Do., 11.10.2018

Tragikomödie »Vater« berührt Zuschauer im Warburger PZ Im Labyrinth des Vergessens

In dem beklemmenden Zweiakter »Vater«, der die Zuschauer im PZ zu Tränen rührte, spielt Ernst-Wilhelm Lenik den an Alzheimer erkrankten 80-jährigen André, Irene Christ seine Tochter Anne, die selbst fast an seiner Pflege zerbricht.

In dem beklemmenden Zweiakter »Vater«, der die Zuschauer im PZ zu Tränen rührte, spielt Ernst-Wilhelm Lenik den an Alzheimer erkrankten 80-jährigen André, Irene Christ seine Tochter Anne, die selbst fast an seiner Pflege zerbricht. Foto: Sabine Haymann

Von Verena Schäfers-Michels

Warburg (WB). Dunkelheit, Musik – abgespielt von einem Plattenspieler –, unheimliche Lichteffekte. So hat die Tragikomödie »Vater« von Florian Zeller begonnen, die vor 400 Besuchern im Pädagogischen Zentrum aufgeführt wurde.

Uhr hilft ihm, sich zu orientieren

Das Intro bricht ab, als die Bühne erhellt wird und eine Frau, die sich später als Tochter Anne (Irene Christ) herausstellt, den Kontakt zwischen Abspielnadel und Platte unterbricht. In einem Sessel sitzt ihr Vater André (Ernst-Wilhelm Lenik), der durch die plötzliche Stille aufgeschreckt wird.

Innerhalb von Sekunden entsteht ein Konflikt. Der 80-jährige André behauptet, die Pflegekraft habe seine Armbanduhr gestohlen, die Tochter ist genervt und entmutigt, weil zum wiederholten Male eine Helferin vergrault wurde. In ihrem Bemühen, den besten Weg für ihren Vater zu finden, zerbricht sie selbst fast an seiner Alzheimer-Erkrankung.

Diese Uhr, die angeblich gestohlen wurde, kurz darauf jedoch hinter der Mikrowelle auftaucht, ist wichtig für den alten Mann. Nicht nur, weil er sie schon so lange hat, sondern weil sie im doppelten Sinne ein Erinnerungsstück ist. Sie hilft ihm, sich zu orientieren, den Tag zu ordnen. Die Uhrzeit zu wissen, gibt ihm Kraft. Doch ebenso schnell wie die Abblenden zwischen den Szenen wechseln, verlegt André wieder und wieder seinen Zeitmesser, bis er schließlich unauffindbar bleibt.

Zuschauern steigen Tränen in die Augen

»Vater« ist ein beklemmender Zweiakter, pendelt zwischen Erinnerung, Hoffnung, Verwirrung und Vergessen. Ständig sieht sich André neuen Menschen gegenüber, deren Gesichter zu wechseln scheinen. Kaum hat er sich an Pierre (Benjamin Kernen), den neuen Freund seiner Tochter gewöhnt, ist dieser nicht mehr dunkelhaarig und schlank, sondern jung und kräftig (Tim Niebuhr).

Oder ist dieser neue Mann gar nicht Annes Partner, sondern der Pfleger in dem Heim, in das André gegen seinen Willen gesteckt wurde? Ist seine neue Pflegerin Laura nun die junge Blondine (Franziska van der Heide), die ihn an seine geliebte jüngere Tochter Élise erinnert oder die Brünette (Nina Damaschke), die er nicht leiden kann? Wohnt André in seiner eigenen alten Wohnung, wo das Esszimmer links und das Wohnzimmer rechts ist, oder bei Anne, wo es keine Möbel gibt, oder doch im Krankenbett im Altenheim?

Das Publikum erlebt die bewussten Momente des dementen Vaters, erlebt, wie André mit seinen Gedächtnislücken konfrontiert wird. Alles ist fremd und verwirrend für ihn, und was klar zu sein schien, stimmt in Wahrheit nicht. Auf ein fröhliches Tänzchen folgt schiere Verzweiflung, die Schauspieler Ernst-Wilhelm Lenik so intensiv wiedergibt, dass dem Zuschauer die Tränen in die Augen steigen.

Ausweg aus dem Labyrinth bleibt versperrt

Und so bleibt auch das Ende offen, ohne Lösung und Erklärung, denn diese gibt es nicht in einem Kopf, in dem immer mehr »kleine Löcher« auftauchen, die »mit dem bloßen Auge nicht zu sehen sind«, wie André es selbst in einem traurig-selbstbewussten Moment formuliert. Der Ausweg aus dem Labyrinth bleibt versperrt.

Autor Florian Zeller (Jahrgang 1979), wurde durch das Schicksal seiner Großmutter, die ihn aufzog, inspiriert. Sie erkrankte an Demenz, als er 15 Jahre alt war. »Aber wer hat keine persönliche Verbindung zu jemandem mit Alzheimer? Es ist vermutlich eines der häufigsten und traurigsten Themen unserer Zeit«, mutmaßt Zeller in einem Interview aus dem Jahr 2015. »Aber ich wollte auf eine originelle Art und Weise damit umgehen, indem ich das Publikum erleben lasse, wie es sich anfühlt, wenn man verloren geht.« Das ist ihm außerordentlich gut gelungen.

Im September 2012 feierte »Vater« – auf Französisch »Le père« seine Uraufführung in Paris. Zweieinhalb Jahre später, da hatte die Tragikomödie bereits die höchste französische Auszeichnung, den »Prix Molière« als bestes Stück erhalten, wurde es in Hamburg erstmals aufgeführt.

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