Steinheim: Edward Reiter 50 Jahre im Bäckerhandwerk – Leistungen mit Goldenem Meisterbrief belohnt
„Ich habe immer Hunger“

Steinheim (WB). Mit zehn Jahren hat er Brötchen ausgetragen, mit 16 die Ausbildung begonnen und schon mit 24 zählte Edward Reiter zu den jüngsten Bäckermeistern in Bremen. Heute, 50 Jahre später, freut der Steinheimer sich abermals: Der Goldene Meisterbrief der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe zu Bielefeld hat ihn pünktlich zum Jubiläum erreicht. Auf die Frage, warum er sich für das Bäckerhandwerk entschied, hat der lebenslustige 74-Jährige sofort eine Antwort parat: „Das ist ganz einfach: Ich war einer dieser Menschen, die immer Hunger haben“.

Montag, 11.05.2020, 09:00 Uhr
Einst hatte er eine eigene Bäckerei in Nordfriesland, nun ist er seit 14 Jahren im Ruhestand: Der Steinheimer Edward Reiter hat sich sehr gefreut, als sein Goldener Meisterbrief bei ihm eingetroffen ist. Foto: Greta Wiedemeier
Einst hatte er eine eigene Bäckerei in Nordfriesland, nun ist er seit 14 Jahren im Ruhestand: Der Steinheimer Edward Reiter hat sich sehr gefreut, als sein Goldener Meisterbrief bei ihm eingetroffen ist. Foto: Greta Wiedemeier

Schon beim Brötchenaustragen als kleiner Junge kam er mit dem Beruf in Kontakt und begann schließlich in seiner früheren Heimat Bremen die dreijährige Lehre. „Da fing man nachts um drei Uhr in der Bäckerei an und ging morgens um acht zur Schule“, erinnert Reiter sich an den straffen Tagesablauf.

Eigene kleine Bäckerei

Dieser hielt ihn jedoch nicht davon ab, in seinen anschließenden fünf Gesellenjahren zusätzlich die Abendschule zu besuchen, um seinen Meister zu machen. Das Fachliche habe ihm immer Spaß bereitet, sodass das Lernen leicht fiel. Ob Teigausbeute berechnen, die perfekte Zutatenmenge bestimmen oder Rezepte umsetzen – Edward Reiter war in seinem Element.

Nachdem er in verschiedenen Bremer Betrieben gearbeitet hatte und Teil des Prüfungsausschusses für Bäckerlehrlinge wurde, verwirklichte er Anfang der achtziger Jahre seinen Traum von einer eigenen kleinen Bäckerei in Tönning im Kreis Nordfriesland. „Da war immer etwas los“, erinnert sich das Ehepaar Reiter zurück. Sonntags wurden Sahneschnitten für das Altenheim produziert, in der Woche kamen Hausfrauen mit ihrem eigenen Teig zum Ausbacken in die Backstube; und zusätzlich zum Kernbetrieb wurden zahlreiche Ferienhäuser mit Teigwaren versorgt.

Neuer Lebensmittelpunkt im Kreis Höxter

Als seine Frau Anfang der 1990er Jahre dann eine Stelle als Lehramtsanwärterin im Kreis Höxter bekam, begann Edward Reiter zunächst in seinem Zweitberuf Erzieher im Kolping-Bildungswerk in Brakel zu arbeiten. Dort baute er später auch die Bäckerei zur Ausbildung von Gesellen und Bäckerfachwerkern auf, die bis heute besteht. „Die Ausbildung des Bäckerfachwerkers wurde in Brakel damit erstmalig in NRW angeboten.“ Für viele Jahre war Reiter außerdem Mitglied des Prüfungsausschusses der Handwerkskammer Bielefeld.

„Das Besondere an meiner Arbeit war neben der fachlichen Unterstützung der Kontakt zu jungen Menschen, die teilweise sehr viel mehr Unterstützung auf ihrem beruflichen Weg benötigten“, sagt er. Selbst habe er sich nie gescheut, zum Hörer zu greifen und lokale Betriebe zu kontaktieren, um die bestmöglichen Aussichten für seine rund 50 Auszubildenden zu erzielen. „Es ist leider so, dass die Industrie den Bäckern mittlerweile vieles abgenommen hat“, erklärt er. Daher sei es umso wichtiger, den jungen Lehrlingen zu zeigen, wie die Handgriffe funktionieren, die später im Betrieb häufig maschinell erfolgen. Zu einigen seiner ehemaligen Schützlinge hält er bis heute Kontakt.

Keine Langeweile im Ruhestand

Mit 60 Jahren hat Edward Reiter schließlich seinen Ruhestand angetreten. „Langeweile hatte ich seitdem aber nicht”, so der leidenschaftliche Nordic-Walker. Aktuell engagiert er sich beim „Steinheimer Tisch“ und unterstützt zudem ein junges iranisches Ehepaar, zu dem er dort den Kontakt geknüpft hat, bei der Jobsuche und beim Deutschlernen. „Der Umgang mit Menschen hat ihm schon immer gelegen”, meint seine Frau Susanne Reiter. Ob er noch immer gerne backt? „Nee. Kein Bock mehr”, kommt wie aus der Pistole geschossen Reiters Antwort mit einem Lächeln. Zu Beginn seiner Rentenzeit habe er in seinem damaligen Wohnort Alhausen ein kleines Backhaus im Garten betrieben, wo er regelmäßig mit Nachbarskindern Backstunden veranstaltete.

Spätestens seit dem Umzug vor vier Jahren in die Emmerstadt ist aber Schluss damit: „Unsere Tochter macht so einen tollen Kuchen – da lasse ich jetzt einfach lieber backen“. Vor allem traditionellem Topfkuchen könne er kaum ablehnen – den großen Hunger aus seiner Jugend habe er sich schließlich auch als Rentner bewahrt.

Kommentare

Elmar Klenke  schrieb: 11.05.2020 13:47
Herzlichen Glückwunsch Eddy
Ja Eddy, auch von mir meinen Glückwunsch. Und in Erinnerung an unsere gemeinsame Zeit im KKKB.
1 Kommentare
Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7403430?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198395%2F2851055%2F
Ist Wilfried W. doch schuldfähig?
Wilfried W., hier auf der Anklagebank, sitzt seit mehr als einem Jahr in der Gerichtspsychiatrie. Foto: dpa
Nachrichten-Ticker