Di., 18.06.2019

Lena Strothmann überreicht Eisernen Meisterbrief an Willi Gemmeke »Ich weiß, was Familie bedeutet«

Lena Strothmann, Präsidentin der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe zu Bielefeld, übergibt den Eisernen Meisterbrief an Willi Gemmeke. Vor 65 Jahren hatte er den Betrieb neu aufgebaut, seit 1991 führt Sohn Alfred das Steinheimer Traditionsgeschäft.

Lena Strothmann, Präsidentin der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe zu Bielefeld, übergibt den Eisernen Meisterbrief an Willi Gemmeke. Vor 65 Jahren hatte er den Betrieb neu aufgebaut, seit 1991 führt Sohn Alfred das Steinheimer Traditionsgeschäft. Foto: Ralf Brakemeier

Von Ralf Brakemeier

Steinheim (WB). Allein die Zahlen sind beeindruckend: Seinen 90. Geburtstag feiert Willi Gemmeke in diesem Jahr. Er hat 17 Nachkommen, davon sechs Urenkel, er war zehn Jahre Bürgermeister seiner Heimatstadt Steinheim, fast 44 Jahre im Rat, gehört seit 63 Jahren der CDU an und seit 60 Jahren dem Bürgerschützenverein. Geehrt wurde Gemmeke nun mit dem Eisernen Meisterbrief. Seine Prüfung zum Malermeister legte er vor 65 Jahren ab.

»Ein nicht alltägliches Jubiläum«, fand auch Lena Strothmann, Präsidentin der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe zu Bielefeld. Als »eine ihrer letzten Amtshandlungen«, nach 21 Jahren an der Spitze der Kammer tritt sie in diesem Jahr nicht wieder an, machte sie sich auf den Weg nach Ostwestfalen, um Willi Gemmeke persönlich die besondere Urkunde zu überreichen.

Schon 1941, mit zwölf Jahren, endete für Wilhelm Gemmeke, den alle nur »Willi« nennen, die Kindheit. Für den gesundheitlich angeschlagenen, betagten Vater musste er im heimischen Betrieb aushelfen. Zwei Jahre später begann er seine Ausbildung bei Malermeister Anton Hirnstein in Steinheim.

Sohn Alfred tritt in die Fußstapfen des Vaters

Nach bestandener Gesellenprüfung arbeitete er dort, wie später auch in Düsseldorf und der Schweiz, ehe er, zunächst ebenfalls in Düsseldorf, später in Lemgo, die Malerfachschule besuchte und 1954 seine Meisterprüfung ablegte. Er blieb seitdem, wie er in der Feierstunde mit Familie, Mitarbeitern und Kammerpräsidentin Lena Strothmann betonte, »ein Handwerker fürs ganze Leben.«

Elf Jahre ruhte der ehemalige Betrieb des Vater, 1954, vor 65 Jahren, nahm Willi Gemmeke die Arbeit in der elterlichen Werkstatt wieder auf und führte sie, bis Sohn Alfred die Firma, die er noch heute leitet, 1991 übernahm. Aus dem Nichts hatte Gemmeke in den Aufbaujahren den Betrieb entwickelt.

»Wir waren immer Vorreiter«, ist der Senior noch heute stolz auf das Geleistete. »Wir waren die ersten, die Spannböden verlegten oder erste Wärmedämmungen einbauten«, erinnert sich Willi Gemmeke. »Damals reichten vier Zentimeter, heute sind es 20«, ergänzt Sohn Alfred lächelnd. Pionier war Willi Gemmeke auch, wenn es um die Ausbildung neuer Fachkräfte ging.

Erster Lehrling arbeitet noch im Betrieb

40 Lehrlinge erlernten ihr Handwerk bei Malermeister Gemmeke, eine Zahl, die Sohn Alfred seit 1991 sogar noch übertreffen konnte. 60 Azubis erlernten unter ihm als Firmenchef das traditionsreiche Handwerk. Erster Lehrling des damals noch jungen Chefs Willi Gemmeke war Werner Claes.

»Von Werner habe auch ich das Handwerk erlernt«, erinnert sich Alfred Gemmeke gut an die Zeit, als er noch nicht Chef, sondern Lehrling im Betrieb des Vaters war. Claes, heute fast 80 Jahre alt, arbeitet noch immer für ein paar Stunden in der Woche im Betrieb und gibt seine mehr als 60-jährige Berufserfahrung an die junge Generation weiter.

Stütze und Richtschnur im Betrieb wie in der Familie war mehr als 60 Jahre lang Ehefrau Helga. In Düsseldorf hatte Willi seine spätere Frau, mit der er 2016 die Diamantene Hochzeit feiern konnte, kennengelernt. Im vergangenen Jahr starb Helga Gemmeke. »Sie hinterlässt bei uns allen eine große Lücke«, sagt Willi Gemmeke traurig.

Die gelernte Schneiderin war bekannt und fast ein wenig gefürchtet für ihre korrekte und genaue Art. Nicht erst seit ihrem Tod weiß Willi Gemmeke den Wert eines Familienzusammenhalts zu schätzen. »Ich habe damals, bevor ich den Betrieb an meinen Sohn übergeben habe, deutlich erweitert. Dann kamen die wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Da haben wir alle zusammengestanden. Ich weiß, was Familie bedeutet«, sagt er. Neben der Familie seien aber auch gute Mitarbeiter wichtig für die Firma. Die habe man stets gehabt.

Bürgermeister und Ratsmitglied

Dank der Unterstützung durch die Angehörigen konnte Willi Gemmeke auch abseits der Firma aktiv werden. In der Kolpingsfamilie wirkt er seit seiner Kindheit mit, als Ratsmitglied über mehr als vier Jahrzehnte, als stellvertretender und später als Bürgermeister drückte er seiner Heimatstadt den Stempel auf. In seine Zeit als Stadtoberhaupt fielen der Start des Emmerauenprogramms und die Entscheidung zum Bau der Bahnunterführung im Zentrum. 1989 erhielt er das Bundesverdienstkreuz am Bande.

»Mir war es wichtig, persönlich zu kommen«, sagte Lena Strothmann bei der Übergabe des Eisernen Meisterbriefes. »Sie haben vieles richtig gemacht. Hätten wir mehr Betriebe wie den Ihren, hätten wir keine Probleme im Handwerk. Und wir brauchen auch ein funktionierendes Ehrenamt«, ergänzte sie angesichts von 100 Auszubildenden in 65 Jahren. Sohn Alfred setzt die Tradition fort, ist nicht nur Firmenchef, sondern auch Obermeister der Maler- und Lackiererinnung und darüber hinaus stellvertretender Kreishandwerksmeister.

Von den Kriegszeiten, in denen Gemmeke noch im Volkssturm »das Vaterland verteidigte«, über eine lange und erfüllte Berufs-, Ehrenamts- und vor allem Familienzeit bis zum 90. Geburtstag, der im September ansteht, war es für Willi Gemmeke ein langes, abwechslungsreiches Leben.

Für ihn bestimmten zwei Dreiklänge die vergangenen fast 90 Jahre: »Als Handwerker braucht man Verstand, Handfertigkeit und Herz. Das hat mich fit fürs Leben gemacht.« Die Pflicht, der Glaube und die Familie sind für Willi Gemmeke das Fundament eines erfüllten Lebens. Aber noch hat der fitte Fast-Neunziger etwas vor. Nach der Urkunde für den 70-jährigen Meisterbrief hat er sich bei Lena Strothmann vorsorglich schon einmal erkundigt.

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