Schüler des Beruflichen Gymnasiums treffen sich nun im Chatraum
Zusammen lernen trotz Corona

Höxter  (WB).  Der Bildschirm ist gut sichtbar, das Smartphone eingeschaltet, die Videokamera eingestellt, und die Bücher liegen parat. Der letzte Check, bevor der Online-Unterricht an diesem Dienstagmorgen beginnt, läuft. Klassenlehrerin Astrid Deilke wird in wenigen Minuten ihre Klasse im Chat begrüßen. Alles ist anders als noch vor sieben Wochen.

Freitag, 01.05.2020, 06:10 Uhr
Multitasking: Klassenlehrerin Astrid Deilke ist auf allen Kanälen unterwegs und lobt die Disziplin der Schüler im Online-Unterricht Foto: Jürgen Drüke
Multitasking: Klassenlehrerin Astrid Deilke ist auf allen Kanälen unterwegs und lobt die Disziplin der Schüler im Online-Unterricht Foto: Jürgen Drüke

Nicht mehr gemeinsam im Klassenraum, sondern räumlich getrennt. Online-Unterricht ist angesagt. Das Motto: „Wir lernen zusammen und im Team.“ Die Schülerinnen und Schüler der zwölften Jahrgangsstufe des Beruflichen Gymnasiums für Wirtschaft am Berufskolleg Höxter schalten sich jeweils von zu Hause aus Beverungen, Bevern, Nieheim, Stahle, Lauenförde oder Höxter zu. Die vierfache Mutter Astrid Deilke sitzt inzwischen an ihrem Schreibtisch im Büro ihres Familienhauses in Brenkhausen. „Es werden fast 30 Teilnehmer dabei sein“, weiß die Studienrätin, die seit 2003 am Berufskolleg des Kreises Höxter in Höxter am Beruflichen Gymnasium und an der Berufsschule unterrichtet. „Nervös“, gibt die Pädagogin zu, „bin ich vor dem Unterricht immer ein bissschen.“ Funktioniert die Technik?“ Das sei vor dem Online-Unterricht und in Zeiten von Corona die Hauptfrage. An diesem Morgen liege leider ein Totalausfall bei einem bekannten Telefonanbieter vor. „Da werden einige Schüler wahrscheinlich nicht dabei sein können“, befürchtet die Lehrerin.

Doppelstunde Betriebswirtschaft

Das Tablett ersetzt in Zeiten des Online-Unterrichts die Tafel.

Das Tablett ersetzt in Zeiten des Online-Unterrichts die Tafel. Foto: Jürgen Drüke

Eine Doppelstunde im Leistungsfach Betriebswirtschaftslehre steht auf dem Plan. „Zwei Aufgaben wollen wir heute gemeinsam lösen“, sagt Deilke. Seit drei Wochen trifft sie sich nun mit ihrer Klasse im Online-Unterricht. „Trotz Corona können wir zusammen lernen. Von Unterrichtsstunde zu Unterrichtsstunde würde es besser. „Gut ist, dass Fragen sofort beantwortet werden können.“ Die Schüler sehen, wie ihre Lehrerin auf dem Tablet schreibt. Im Team erarbeiten sie die Lösungen.

Fünf Minuten noch bis zu Beginn des digitalen Unterrichts. Deilke erkennt, dass sich die ersten Schülerinnen und Schüler zuschalten. Die Namen Eugen, Pia, Felix und Celina leuchten ganz links auf dem Bildschirm auf. Fast im Sekundentakt werden es immer mehr Namen.

Start 9.30 Uhr

  Foto: Jürgen Drüke

Es ist inzwischen 9.30 Uhr. Fast alle Teilnehmer sind zugeschaltet. Der Unterricht kann beginnen: „Guten Morgen“, begrüßt Astrid Deilke ihre Schützlinge. „Hallo.“ „Guten Morgen zurück.“ „Der Ton funktioniert bei mir noch nicht so richtig.“ „Frau Deilke, ich kann sie leider noch nicht auf meinem Bildschirm sehen.“ Das sind die ersten Mitteilungen vor dem Start. Die Probleme werden gelöst. „Wir gehen zunächst die Aufgabe sechs auf Seite 162 an“, macht die Lehrerin die Vorgabe. „Ein Produkt, das zum Nettopreis von 198 Euro verkauft wird...“, liest Deilke die Aufgabe vor. Der Deckungsbeitrag und der “Break-even-Point“ sollen zunächst ermittelt werden. Zudem soll der Erfolg bei einer vorgegebenen Absatzzahl errechnet werden. Es entsteht ein reger Austausch. Einige Schüler pirschen voran. Die Pädagogin verfolgt die eingehenden Lösungen im Chatverlauf. Gleichzeitig kommuniziert sie mit ihren Schützlingen. „Ich bin jetzt auch zugeschaltet. Die technischen Probleme sind behoben“, meldet sich Schülerin Pia mitten in der Hochphase der Aufgabenlösung nach etwa 25 Minuten zum Online-Unterricht an. „Schön, dass Du da bist“, freut sich Deilke. Um 10.05 Uhr ist die erste Aufgabe gelöst. Die zweite Aufgabe wartet. Dabei geht es unter anderem um den „Planabsatz“, „variable Stückkosten“ und die „Fertigungszeit“. „Wir machen zunächst zehn Minuten Pause“, gönnt die Lehrerin ihrer Klasse eine Auszeit.

Zehn Minuten Pause

Um 10.15 Uhr sind sie wieder ­alle zugeschaltet. Noch einmal 45 Minuten höchste Konzentration. Die Teamarbeit funktioniert. Kurz vor 11 Uhr ist Schluss. Die Schüler wollen mehr wissen: „Frau Deilke, werden wir am Montag, 4. Mai, wieder normalen Unterricht in der Schule haben?“, fragt eine Schülerin. „Wie soll der gestaltet werden und welche Regeln müssen wir einhalten?“, macht sich ein weiterer Schüler Gedanken. „Die Pläne A und B liegen in der Schublade. Wir sind auf alles vorbereitet“, sagt die Lehrerin und macht deutlich: „Wenn wir tatsächlich mit dem Unterricht in der Schule starten sollten, wird nichts so sein wie vorher.“

Ein Kommentar von Jürgen Drüke

Ein Kanal nur für Kinder. Die Grundschule in Vinsebeck geht neue Wege und unterrichtet unter dem Sendernamen „Linden TV“ auch in Zeiten von Corona. Lehrer haben Erklärvideos für ihre Schüler erstellt. Der Online-Unterricht aus der Grundschule an den Linden wartet mit einer ganz besonderen Qualität auf. Der Lernstoff wird in Filmen fesselnd vermittelt. Die Lehrerinnen und Lehrer machen es möglich.

Die Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe zwölf des Beruflichen Gymnasiums am Berufskolleg des Kreises Höxter treffen sich zum Leistungsfach Betriebswirtschaftslehre notgedrungen nicht mehr im Klassen-, sondern im Chatraum. Der Online-Unterricht bringt voran und bereitet die Jugendlichen auf das Abitur 2021 vor.

Zwei von sicherlich vielen positiven Beispielen der Unterrichts-Gestaltung im Kreis Höxter in Zeiten der Krise und der geschlossenen Schulen. Stellvertretend für das große und kreative Engagement der heimischen Pädagogen stehen der Vinsebecker Grundschul-Leiter Ingo Kortmann sowie Studienrätin Astrid Deilke vom Berufskolleg des Kreises Höxter. Dabei zeigen die Lehrkräfte in schwersten Krisenzeiten wie der Unterricht der Zukunft aussehen kann. Großes Potenzial wird freigelegt.

Die Viertklässler werden ab Donnerstag, 7. Mai, wieder die Grundschulen besuchen und auf die weiterführenden Schulen vorbereitet. Die Rückkehr wird mit größter Akribie und Präzision geschehen. Abstände, Hygiene- und Desinfektionsvorschriften sind dabei fast noch die geringste ­Herausforderung. Wie werden sich Viertklässler an die Regeln halten können? Die Lehrer werden neben den Unterrichtseinheiten unter völlig veränderten Bedingungen alles genaustens im Blick haben. Das verdient bereits jetzt Hochachtung.

Im Lockdown sind Kinder und Jugendliche in Deutschland zu oft in Vergessenheit geraten. Eltern und Fachleute sind auf den Plan getreten. Die Bildung und damit die Zukunft dieses Landes dürfen nicht vernachlässigt und damit auf das Spiel gesetzt werden.

Was heimische Pädagogen in Zeiten von Corona entwickeln und anbieten, das ist stark. Lehrerinnen und Lehrer treten als Mut- und Schrittmacher auf. Die Kinder und Jugendlichen merken und brauchen das gerade jetzt jeden Tag.

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