Fr., 05.07.2019

Missbrauchsfall Lügde: 57 Jahre alter Mann aus Steinheim unter Missbrauchsverdacht Vom Zeugen zum Beschuldigten

Eine Beamtin der Spurensicherung bringt Ausrüstung zu ihren Kollegen von der Einsatzhundertschaft.

Eine Beamtin der Spurensicherung bringt Ausrüstung zu ihren Kollegen von der Einsatzhundertschaft. Foto: Christian Althoff

Von Christian Althoff

Lügde (WB). Frank Schäfsmeier (54) starrt lange wortlos aus dem Fenster seines Büros. Dann sagt er mit leiser, bedächtiger Stimme: »Was denn noch? Hört das denn nie auf?«

Es ist Donnerstagmorgen, und die meisten Camper schlafen noch. Seit Donnerstag weiß Schäfsmeier, dass die Polizei wieder auf seinem Campingplatz ist – diesmal wegen eines 57-Jährigen aus Steinheim. Am Mittwochnachmittag haben die Beamten mit der Durchsuchung der Parzelle begonnen, gleich soll es weitergehen. »Klar ist es gut, dass die Kripo jedem Verdacht nachgeht und alles aufklärt«, sagt der 54-Jährige. »Das wollen wir ja auch. Trotzdem liegen bei uns so langsam die Nerven blank.«

Mit Handtuch und Kulturtasche unter dem Arm und Schlappen an den Füßen ist ein älterer Camper auf dem Weg zu einem Waschraum. Seit mehr als 30 Jahren komme er schon auf den Platz, sagt er. »Wir haben gerade im Internet gelesen, was hier schon wieder los ist«, sagt er kopfschüttelnd. »Wir dachten eigentlich, dass mit dem Prozess Ruhe einkehrt.« Den Mann, um den es geht, kennt er nur vom Sehen. »Ich weiß nichts über ihn.«

Als Zeuge in der Ermittlungsakte

Die Ermittlungskommission »Eichwald« kennt den 57-Jährigen Camper dagegen schon länger. Er taucht als Zeuge in der Ermittlungsakte auf. Er habe seinen Enkeln, ist da zu lesen, irgendwann den Kontakt zu Andreas V. verboten, weil der häufig vor den Kindern nur in Unterhosen herumgelaufen sei.

Ein fürsorglicher Großvater also?

Der Mann, der seit Mittwoch unter Verdacht steht, ist ein Freund von Mario S. (34) – jenem Angeklagten im Lügde-Prozess, der vor einigen Tagen etwa 160 Fälle von Kindesmissbrauch gestanden hat. Die beiden Steinheimer waren an einer Anschrift in Steinheim gemeldet und kennen sich seit Jahrzehnten. 2010 pachteten sie zusammen eine Parzelle auf dem Campingplatz, auf der sie einen Wohnwagen stehen hatten. Jahre später bezog Mario S. dann sein eigenes Areal, auf dem er jahrelang Kinder missbrauchte – laut Anklage neun Jungen und acht Mädchen.

Kind aus seiner Verwandtschaft

Im April hatte die Polizei die Behausung von Mario S. abreißen und die Parzelle räumen lassen. Gut 50 Meter entfernt sind nun Beamte der Spurensicherung dabei, die Unterkunft des 57-jährigen Steinheimers zu untersuchen – einen Wohnwagen und einen Anbau. Hauptkommissar Andreas Starken von der EK »Eichwald« leitet den Einsatz: »Der läuft so wie damals bei den anderen beiden Beschuldigten auch.« Das heißt: Was ein Beweis sein könnte oder näher untersucht werden muss, wird in Kartons gepackt und mitgenommen. Polizisten der Einsatzhundertschaft packen mit an.

Allerdings, das ist aus Justizkreisen zu erfahren, geht es im aktuellen Fall nicht um so monströse Vorwürfe, wie sie den beiden Campern Andreas V. und Mario S. im Moment vor dem Landgericht Detmold gemacht werden. Bisher steht nur der Verdacht im Raum, dass sich der Steinheimer an einem einzigen minderjährigen Opfer vergangen haben soll – einem Kind aus seiner Verwandtschaft, das am Mittwoch bei seiner polizeilichen Befragung überraschend eine Vergewaltigung durch den Mann beschrieb. Ob es diese Tat gab und ob sie bewiesen werden kann – das bleibt an diesem Donnerstag offen. Und der Beschuldigte in Freiheit.

Dritter Verhandlungstag in Detmold

Während die Durchsuchung auf dem Campingplatz »Eichwald« läuft, findet 35 Kilometer entfernt der dritte Verhandlungstag im Lügde-Prozess statt – wieder weitgehend hinter geschlossenen Türen. Rechtsanwalt Cornelius Pietsch, der die heute acht Jahre alte früherer Pflegetochter von Andreas V. vertritt, sagt in einer Verhandlungspause: »Ihre alleinerziehende Mutter war Mitte 20. Als sie mit einem zweiten Kind schwanger war, fühlte sie sich überfordert und wurde depressiv. Da gab sie ihre vier Jahre alte Tochter zu Andreas V. auf den Campingplatz. Sie kannte ihn seit langem, und sie vertraute ihm.«

Die von der Staatsanwalt angeklagten 130 Taten an der kleinen Pflegetochter seien allerdings nur ein Bruchteil der Verbrechen, die das Kind erlitten habe. »Da können sie noch Mal eine Null dranhängen. Es ist eben so, dass die Erinnerung eines kleinen Kindes und seine Möglichkeit, etwas zeitlich einzuordnen, eingeschränkt sind.«

Für eine Bestrafung macht die Zahl der Taten letztendlich keinen Unterschied: Mehr als 15 Jahre Haft lässt das Gesetz nicht zu.

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