Kommunalwahlkampf in Zeiten von Corona: Kandidaten setzen auf digitale Kanäle
Zurückhaltung ist angesagt

Höxter/Nieheim (WB). Den Menschen zuhören, ins Gespräch kommen, nah dran sein: All das ist den Kommunalwahlkandidaten in Zeiten von Corona auf analogem Weg versagt. Jana Katharina Reineke, unabhängige Bewerberin für das Bürgermeisteramt in Nieheim, hatte genau das vor: Sie wollte Zeit investieren, um auf die Menschen zuzugehen. Direkt und persönlich. So wie es „eigentlich mein Ding ist.“

Donnerstag, 23.04.2020, 12:33 Uhr aktualisiert: 23.04.2020, 12:36 Uhr
Jana Reineke, Daniel Razat (oben) und Daniel Hartmann kandidieren für das Bürgermeisteramt und sind durch die Krise ausgebremst. Im Gespräch mit dem WESTFALEN-BLATT schildern sie, wie sie in Krisenzeiten ihren Wahlkampf gestalten. Foto:
Jana Reineke, Daniel Razat (oben) und Daniel Hartmann kandidieren für das Bürgermeisteramt und sind durch die Krise ausgebremst. Im Gespräch mit dem WESTFALEN-BLATT schildern sie, wie sie in Krisenzeiten ihren Wahlkampf gestalten.

Dass sie diese Stärke jetzt nur sehr begrenzt einbringen kann, „lässt mir das Herz schon ein bisschen schwer werden“, bedauert die 31-Jährige. Den Kopf in den Sand steckt die Kandidatin aber nicht. Sie macht das Beste draus, nutzt digitale Tools und denkt aber auch an die älteren Menschen, die nicht mit den modernen Kommunikationstechnologien vertraut sind. „Auch auf sie werde ich proaktiv zugehen.“ Hier leistet das altbewährte Telefon gute Dienste.

Frage der Woche

Wer online unterwegs ist, kann über ihre Homepage (jana-reineke.de) und auch über die einschlägigen sozialen Netzwerke mit Jana Katharina Reineke in Kontakt treten. Im Internet können sich die Bürger einen Eindruck verschaffen, wie die 31-Jährige ihre Heimatstadt nach vorne bringen möchte. Auf Facebook und auf ihrer Homepage beantwortet die Kandidatin neuerdings jede Woche eine Frage, die Bürger gestellt haben. Los ging es kürzlich mit der Frage „Wie stehen Sie zur Digitalisierung?“ Telefonisch ist die Kandidatin auch erreichbar.

Daniel Razat.

Daniel Razat.

Für den Fall, dass die Kontaktverbote länger anhalten, will die junge Nieheimerin, die von der SPD unterstützt wird, weitere digitale Tools nutzen. Beispiel: Videokonferenzen mit Chatfunktion. Dabei greift sie auf berufliche Erfahrungen zurück. „Ich beschäftige mich derzeit mit digitalen Messen“, berichtet die als Führungskraft und Projektleiterin tätige Nieheimerin.

Herausfordernd

Daniel Hartmann.

Daniel Hartmann.

Inhaltlich werde sich der Schwerpunkt trotz der Themen, die Bestand hätten, verlagern. „Wie wird sich die Krise auf die Kommunen auswirken? Die Dinge lassen sich schwer abschätzen. Trotzdem gilt es, ein Programm aufzustellen, das Hand und Fuß hat“, sagt Jana Katharina Reineke.

Dass derzeit andere Themen als der kommunale Wahlkampf Priorität haben, sei ihr bewusst. „Unsere Gesundheit ist gefährdet, und wirtschaftliche Existenzen stehen auf dem Spiel. Ich möchte aus dem aktuellen Ausnahmezustand keinen persönlichen Vorteil ziehen und werde diesen nicht in meinen Wahlkampf einbeziehen.“ Die Situation sei herausfordernd und ohne Beispiel. „Niemand kann sagen, was richtig und was falsch ist. Wir haben aber die Chance, Dinge zu verändern. Das sollten wir versuchen.“

Nicht angemessen

Daniel Hartmann (43), unabhängiger Bürgermeisterkandidat in Höxter, tritt angesichts der Krise auf die Wahlkampf-Bremse: „Aus Respekt vor der Lebenssituation jedes Einzelnen halte ich Wahlkampf in dieser schwierigen Zeit für nicht angebracht“, betont der Finanzfachmann. „In vielen Telefonaten mit Arbeitnehmern und Unternehmern habe ich erfahren, dass die Menschen Existenzangst haben. Sie machen sich Sorgen um ihre Gesundheit oder die Gesundheit ihrer Angehörigen. Viele sind in Kurzarbeit. Die Menschen haben aus diesen Gründen derzeit Wichtigeres im Kopf als Kommunalpolitik.“ Angesichts der schwierigen Lebenssituationen vieler Menschen halte er den Wahlkampf für nicht angemessen. „In vielen Gesprächen wird mir bestätigt, dass das im Moment der richtige Weg ist. Ich bin landesweit mit Bürgermeisterkandidaten im Gespräch, die diesen Kurs auch fahren.“

Auch wenn er die Füße stillhalte, habe er aber ein offenes Ohr für die Menschen und sei für sie erreichbar, stellt Daniel Hartmann klar. „Die Bürger können jederzeit mit mir Kontakt aufnehmen. Das wird auch rege in Anspruch genommen.“ Keinen Wahlkampf zu machen, heiße lediglich, dass er zurzeit keine kommunalpolitischen Inhalte transportiere. „Zurück gezogen habe ich mich nicht“, hebt Daniel Hartmann mit Verweis auf seine Homepage (www.daniel-hartmann.net), die Kontaktmöglichkeiten per E-Mail oder Telefon und auch die sozialen Netzwerke hervor.

Situation dynamisch

Die Situation sei dynamisch und könne sich schnell ändern. „Man muss sie immer wieder neu bewerten.“ Den Wahlkampf-Shutdown also auch. Hartmann ist zuversichtlich, dass genügend Zeit bleiben wird, um den Menschen Inhalte nahezubringen. Und: Für den Fall, dass die Kontaktverbote länger anhalten, habe er einen „Plan B“. Natürlich hofft der 43-Jährige, den die SPD als unabhängigen Kandidaten unterstützt, dass persönliche Kontakte bald wieder möglich sind. Sie seien durch nichts zu ersetzen.

Die Menschen sollen mich als Person von allen Seiten kennen lernen.

Daniel Razat

Analog und auch digital wollte Daniel Razat (39), der als unabhängiger Bewerber für das Bürgermeisteramt in Höxter antritt, im März seinen Wahlkampf starten. Dann kam plötzlich der Shutdown. „Also haben wir mit unserem digitalen Angebot begonnen“, sagt der Bundeswehr-Offizier. Auf seiner Homepage www.razat.de stellt der Familienvater aus Ovenhausen sich und sein Programm vor. Auf den Social-Media-Kanälen postet er Fotos, bewegte Bilder und eine dreiteilige Interview-Reihe. „Die Menschen sollen mich als Person von allen Seiten kennen lernen“, hat sich der von der CDU vorgeschlagene Kandidat auf die Fahnen geschrieben.

Natürlich sei das besser möglich, wenn man in Diskussionsrunden und bei Abendveranstaltungen die Ärmel aufkrempele und ins Gespräch komme. Da das nicht möglich ist, versuchen Razat und sein Team, den Kandidaten crossmedial sowohl als Person vorzustellen, als auch seine Ideen für Höxter zu skizzieren. Die Resonanz bestärkt ihn: Wenn ein Facebook-Video 1800 Aufrufe erziele, ohne es zu bewerben, dann sei das ein gutes Zeichen. Rege angenommen würden auch seine Telefon-Sprechstunden dienstags von 19 bis 21 Uhr. Er habe sie eingerichtet, weil Videos, Fotos und Texte das persönliche Gespräch nicht ersetzen könnten. Über eine WhatsApp-Gruppe transportiert Daniel Razat ebenfalls Inhalte.

Kurzer Straßenwahlkampf

Wenn nach dem 31. August tatsächlich größere Veranstaltungen wieder möglich seien, blieben zwei Wochen für den Straßenwahlkampf. „Wir müssen also die digitalen Kanäle nutzen“, schlussfolgert Daniel Razat. Es sei wichtig, kommunalpolitische Fragen auch jetzt aufzugreifen. Die Auswirkungen der Krise auf die Kommunalfinanzen beispielsweise seien für die Bevölkerung von großem Interesse. Razat befürwortet, dass amtierende Bürgermeister wie Michael Stickeln und Carsten Torke die Menschen über die digitalen Kanäle kontinuierlich informieren. „Das schafft Vertrauen und gibt Orientierung.“

Die schrittweise Öffnung des Einzelhandels sei ausdrücklich zu begrüßen, bezieht der Kandidat auf seinen digitalen Kanälen Position. Und er ruft zu Umsicht und Achtsamkeit beim Einkaufen auf: „Es liegt an uns allen, inwieweit diese ersten Lockerungen ausgeweitet werden können oder ob sie womöglich wieder zurückgefahren werden müssen.“

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