. Das Modell setzt auf Kooperation statt Konkurrenz. In weltweit 35 Staaten und etwa 3000 Unternehmen wird die Gemeinwohl-Ökonomie forciert. In Europa hat die Idee Felbers, der 2017 die Reineccius-Medaille für Querdenker in Steinheim erhalten hat, vor allem in Großbritannien und in Spanien für viel Nachhall gesorgt. In Deutschland steckt das Modell vor allem auf politischer Ebene noch in den Kinderschuhen. Erst zwei Gemeinden in Bayern haben sich zertifizieren lassen. In NRW wird Steinheim gemeinsam mit Minden erstmals diesen Weg gehen.

Beurteilungskatalog für Kommunen

Dazu werden Themenfelder wie Ökologie, Mitbestimmung der Mitarbeiter, Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder der Beitrag zum Gemeinwesen beurteilt. Zusammen mit der Fachhochschule in Minden soll so ein Beurteilungskatalog für Kommunen erstellt werden. Die Folge: Menschen können in der veröffentlichten Gemeinwohl-Bilanz nachlesen, wie sich die Kommune in Feldern wie Menschenwürde, Nachhaltigkeit oder Transparenz präsentiert und danach eine berufliche Entscheidung treffen oder einen Umzug in eine gut bewertete Kommune in Erwägung ziehen. Den Startschuss für die Ratsentscheidung hatte das Apotheker-Ehepaar Annegret und Albrecht Binder gegeben. »Die Idee der Gemeinwohl-Ökonomie hat uns sofort überzeugt«, sagt Annegret Binder. Nach Absprache mit ihren Mitarbeitern hat sich der Familienbetrieb schnell zertifizieren lassen. Annegret Binder: »Durch die Bilanz wissen wir auch, in welchen Feldern wir uns noch verbessern müssen.«

»Gutes Personal ist schwer zu bekommen«

Der Erfolg für das Unternehmen seien zufriedene Mitarbeiter, auch eine dringend benötigte Fachkraft konnte aufgrund der Gemeinwohl-Bilanz bereits gewonnen werden. Ähnliche Effekte erhofft sich Bürgermeister Carsten Torke auch für »seine« Stadt: »Gerade in wirtschaftlich guten Zeiten wie jetzt, ist gutes Personal, besonders bei uns auf dem Land, nur schwer zu bekommen. Wir erhoffen uns durch die Gemeinwohl-Bilanz einen Standortvorteil für Steinheim.« Der Bürgermeister ist sicher, dass Steinheim bereits jetzt auf einem guten Weg ist. Flexible Arbeitszeiten für die Verwaltungsmitarbeiter und die Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten, seien Faktoren, die oft mehr zählten als die Gehaltsüberweisung. Ein Viertel der kommunalen Mitarbeiter macht bereits mit bei Walk- und Yogagruppen, Lauftreffs und Frühschwimmen könnten die nächsten Angebote sein. Der Umbau-West habe die Lebensqualität im Ortskern gesteigert und auch der Ikek-Prozess in den Ortschaften zeige bereits erste Erfolge. »Es wird gebaut«, freuen sich Torke und Steinheims Wirtschaftsförderer Ralf Kleine.

Nicht nur verwalten, sondern Neues ausprobieren

Nicht nur verwalten, sondern etwas Neues, Interessantes ausprobieren – das ist für Carsten Torke der Antrieb. »Ich war geflasht«, erinnert er sich an die Begegnung mit Christian Felber beim Reineccius-Markt. Mit der Bilanzierung und dem Weg dahin könne Steinheim zur Blaupause nicht nur für andere Kommunen werden. Auch Firmen sollen, so die Hoffnung der Beteiligten, den Weg der Binder-Apotheken gehen und weniger auf Gewinn-Maximierung um jeden Preis, dafür mehr auf so genannte »weiche Standortfaktoren« setzen. Beratend kommt bei dem gesamten Prozess ein noch zu gründender Arbeitskreis zum Einsatz. Wenn ein Konzept in Zusammenarbeit mit der Stadt Minden und der Fachhochschule erarbeitet ist, folgt die Bilanzierung durch externe Auditoren. Anschließend hat die Stadt zwei Jahre Zeit, an den erkannten Defiziten zu arbeiten, um bei der nächsten Bilanz besser abzuschneiden – der einzig richtige Weg, findet Annegret Binder. »Das Ziel ist ein gutes Leben für alle, nicht nur für wenige. Ich glaube eines sehen wir alle: Wenn wir so weitermachen wie bisher, fahren wir vor die Wand.« Deshalb will Steinheim rechtzeitig die Weichen stellen. »Wir gehen’s an und zwar jetzt und nicht erst 2024«, ist Bürgermeister Carsten Torke tatendurstig.

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