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Mo., 06.03.2017

1100 Zuschauer erleben die 5. Warburger Kabarettnacht in der »Diemel-Philharmonie« Sarah gewinnt erstes »Heimspiel«

Radioreporter Hagelüken (Hubertus Hartmann/rechts) interviewt Metzger Schwarte (Frank Baumann) zu dessen Lieferservice »Blutwurst-Blitz« – das war ein Höhepunkt der 5. Warburger Kabarettnacht im Pädagogischen Zentrum.

Radioreporter Hagelüken (Hubertus Hartmann/rechts) interviewt Metzger Schwarte (Frank Baumann) zu dessen Lieferservice »Blutwurst-Blitz« – das war ein Höhepunkt der 5. Warburger Kabarettnacht im Pädagogischen Zentrum. Foto: Ulrich Schlottmann

Von Ulrich Schlottmann

Warburg (WB). Die Musikkabarettistin Sarah Hakenberg ist 2014 nach Warburg gezogen. Bei der 5. Warburger Kabarettnacht im PZ hatte sie also ein »Heimspiel« – und das hat sie furios gewonnen. Mit ihrer unglaublichen Musikalität und intelligenten, frechen Texten sang und spielte sie sich in die Herzen der 1100 begeisterten Zuschauer, die sie in ausverkauften Vorstellungen am Freitag und Samstag erlebten.

Udo Reineke und Frank Baumann von der Präservativen Liste begrüßten die Gäste in der »Diemel-Philharmonie« mit ihrer »einzigartigen Atmosphäre«. Verantwortlich dafür sei die Siemens-Absauganlage, eigentlich eine Umwälzanlage, die dafür sorgt, dass dem Publikum nach spätestens einer dreiviertel Stunde der Atem stockt, behaupteten die beiden.

Herr Schröder thematisiert die »World of Lehrkraft«

Herr Schröder (Lehrer haben ja bekanntlich keine Vornamen) thematisierte als ehemaliger Deutschlehrer die »World of Lehrkraft«. Johannes Schröder hat erst vor einem Jahr die Seiten gewechselt. Vielleicht war er als »Beamter mit Frustrationshintergrund« deshalb so authentisch. Als Lehrer habe er ein »Leben am Korrekturrand der Gesellschaft« geführt, als »Korrekturensohn«, sagte er. Aber der Deutschlehrer steckte noch in ihm, als er mit dem Publikum einen Diskurs über Artikel, Futur zwei und Metaphern führte. Seine Note fiel aber nicht besonders gut aus: »Ihr Ostwestfalen seid sehr emotionale Menschen: Ihr setzt die Kommas nach Gefühl.«

An seinen Schülern an der Helene-Fischer-Gesamtschule, den Justin, Kevins und anderen, ließ der Ex-Pädagogen kein gutes Haar und verzichtete dabei auf jegliche politische Korrektheit: »Justin, stell dich nicht dümmer als du bist – da ist nicht viel Spielraum« oder »Deine Eltern könnten so stolz auf dich sein, wenn sie nur einen Grund dafür hätten.«

Aber auch das Kollegium bekam sein Fett weg. So etwa der Sportlehrer »Trillerpfeifen-Theo«, ein »geistiger Kleingärtner mit Lehrerlaubnis«. »Ball reingeworfen – und schon ist der Unterricht vorbereitet«, kalauerte Schröder. Dabei wunderte er sich, dass der Sportkollege ihn für arrogant hält: »Mit dem habe ich doch schon ein halbes Jahr nicht mehr gesprochen…«

Bitterböses Lied über den »drallen Kalle«

Sarah Hakenberg, von der Präservativen Liste »irrtümlich« als Sahra Wagenknecht angekündigt, präsentierte im PZ Ausschnitte aus ihrem Programm »Struwwelpeter reloaded«. Ganz in der Tradition dieser bitterbösen Verse klang auch ihr Lied über den »drallen Kalle«, der in der Röhrenrutsche festsitzt. Das hörte sich manchmal ganz schön gemein an, aber auch ungemein lustig.

Mit der einen Hand die Tasten anschlagend, mit der anderen die Texte unterstreichend – so erlebten die Zuschauer Sarah Hakenberg Foto: Schlottmann

Sarah Hakenberg brauchte nur einige Tasten anzuschlagen und schon war ihre großartige Musikalität präsent. Ganz locker saß sie an dem alten, schon etwas ramponiert aussehenden Flügel, blickte treuherzig ins Publikum, als könnte sie kein Wässerchen trüben, selbst wenn es in ihren Liedtexten so richtig böse wurde.

Neu-Warburgerin mit messerscharfem Witz

Die Neu-Warburgerin mit dem feinen, aber messerscharfen Witz ist (unübersehbar) mit dem zweiten Kind schwanger und will noch in diesem Jahr heiraten – wenn ihr Mann sie denn fragt. Dass diese voreheliche Phase nicht ganz spannungsfrei ist, machte sich in einem Liebeslied voller ungewöhnlicher Wendungen deutlich. Dass sie es war, die ihren ersten Sohn in ein Schalke-Trikot gesteckt hat, obwohl ihr zukünftiger Mann Dortmund-Fan ist, wird der hoffentlich nie herausbekommen.

Herrlich waren auch ihre Persiflagen auf einen Singer-Songwriter-Wettbewerb und den Musikantenstadl. Wie sie die restringierte Gestik der Volksmusiker entlarvte, war köstlich. Wer Sarah Hakenberg erlebte, der wusste, dass sie den Deutschen Kabarettpreis wirklich verdient hat.

Bördekabarettisten stellen authentisches Mittelalterspektakel vor

Den hat die Präservative Liste (noch nicht), obwohl die Bördekabarettisten ganz ohne Frage entscheidend dafür verantwortlich sind, dass es im Warburger Land nach Aussage von Olaf Menne vom veranstalteten Kulturverein KiS ein großes Kabarettpublikum gibt. Udo Reineke, Frank Baumann und Hubertus Hartmann zeigten diesmal eine weitere Facette ihres Könnens: die musikalische. Herrlich war ihr Blues über das Zusammenleben mit Gertrud mit dem Refrain »kerr, kerr, kerr«. Ihre Vorstellungen über ein authentisches Mittelalterspektakel strotzen dann nur so vor Lokalkolorit – das waren sie: unsere Bördekabarettisten.

Wunderbar gespielt war auch das Interview des Radiomoderators Hagelüken aus Kleinenberg mit Metzger Schwarte, der einen Lieferservice mit dem Namen »Blutwurst-Blitz« betreibt. Der Fleischer hat nicht nur »Fickel-Füße in Aspik« im Programm, sondern beliefert auch Vegetarier: »Das Fleisch lassen wir dann weg. Die müssen nur die Anfahrt bezahlen.« Der Radio-Moderator: »Das ist wirklich innovativ.«

Bördebewohnern und Titgenbürgern den Spiegel vorgehalten

Die Präservative Liste hielt den Bördebewohnern und Titgenbürgern ganz ungeniert und manchmal recht drastisch den Spiegel vor. Das muss man abkönnen, dann liebt man sie. Für Sarah Hakenberg war das offensichtlich noch ein wenig gewöhnungsbedürftig: »Bisher waren mir die Ostwestfalen ja ganz sympathisch. Aber wenn ich das höre, bin ich froh, dass wir hier noch nicht gebaut haben«, lachte sie.

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