Mi., 11.09.2019

Den Sehnsuchtsort gefunden – Kunstprojekt stellt sich am Samstag vor Wintrup wird zum Kulturgut

Wollen das Gut wieder für Kulturinteressierte öffnen (von links): Künstlerin Christiane Limper, Bewohner Paul Moser, Künstlerin Gesine Bahn, Wolfgang Stratmann und Bewohner Max Dettling – so wie einst die Band Kraan (kleines Bild).

Wollen das Gut wieder für Kulturinteressierte öffnen (von links): Künstlerin Christiane Limper, Bewohner Paul Moser, Künstlerin Gesine Bahn, Wolfgang Stratmann und Bewohner Max Dettling – so wie einst die Band Kraan (kleines Bild). Foto: Ralf Brakemeier

Von Ralf Brakemeier

Steinheim (WB). Bald 50 Jahre ist es her, da war das ehemalige Rittergut Wintrup zwischen Sandebeck und Vinsebeck für wenige Jahre ein »Hotspot« alternativer Kultur, Musik und Lebensweise in Ostwestfalen. Die bekannte Jazz-Rockgruppe Kraan hatte hier ein Domizil gefunden. Nun soll ein Kunstprojekt am Samstag dem Kulturgut Wintrup neues Leben einhauchen.

Vor einem Jahr hatte die Flensburger Künstlerin Christiane Limper ein partizipatorisches Kunstprojekt am Vinsebecker Vulkan organisiert. Nun folgt Teil zwei. Gemeinsam mit sechs kunst- und kulturinteressierten Menschen aus der Region werden die ganz unterschiedlichen Kunstprojekte, angefangen von Interviews über Fotoausstellungen, Installationen bis hin zu Malerei, präsentiert. Dazu gehört auch die Verpflegung der kunstinteressierten Besucher mit Kaffee, Kuchen und Musik. Unter dem Stichwort »Die Erkundung der Erkundung« sind die Türen in Wintrup sowohl für die Außenanlagen, als auch für bestimmte Ausstellungsräume am Samstag, 14. September, von 12 bis 18 Uhr geöffnet. Um 15 Uhr wird Kunsthistorikerin Dr. Sigrun Brunsiek vom Verein Wasserschloss Reelkirchen, der als Veranstalter des Kunstprojekts im ländlichen Raum fungiert, eine Einführung geben.

WG auf dem Rittergut

Auf dem ehemaligen Rittergut haben sich vor sechs Monaten sechs kreative junge Menschen niedergelassen, um abseits der Stadt ein natürliches, friedliches und auch künstlerisches Leben zu führen. Nach Umbau und Einleben hatte die WG im August erstmals zum »Wintruper Hofsommer« eingeladen. Nicht nur Wolfgang Stratmann, Zeitzeuge der Kraan-Periode auf Gut Wintrup und Teil des Kunstprojektes, fühlte sich an den Anfang der 70er-Jahre zurückversetzt, als die experimentierfreudigen Musiker rund um die Brüder Wolbrandt, Hellmut Hattler und Saxophonist Johannes Pappert als Kraan eben hier ihre ersten musikalischen Schritte machten.

Im nicht weit entfernten Detmold gab die Band ihr erstes offizielles Konzert, ihrem zweiten Album gab die Band 1973 den Namen »Wintrup«, später folgte der Song »Wintruper Echo«. »Diese Jahre haben nicht nur die damals sehr bekannte Band Kraan geprägt«, erinnert sich Wolfgang Stratmann. Auch die »Dorfjugend« aus den beiden benachbarten Steinheimer Ortschaften ließ sich hier inspirieren, fand mitten im Wald am Einkenbach 24 Stunden am Tag neue Ideen, auf die Welt zu blicken, das Leben zu gestalten. So wurde Wintrup zum Sehnsuchtsort und Treffpunkt für die »Dorfjugend«. Eine Zeit, so erinnert sich Stratmann, die bis heute nachwirke. Viele hätten ihren späteren Lebensweg ohne die Zeit mit der Kultband sicher anders gestaltet. So wurde zum Beispiel Stratmanns Bruder Hans von Bielefeld aus zum größten Konzertveranstalter in ganz Ostwestfalen.

Drachenmythen und Klimawandel

Die Geschichte der Band Kraan spielt auch bei verschiedenen Kunstprojekten die zentrale Rolle, andere beschäftigen sich mit Landschaft, Historie und Natur der Region. Aber auch alte Mythen rund um Drachen und moderne Problemstellungen wie der Klimawandel kommen zu Wort.

»Diese Landschaft bietet viel Raum für Kunst, ich bin gerne wiedergekommen«, freut sich Christiane Limper, die sich von Verwitterungsspuren der alten Bahnunterführung in Sandebeck zu chinesischer Landschaftsmalerei inspirieren ließ. Diesen Sehnsuchtsort haben auch die sechs (zum Teil ehemaligen) Studenten in dem historischen Gebäude und seiner Lage mitten im Wald gefunden. Sie planen unter anderem, eine Holzwerkstatt und einen Probenraum für Musikgruppen zu verwirklichen.

Gefunden im Internet

»Die Kunstausstellung ist für uns der Einstieg, im kommenden Jahr sollen weitere Projekte hier entstehen, wir planen Ausstellungen und Konzerte«, berichten die Musiker Max Dettling und Paul Moser, zwei der neuen Bewohner. Durch eine Internet-Anzeige sind sie auf das ehemalige Rittergut gestoßen, ein erster Besuch des Anwesens brachte schnell Klarheit: »Das muss es sein.« Die Bewohner wollen sich auf das Experiment einlassen, hier, wie die Band Kraan, einen zu Ort schaffen, wo alternatives Leben, Kunst und Kultur zusammen gehen.

Die Faszination dieses ungewöhnlichen Ortes hat die Wohngemeinschaft erfasst, wie schon die Kraan-Kommune Anfang der 70er Jahre. Der »Geist von Wintrup« hat bei den Musikern zumindest gewirkt. Zwar trennte sich die Band 1977 zum ersten Mal, brachte aber im Folgejahr gleich wieder eine Platte heraus. Es folgten etliche weitere kürzere und längere Trennungen, aber immer wieder kamen die Musiker, die in Steinheim ihren künstlerischen Weg gesucht hatten, als Band zusammen. So auch bei der (bisher) letzten Trennung 2013. Gerade einmal eine Woche später verkündeten die Bandmitglieder das nächste Konzert. Internet-Infos: www.kulturgut-wintrup.de.

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